Home » Home » 48 Stunden in Athen

48 Stunden in Athen

Vormittags zur Akropolis, nachmittags ins Nationalmuseum, und am kommenden Tag sollte man sich Zeit dafür nehmen, das Leben auf der Straße der chaotischen Metropole zu entdecken. Um festzustellen, dass Athen gar nicht so unübersichtlich ist.

Fotos: Thierry Martin

Linda Graf ist beileibe nicht die einzige Westeuropäerin, die Griechenland zu ihrer zweiten Heimat gemacht hat. Allerdings lebt sie nicht in Athen, sondern am Ionischen Meer. In einem kleinen Dorf, in dem es mit Sicherheit noch Großfamilien, handarbeitende Hausmütterchen und mehrere Esel gibt. „Alles Quatsch“, behauptet Journalist Martin Pristl. Und räumt in seiner „Gebrauchsanweisung für Griechenland“ mit fast sämtlichen Klischees auf, die das Urlaubsland belasten.

Nicht einmal 1,4 Kinder bringt ein griechisches Ehepaar in seinem Leben zustande. Die in den touristischen Hochburgen angebotenen Spitzendeckchen sind „made in China“, und weil aktuelle Schätzungen davon ausgehen, dass es kaum mehr 10.000 Esel gibt, wird bereits über ein nationales Schutzprogramm für die grauen Vierbeiner nachgedacht. Über ein weiteres Vorurteil könnte der Reisebuchautor ebenfalls stundenlang den Kopf schütteln: Athen ist kein Dschungel. Zur Rushhour kann die Taxifahrt vom Flughafen ins Zentrum der Vier-Millionen-Einwohnerstadt zwar so lang dauern wie der eben zurückgelegte Flug von Luxemburg nach Athen, aber es gibt auch Tageszeiten, an denen man entspannt und ohne Atemprobleme über den Omóniaplatz schlendern und von Chaos keine Rede sein kann.

Bleibt man länger als zwei Tage, was empfehlenswert wäre, da sich eine Weltstadt nicht im Eiltempo entdecken lässt, sollte unbedingt die Markthallen besuchen. Um sieben Uhr früh und möglichst an einem Samstag, wenn sich alle Athener – von der Oma, die sich Fischköpfe für ihre Suppe kauft, bis zum Jungmanager, der vegan kocht – um schreiende Händler drängen. Martin Pristl rät, sich vorher einen kleinen „Oúzo“, einen klaren Anisschnaps, zu genehmigen, damit der Anblick toter Schweine, die kopfüber an Fleischerhaken baumeln, einem nicht auf den Magen schlägt.

Als vollendetes Bauwerk der Antike zählt die Akropolis zum Pflichtprogramm eines Athen-Besuchs.

Beschränkt sich der Athen-Besuch lediglich auf 48 Stunden, gehören die Akropolis und das Nationalmuseum zum Pflichtprogramm. Letzteres beherbergt die bedeutendste Sammlung antiker Kunst, und wäre Lord Elgin kein derart geschickter Kunsträuber des 19. Jahrhunderts gewesen, wäre diese Sammlung um viele Artefakte reicher. Doch der britische Gesandte am osmanischen Hof zog es vor, die bei umfangreichen archäologischen Grabungen gefundenen Schätze in Sicherheit zu bringen. Zum Glück bleibt den Athener und den Touristen die schönste Festung Europas: die Akropolis. Bis heute hat das Bauwerk relativ problemlos durchgehalten. Jetzt droht es an schädlichen Umwelteinflüssen, die Marmor in Gips verwandeln, zu scheitern.

Zum Vormerken

Im kommenden Jahr bietet die ULT Urlaub auf Kalamata an, wo man
entweder entspannen, golfen oder eine Rundreise starten kann. Zudem
fliegt Aegean Airlines in der Saison (Mai-September) mehrmals die Woche von Luxemburg nach Athen.

Infos: www.ult.lu, www.aegeanair.com

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook

Martin Pristl hat den Leiter der seit 1976 laufenden Restaurierungsarbeiten gefragt, was man dagegen tun könne, und die Antwort ist verblüffend: Man forsche mit aller Kraft und ersten Erfolgen an einer Substanz, die diesen Vorgang wieder umkehren würde. In der Nähe der Akropolis liegt auch das Herodes-Attikos-(Open Air)-Theater, in dem im Sommer u.a. klassische Tragödien von Sophokles, Aischylos oder Euripides aufgeführt werden. Von den 750 Freiluftkinos, die es in den 1950er Jahren in Athen gegeben haben soll, haben nur ein paar Dutzend den Kampf gegen das Homecinema noch nicht aufgegeben. In Hinterhöfen oder Gärten versteckt, würden – so der Griechenland- und Kinoliebhaber Pristl, der auch als Drehbuchautor u.a. für „Tatort“ arbeitet und dessen TV-Zweiteiler „Hindenburg“ (mit Johannes Betz) mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde – nach Einbruch der Nacht oft zwei Filme hintereinander gezeigt. In Originalversion mit griechischen Untertiteln. Wunderbar!

8t7a2690

Wer, statt im Dunkeln zu sitzen, lieber gesehen werden will, muss nach Sonnenuntergang zum schicken Kolonákiplatz, wo Hunderte Restauranttische auf Gäste der gehobenen Gesellschaft warten. Studenten
trinken ihr Bier lieber in den Bars des Handwerkerviertels Psirrí, in dem tagsüber jedoch nur mehr wenige alte Männer ihrer Arbeit nachgehen. Athen ist gezeichnet von Gegensätzen. Einerseits gibt es die moderne Großstadt mit elitären und sterilen Wohnsiedlungen, andererseits gibt es „schäbige“ Straßen mit schmutzigen Autowerkstätten und rostigen Stühlen vor den Läden der Schneider, Frisöre und Metzger, die zwischen zwei Kunden gern mal eine Pause einlegen, um ihr wichtigstes Hobby zu pflegen: die Unterhaltung.

Anfang des 19. Jahrhunderts war Athen ein unbedeutender Marktflecken. Heute leben rund vier Millionen Menschen in der Hauptstadt Griechenlands.

8t7a3380Wie jede südländische Stadt, ist Athen laut. Aber man gewöhnt sich schnell daran, mitgerissen zu werden. Von den Menschenmassen in der Fußgängerzone genauso wie von der Hektik rund um die beliebtesten Touristenattraktionen. „Wo kein Lärm ist, ist kein Leben“, schreibt Martin Pristl. Und da in der griechischen Hauptstadt überall Leben und Abwechslung sind, wird ein Besuch nie langweilig. Ordnungsbesessenen wird das Durcheinander ein Gräuel sein. Angsthasen werden sich davor hüten, die Ellenbogen auszufahren. Alle anderen werden das bunte Treiben genießen. „Athen ist fantastisch – einfach grauenvoll“, sei genau die richtige Beschreibung. Stimmt!

cover-gebrauchsanweisung-fur-griechenlandGebrauchsanweisung für Griechenland

Kreta, Delphi und die Akropolis, Rhodos und Mykene, tiefblaues Wasser, weiß gekalkte Häuschen, der Esel im Olivenhain und Säulen im Gegenlicht: Jeder meint, Griechenland zu kennen. Martin Pristl zeigt indes das echte Leben dort. Und verrät gleichzeitig, warum das Land gleichzeitig Sitz der Götter und gesegnetes Urlaubsziel ist und wie es in den Herzen der Griechen tatsächlich aussieht – der Nation, die die höchsten EU-Zuschüsse kassiert und die wenigsten Steuern zahlt, die älteste Weltsprache spricht und vor allem eins hat: ganz viel Zeit.

Erschienen bei Piper, 203 Seiten, 15 Euro.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Martine Decker

Login

Lost your password?