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Ab in den Wald!

Auf dem Sofa sitzen kann jeder. Aber kurz vor Weihnachten mit dem Science Club des Naturmuseums das Müllerthal zu erkunden, erfordert schon Lust auf Abenteuer. Zwölf Kinder haben diese bewiesen.

Fotos: Anne Lommel

10 Uhr am Campingplatz Maartbusch in Berdorf. So lautet die Verabredung. Doch als ich morgens die Rollladen hochziehe, rechne ich fest damit, dass sowieso nichts draus wird. Die Luft da draußen ist eine einzige Suppe. Viel weiter als ein paar Dutzend Meter reicht der Blick nicht. Die Welt dahinter scheint von einer grauen Nebelwand und leichtem Dauerregen verschluckt worden zu sein. Wer will da schon im Mullerthal wandern gehen?

Auf geht’s zu drei Stunden Wandern, Klettern und anschließendem wärmenden Lagerfeuer mit Stockbrot.

Die Absage bleibt aus. Mehrmals checke ich SMS und E-Mails. Aber nichts. Dann also los: warm angezogen, einen Snack eingepackt und ab ins Auto. Als ich ankomme, warten sie schon: zwölf Kinder im Alter zwischen elf und vierzehn Jahren und zwei Begleiterinnen des Naturmuseums, die Biologin Michelle Schaltz und die Naturpädagogin Muriel Nossem. Auf geht’s zu drei Stunden Wandern, Klettern und anschließendem wärmenden Lagerfeuer mit Stockbrot.

„Dass Du ausgerechnet auf einen unserer Ausflüge im Winter mitkommst, hat mich besonders gefreut“, sagt Muriel Nossem. „Denn bei so einem Wetter gehen die meisten Menschen viel zu selten raus. Dabei ist es doch gerade jetzt so wichtig, wir bekommen ohnehin so wenig Tageslicht zu dieser Jahreszeit.“ Und sie hat Recht; auf der Couch mit einem guten Buch und einer Tasse Tee wäre es sicherlich viel gemütlicher und wärmer. Umso erfreulicher aber, dass die sieben Mädchen und fünf Jungen sich auch aufgerafft haben zu dieser Tour. Schließlich befinden sie sich schon in ihren verdienten Schulferien. Und bis auf eine Ausnahme sind sie allesamt wandertauglich ausgerüstet, mit warmen Schuhen und Jacken, Mützen und Rucksäcken. „Die meisten, die heute dabei sind, kennen wir schon aus dem Panda Club“, erzählt Michelle Schaltz. „Einige sind bei fast allen Aktivitäten dabei.“

Der Wald empfängt uns mit einer fast schon verzauberten Atmosphäre. Das Grau des Nebels hat sich zwischen den Bäumen verteilt, bis auf die von ein paar Kiefern sind alle Äste leergefegt, das bunte Herbstlaub breitet sich als nasser weicher Teppich auf Wegen und Unterholz aus. Von dem Sprühregen, der mich auf der Herfahrt noch begleitet hat, ist nichts mehr zu spüren. Vier Tage vor Heiligabend sind die meisten ohnehin in besinnlicher Stimmung. Hier würde es keinen von uns wundern, wenn sich plötzlich zwischen den Bäumen das süße Knusperhäuschen der bösen Hexe zeigen würde oder uns Aschenputtel auf ihrem Hengst entgegengeritten käme.

Doch auf einem Ausflug mit dem Science Club des Naturmuseums geht es nicht um Phantastisches, sondern um knallharte Fakten, auch wenn diese nicht einfach so runtergeleiert, sondern mit den Kindern gemeinsam erarbeitet werden. Zum Beispiel über den Luxemburger Sandstein, aus dem die großen Felsen bestehen, an denen wir entlang- und durch die wir hindurchlaufen. Dass er hauptsächlich aus Quarz besteht, wissen die meisten, dass er aber auch sehr kalkhaltig ist, ist vielen neu. Michelle Schaltz hat eine kleine Glasscheibe mitgebracht, mit der die Kinder ausprobieren können, wie hart das Gestein ist. Denn nicht nur Diamanten machen Kratzer in Glas, auch der Luxemburger Sandstein kann es. Dass ein Tropfen verdünnter Salzsäure das Kalk im Stein zum Brodeln bringt, überrascht die Kinder. „Das geht auch mit Essig“, sagt Muriel Nossem. „Am besten mit dem Essig, den man auch zum Putzen benutzt.“

Der Wald wirkt wie ausgestorben, während der gesamten Wanderung treffen wir keine Menschenseele. Doch diese Phase tut dem Wald gut. Er kann sich erholen, denn im Sommer ist hier jede Menge los. Schließlich gehört das Mullerthal zu den meistbesuchten Gegenden des Landes. Wanderer, Mountainbiker und Kletterer gehen hier aus und ein. An ein paar eingeschlagenen Haken und Ösen kann man die ausgewiesenen Kletterstellen gut erkennen. Einige von ihnen sehen ziemlich anspruchsvoll aus, nur hier dürfen die Waghalsigen ran, der Rest der Felsen ist geschützt.

Dann kommen wir zu einer Felsformation mit dem Namen „Sieweschloeff“, einem Labyrinth aus sieben Schluchten, von denen eine so schmal ist, dass ich lieber nicht versuche, mich hindurchzuzwängen. Die Kinder finden es toll und sind gar nicht zu bremsen, sie flitzen umher, sind plötzlich zwischen den Felsen verschwunden, um gleich danach an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Einige haben da schon ihre Jacken ausgezogen, so warm ist ihnen geworden.

Ein paar Hundert Meter weiter, unter einem Felsvorsprung, wird Rast gemacht. Die Kinder packen Brote und Obst aus, zwei haben sogar warmen Tee mitgebracht. Während wir essen, erzählt Muriel Nossem vom Loschbour-Mann, dessen Skelett das älteste ist, das je in Luxemburg gefunden wurde. Anhand zweier erstaunlich gut erhaltener Backenzähne konnte seine DNA entschlüsselt werden, die Aufschlüsse darüber gibt, wie er zu seinen Lebzeiten – also vor etwa 8.000 Jahren – ausgesehen haben muss. Im frisch renovierten Naturmuseum ist dem Loschbour-Mann eine ganz besondere Ehre zuteil geworden. Er wurde in Originalgröße nachgebildet und auf ein rotes Sofa gesetzt. „Den kenn ich“, rufen gleich mehrere Mädchen. „Ich habe schon neben ihm gesessen.“

Doch hier im Wald können wir ihn nicht sehen, sondern müssen uns vorstellen, wie er wohl durch die Gegend gelaufen ist, welche Tiere er gejagt, welche Pflanzen er gesammelt und wo er sein Lager aufgeschlagen hat. Dass es damals oft sehr kalt gewesen sein muss, erzählt Muriel Nossem auch. Dicke Daunenjacken, wie wir sie tragen, wird der Loschbour-Mann allerdings nicht gehabt haben, dafür aber Tierfelle und Lederdecken.

Bevor wir in Richtung Campingplatz zurücklaufen, geht es noch in die Räuberhöhle. Dort müssen wir zwei Metallleitern hinabsteigen, die in den dunklen Felsen hineinführen. Michelle Schaltz hilft beim Einstieg, die Kids sind sehr diszipliniert und warten artig, bis sie an der Reihe sind. Auch auf den Leitern werden keine Faxen gemacht, sie spüren selbst, dass ein falscher Tritt auf dem nassen kalten Metall nicht ungefährlich werden könnte.

Als wir zum Campingplatz kommen, brennt das Feuer schon. Förster Frank Adam war so freundlich, es anzuzünden. Jetzt werden noch schnell ein paar Äste zugespitzt, auf die dann der Hefeteig gerollt werden kann. Das warme Feuer tut gut, und das Stockbrot schmeckt den Kindern so lecker, dass sie sogar die Stellen essen, die offensichtlich etwas verbrannt sind. Dass Michelle Schaltz und Muriel Nossem eigentlich noch mehr Programm auf Lager gehabt hätten, dass es eigentlich noch einen kurzen Abstecher in eine Höhle und eine Geschichte über Fledermäuse hätte geben sollen, erfahren die Kinder nicht. Ist aber auch nicht wichtig, sie wirken entspannt und zufrieden. Sie werden bestimmt gut schlafen. Frische Luft macht ja bekanntlich müde.

SCIENCE CLUB

Wer an den Aktivitäten des Science Club des Naturmuseums teilnehmen möchte, muss zwischen elf und 18 Jahren sein und Mitglied werden. Das geht kostenlos und ohne großen Aufwand über die Website. Auf dieser finden sich auch alle Veranstaltungshinweise und viele interessante wissenschaftliche Artikel für Kinder und Jugendliche.

www.science-club.lu

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: alommel

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