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Ab ins Beet

Uniabschluss und sich trotzdem die Hände schmutzig machen? Damit haben die Gründer von „Krautgaart“ kein Problem. Ihr Ziel? Selbstverwirklichung und Selbstversorgung.

Fotos: Jean-Marc Parries, Leslie Schmit

Selbst von Eisregen und klirrender Kälte lassen sich Max Epstein, Claude Petit und Jean-Marc Parries nicht abhalten. Die Vorbereitungen für die Saison laufen auf Hochtouren. Während es auf dem Feld noch karg aussieht und kaum Grün zu erkennen ist, sieht die Lage in den beiden Gewächshäusern anders aus. Die ersten Jungpflanzen sind bereits aus dem Boden gesprossen. In beheizten Kisten werden sie vor den ungemütlichen Temperaturen draußen geschützt. „Wir ziehen all unsere Pflanzen selbst aus den Samen“, erklärt Botaniker Max. Extern werden keine hinzugekauft. „Die haben meist schon ihr halbes Leben hinter sich“, weiß der 27-Jährige. Stattdessen arbeiten die drei Gemüsebauern mit samenfesten, also nachbaufähigen Sorten, nicht mit Hybriden: „Der Vorteil ist, dass wir die Sorten durch eigenständige Vermehrung an die hiesigen (Wetter-)Bedingungen anpassen können.“

2016 hat das Trio – damals noch ein Duo – mit dem Projekt begonnen. Nach einer Testphase von einem Jahr war klar, dass eine Nachfrage besteht. Sie pachteten ein Grundstück in Steinfort und entschieden sich für das Konzept einer solidarischen Landwirtschaft. „‚Solidarisch‘ soll heißen, dass eine Partnerschaft zwischen Landwirt und Konsument besteht. Letzterer zahlt im Voraus für eine Saison und sichert die Bauern so finanziell ab“, erläutert Agronom Claude. Dafür erhalten die Kunden eine Gegenleistung, beispielsweise in Form von Gemüsekörben, so wie bei „Krautgaart“. 2017 schafften es die Jungs auf diese Art und Weise 90 Abos abzuschließen – ein gewaltiger Motivationsschub.

33 Wochen im Jahr versorgen sie ihre Abonnenten mit mehr als 65 verschiedenen Gemüsesorten und Kräutern, von April bis November. Jeden Freitag können sich die Kunden ihre Kiste selber in einer kleinen Markthalle in Koerich und in Kayl zusammenstellen. Dabei wird nicht nur verkauft, was gut aussieht. „95 Prozent von dem, was wir anbauen, landen beim Endkonsumenten“, garantiert Jean-Marc. Anders als man es aus dem Supermarkt kennt, ist nicht das Aussehen, sondern der Geschmack entscheidend.

„Gekaufte Pflanzen haben meist schon ihr halbes Leben hinter sich.“ Max Epstein

Das Feedback der Abnehmer ist durchgehend positiv. Sich untereinander auszutauschen, ist den Gemüsebauern wichtig. „Wir bringen ihnen Lebensmittel näher, die sie vielleicht nicht kennen oder kaufen würden“, bemerkt Max. Andersrum haben die Käufer einen direkten Einfluss auf das Sortiment. „Wenn etwas gut ankommt, bauen wir nächste Saison mehr davon an“, bestätigen die drei. Mitglieder, die aktiver sein wollen, haben mehrmals jährlich die Möglichkeit, vorbeizuschauen und eine Hand mit anzupacken. „Wir wollen Transparenz zeigen, zusammen arbeiten und kochen“, meint Jean-Marc. Eine Gelegenheit, sich näher kennenzulernen.

Auch er und seine Kollegen kochen und essen gerne. Das trieb sie nicht zuletzt dazu an, ihr Projekt zu verwirklichen. „Sich selbst und andere Menschen zu einhundert Prozent versorgen zu können, wäre das Größte“, offenbart der 29-Jährige. Das Angebot soll bald erweitert werden, durch eigens angepflanzte Obstbäume und einen Zusammenschluss mit anderen lokalen Produzenten. Neben Obst und Gemüse sollen Pilze, Honig und Eier zum „Gesamtpaket“ gehören. „Die Idee ist ein produktives Ökosystem zu erschaffen, das eigenständig funktioniert“, sagt der Naturwissenschaftler. Mit Bäumen, Sträuchern, Insekten und Vögeln, Hühnern und Enten, die die Reste verarbeiten und den Boden düngen.

Chemische Düngemittel werden im „Krautgaart“ nicht verwendet. Nur Kompost und Mist, versichern die Gründer. Auch Maschinen werden nicht eingesetzt. Die insgesamt 1,2 Hektar werden von Hand bearbeitet. Von einer hochmaschinellen Agrikultur halten die Jungs nichts, viel mehr setzen sie auf eine vielfältige, klein strukturierte Landwirtschaft und haben dabei den Naturschutz im Hinterkopf. Überhaupt richten sie sich nach modernen Ansätzen wie dem „No Dig“-Prinzip (dt.: nicht graben) von Charles Dowding, bei dem die Erde nicht umgegraben, sondern ruhen gelassen wird. Als diplomierte Naturwissenschaftler haben sie eine andere Wahrnehmung. „Man muss herumexperimentieren, aufmerksam beobachten, wie sich etwas entwickelt und eigene Methoden ausarbeiten“, ist Max überzeugt. Was für das Trio zählt, ist eine wissenschaftliche Herangehensweise, hochwertige Qualität, Nachhaltigkeit und „farmer happiness“, wie Jean-Marc es nennt.

Mehr Infos auf krautgaart.lu

Françoise Stoll

Journalistin / Gastronomie

Ressorts: Lifestyle, Multimedia

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Author: Martine Decker

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