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Achtung bei Kombipräparaten!

Sie werden stark beworben und versprechen, verschiedene Symptome bei Schnupfen und Erkältung gleichzeitig und rasch zu bekämpfen. Doch was steckt wirklich hinter der schnellen Linderung, und sind Kombipräparate wirklich so belastend für den Körper, wie behauptet wird?

Fotos: Anne Lommel

Die Nase läuft, es kratzt im Hals und es dröhnt im Kopf. Dazu kommen lästiger Hustenreiz, Fieber und Gliederschmerzen. Jeder kennt sie: Die Symptome einer Erkältung. Lästige Beschwerden, die man so schnell wie möglich aus der Welt schaffen möchte. Eine Pille gegen alles genügt da schon. Rasch und effizient lindern Kombipräparte im Nu alle Beschwernisse. Ganz ohne Arztbesuch und ohne Rezept. So macht uns die Pharmaindustrie in zahlreichen Werbungen die Wunderpillen schmackhaft. Doch sind diese Medikamente, die mehrere Wirkstoffe enthalten, wirklich empfehlenswert?

„Eigentlich kann man nicht viel gegen eine Erkältung machen“, erklärt die Allgemeinmedizinerin Maryse Storck. „Auf jeden Fall ergibt es keinen Sinn, eine Vielzahl von Medikamenten zu sich zu nehmen. Hauptsächlich wird geraten, sich zu schonen, zu Hause zu bleiben und viel zu trinken.“Nicht umsonst heißt es im Volksmund: Eine Erkältung dauert ohne Behandlung eine Woche, mit Behandlung sieben Tage.

„Diese Kombipräparate sind wirkungslos gegen Erkältungen. Sie heilen nicht“, warnt Dr. Storck. „Sie lindern höchstens die Beschwerden. Davon wird man aber nicht schneller wieder gesund. Sie können in verschiedenen Fällen sogar unserer Gesundheit schaden.“ Statistisch gesehen, sind Erwachsene zwei bis drei Mal pro Jahr erkältet. Da ist die Verführung doch groß auf Kombipräparate zurückzugreifen. Auf Medikamente, die oft als harmlos und vor allem praktisch eingestuft werden. Warum mit mehreren Präparaten herumdoktern, wenn ein einziges genügt?

Dass Kombimittel Überdosierungen und fatale Schäden verursachen können, davon will in der Pharmaindustrie keiner etwas wissen. Je höher die Anzahl an Wirkstoffen, desto höher ist das Risiko an Nebenwirkungen zu leiden. „Die meisten Leute wissen nicht einmal, was sie eigentlich zu sich nehmen“, erklärt Maryse. „Monosubstanzen reichen meistens bei Erkältungen aus. Das sind Arzneimittel, die aus nur einem einzigen Wirkstoff bestehen.“

In Deutschland kam eine „Öko-Test“-Studie zu einem erschreckenden Ergebnis. 14 Kombimedikamente wurden nach Untersuchung ihrer realen Wirkung auf Erkältungen als „ungenügend“ eingestuft. In Frankreich hat die Zeitschrift „60 millions de consommateurs“ 62 Kombimittel unter die Lupe genommen und auch hier ist das Resultat eindeutig: „près d‘un médicament disponible en automédication sur deux est à proscrire“.
„Kombipräparate enthalten oft Pseudoephedrin, einen gefäßverengenden Wirkstoff“, betont Maryse Storck. „Das kann zu starkem Herzklopfen führen. Das ist gefährlich bei Schilddrüsenpatienten und Patienten mit hohem Blutdruck. Man sollte auch vorsichtig bei Präparaten sein, die Aspirin enthalten. Im Einzelfall kann Aspirin nämlich lebensgefährlich sein. Bei Paracetamol ist das Risiko eher gering, dass es zu einer Überdosis kommt. Man müsse dann schon sehr hohe Dosen (über 10g) zu sich nehmen. Das hätte dramatische Folgen für die Leber und wäre lebensgefährlich.“

Es wird geraten, sich auf jeden Fall bei seinem Hausarzt zu informieren, bevor man sich für die Anschaffung eines Kombipräparates entscheidet, um klarzustellen, ob es keine Gefahr vor Nebenwirkungen eines der vorhandenen Wirkstoffe gibt. Dasselbe gilt auch für Patienten, die für eine andere Behandlung schon Medikamente zu sich nehmen müssen. Kinder unter 16 Jahren und Senioren sollen ganz auf Kombimittel verzichten. „Viele Kombipräparate aus dem Ausland sind überhaupt nicht erhältlich in unseren Apotheken“, meint Storck. „Ich glaube schon, dass das vom Gesundheitsministerium so gewollt ist. Am häufigsten sind hierzulande
Rhinofebryl* und Sinutab im Umlauf.“

Die meisten Leute wissen nicht einmal, was sie eigentlich zu sich nehmen.

In Luxemburg werden 60 verschiedene Kombipräparate gegen Winterkrankkheiten in den Apotheken ohne Rezept zum Kauf angeboten. Allerdings gibt es auch eine lange Liste von Kombimitteln, die es hierzulande nicht zu finden gibt. Es sind zum Teil Produkte, die aus Werbungen auf deutschen und französichen Fernsehsendern sehr bekannt sind. Sie heißen Wick Medinait, Actifed jour/nuit, Fervex oder Asprin complex und gehören zu den Medikamenten, die von „Öko-Test“ und „60 millions de consommateurs“ als mangelhaft getest wurden. Das ist aber nicht der Grund, warum sie in Luxemburg nicht zum Kauf angeboten werden. „Damit ein Arzneimittel in Luxemburg in den Verkehr gebracht werden kann, muss die Pharmaindustrie eine Zulassung (‚Autorisation de mise sur le marché‘, AMM) erhalten. In diesem Fall haben die respektiven Herstellerfirmen dieser Kombipräparate hier keine AMM-Anfrage gestellt“, heißt es seitens des Gesundheitsministerium. „Für die Klassifizierung von Gesundheitsprodukten verweist das Gesundheitsministerium zudem auf europäische Empfehlungen und hat den Grundsatz, die sichersten Maßnahmen anzuwenden. Zum Beispiel wären verschiedene Medikamente mit Pseudoephedrin, die in Frankreich ohne Rezept dem Patienten zur Verfügung stehen, in Luxemburg nur auf Verschreibung erhältlich. In der Tat besteht die europäische Empfehlung darin, nur Arzneimittel, die mindestens 60 mg Pseudoephedrin pro Tablette enthalten, verschreibungspflichtig zu machen“.

Nichts spricht allerdings dagegen, dass „pharmazeutische Grenzgänger“ sich im Ausland, rezeptfreie Medikamente anschaffen und über die Grenze mit nach Luxemburg bringen. Dasselbe gilt bei Online-Apotheken. „Das halte ich allerdings für sehr gefährlich“, betont Dr. Maryse Storck. „Ich würde das keinem empfehlen.“ Soll man denn jetzt auf Kombinationsarzneimittel verzichten oder nicht? Sicher ist, dass Pharmafirmen aus kommerziellen Gründen immer mehr Kombipräparate auf den Markt bringen und alle Mittel anwenden, um neue Kunden zu gewinnen. Es hängt aber vom jeweiligen Fall ab, ob ein Kombi- oder Monopräparat Sinn macht oder ob ganz auf Medikamente verzichtet werden kann. Man soll nämlich nicht vergessen, dass ansonsten gesunde Menschen, ganz ohne Chemie, mit Hilfe von etwas Ruhe und Schonung schnell und problemlos mit der lästigen Erkältung fertigwerden.

*Rhinofebril befindet sich nicht in der Liste der 60 Kombipräparate, da es sich um ein Antihistaminikum handelt. Bei der Liste der 60 Kombipräparate handelt es sich um Medikamente, die als „Medikament für den Hals“, „Medikament für die Nase“ und „Medikament gegen Husten und Schnupfen“ klassifiziert sind. Diese Klassifizierung wird von der Weltgesundheitsorganisation erstellt. Das Medikament ist aber in allen Apotheken erhältlich.

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen & Gesundheit

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Author: alommel

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