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Achtung Wildtiere

Mehr als je zuvor werden jeden Tag Tiere aus der Wildnis in der Pflegestation in Düdelingen aufgenommen und gepflegt. Aber so erstaunlich wie es klingen mag: Der Mensch ist nicht nur der Retter in der Not… er ist meist Schuld am Leiden der Tiere.

Fotos: Philippe Reuter

Sehr elegant sieht er aus, mit seinen rostroten Federn und seinen langen Flügeln. Und dieser dunkele, durchdringender Blick, der so typisch bei Greifvögeln ist. Einfach beeindruckend. Noch nie hatte ich einen Rotmilan aus solcher Nähe beobachtet. Doch schon schließt sich die winzige Klappe in der Holztür des Vogelgeheges. „Sie sollen so wenig wie möglich Kontakt mit dem Menschen haben“, erklärt mir Raf Stassen, Direktor der Pflegestation für Wildtiere („Centre de soins pour la faune sauvage“). „Unser Ziel ist die Auswilderung in die Natur. In verschiedenen Etappen soll das progressive Freilassen geschehen. Damit die Tiere sich akklimatisieren können. Dies wird auch Soft-release Methode genannt.“

Jemand war auf die Idee gekommen, fünf Rotmilaneier aus ihrem Nest zu klauen. „Als die Kleinen geschlüpft sind, hat er wahrscheinlich versucht sie großzuziehen. Doch irgendwann muss der Person das alles zu viel gewesen sein oder die Angst entdeckt zu werden, war zu groß, und sie hat die Vögel einfach ausgesetzt.“ In der freien Natur waren diese allen Gefahren ausgesetzt und vor allem haben die Rotmilane sich dauernd dem Menschen genähert, weil dieser für sie Synonym für Futter geworden war. „Bei einem Greifvogel dieser Größe bekommen die Leute es natürlich dann mit der Angst zu tun.“

„Es gibt eine Änderung was die Mentalität der Menschen angeht. Wir betrachten und berücksichtigen die Tiere anders als es Früher der Fall war.“
Raf Stassen, Direktor von der Pflegestation für Wildtiere in Düdelingen.

Fälle wie diese sind leider keine Seltenheit. So unglaublich wie es klingt, ist es in den meisten Fällen der Mensch, der Schuld an der Not vieler Wildtiere ist. Allein letztes Jahr sind 12 Prozent der 2.500 Patienten nach einem Verkehrsunfall eingeliefert worden. Für 56 Prozent der Tiere gab es eine Kollision mit einer Fensterscheibe. Andere verfangen sich in Umzäunungen oder werden Opfer einer Hauskatze. Der ausgeprägte Jagdtrieb der Katzen wird jedes Jahr dutzenden Wildtieren fast zum Verhängnis. „Unsere Stadtgebiete werden von Jahr zu Jahr größer“, erklärt Raf Stassen. „Wir greifen immer mehr in den Lebensraum der Tiere ein. Dieser ist zunehmend fragmentiert und deshalb gibt es immer mehr Kontakte zwischen Menschen und Tiere.“

Auch invasive Tierarten haben einen Einfluss auf das Ökosystem und die Biodiversität. Diese Tiere, die ursprünglich, nicht aus unseren Gegenden stammen, gelangen meistens durch den Menschen in die Natur. Es ist also nicht ungewöhnlich einen Waschbären in einem Gehege in Düdelingen beobachten zu können. Niedlich sieht er aus. Trotzdem sind Waschbären eine richtige Plage. „Seit den 70er Jahren sind sie in Luxemburg heimisch“, verrät der Direktor der Pflegestation. „Die Globalisierung hat auch eine Auswirkung auf die Tierwelt.“ Waschbären besiedeln Lebensräume, die dort vorkommende Tierarten in Gefahr bringen. Laut einer EU-Verordnung müssen diese Tiere aus der Natur entnommen werden, um ihre Ausbreitung zu verhindern. Das ist natürlich nicht immer so einfach. Oft werden verletzte Tiere dieser Art gefunden oder sie werden von der Polizei beschlagnahmt und dann landen sie in der Pflegestation. „Freilassen dürfen wir sie aber nicht mehr. Das ist verboten.“, erklärt Raf Stassen. „Wir vermitteln sie dann zum Beispiel an einen Zoo.“ Ein typischer Fall, ist die Rotwangen-Schmuckschildkröte, die ursprünglich aus Nordamerika kommt. Durch den Tierhandel hat sie sich mittlerweile weltweit verbreitet. Auch in Luxemburg. „Die Leute kaufen sie für ein paar Euro. Doch wenn die Schildkröte zu groß wird, wird sie einfach in die Natur ausgesetzt. Und dort überlebt sie meistens noch viele Jahre.“

Eine andere negative Auswirkung hat der Klimawandel. Die regelrechte Verschiebung der Jahreszeiten ist besonders für Wildtiere, die eigentlich während der Winterzeit Winterschlaf halten, problematisch. „Dieses Jahr zum Beispiel, waren noch viele Igel Ende November unterwegs. Normalerweise gehen sie Ende Oktober in den Winterschlaf“, betont Raf Stassen. „Das kann ihnen Probleme bei der Futtersuche bereiten. Im November ist weniger Nahrung zu finden. Das ist problematisch, denn der Igel muss sich vor dem Winterschlaf eine Fettreserve anfressen.“

In die Pflegestation sind 75 Prozent der eingelieferten Patienten Vögel. 23 Prozent sind Säugetiere. Allein dieses Jahr wurden 3.000 Wildtiere von 140 verschiedenen Arten hier behandelt. 8.000 ankommende Telefonanrufe gab es. Tendenz steigend. „Es gibt eine Änderung was die Mentalität der Menschen angeht. Wir betrachten und berücksichtigen die Tiere anders als es Früher der Fall war“, weiß Raf Stassen.

„Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist die Sensibilisierung der Bevölkerung.“
Raf Stassen, Direktor von der Pflegestation für Wildtiere in Düdelingen.

Helfen ist gut, aber nur dann wenn auch wirklich Hilfe gebraucht wird. Noch zu oft gibt es Überreaktionen und zu hastige Entscheidungen, welche dramatische Folgen für die Tiere haben können. „Wir haben viele Wildtiere hier, die überhaupt nichts in unserer Pflegestation zu suchen haben“, erklärt der Direktor. „Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist die Sensibilisierung der Bevölkerung.“ Es ist nicht immer einfach zu erkennen, ob ein Tier wirklich menschliche Hilfe braucht. Deshalb wird geraten sich zuerst telefonisch mit der Pflegestation in Kontakt zu setzten. Das unnötige Bewegen ist eine Stresssituation für viele Tiere. Dies kann ihren Zustand verschlechtern oder aggressive Reaktionen auslösen. „Sie sollen das Tier nicht füttern. Auch keine Milch sollen sie ihm geben“, betont Raf Stassen. „Und Medikamente soll man auf keinen Fall verabreichen. Das könnte tödlich sein.“

Handelt es sich um Jungtiere, sollte jeden Kontakt vermieden werden. Die Mutter könnte es wegen dem Menschengeruch verstoßen. Versuchen sie auch nicht das Wildtier mit nach Hause zu nehmen und dort zu versorgen. Übrigens, das Einfangen und Halten von Wildtieren ist laut dem Gesetz verboten. Die Pflegestation für Wildtiere in der „forge du sud“ ist der einzige Ort hierzulande, dem es gestattet ist Wildtiere aufzunehmen und zu pflegen. Seit Mai dieses Jahres können verletzte Wildtiere in Düdelingen, Junglinster, Niederfeulen und Clervaux auch in einem „Wëlldéier Drop-off“ abgegeben werden. Es handelt sich hier um Auffangstationen. Die Container befinden sich neben den Interventions- und Rettungszentren der Feuerwehr. Der Drop-off in Düdelingen befindet sich neben der Pflegestation. „Man braucht nur die angegebene Nummer anzurufen um den Zugangscode zu bekommen. Anschließend setzt man das Tier in eine Box. Unsere Mitarbeiten aus der Pflegestation machen sich dann sofort auf den Weg, um das Tier abzuholen“, erklärt Raf Stassen.

350 Tiere wurden bis jetzt in den Auffangstationen abgegeben. Nächstes Jahr beginnen die Vergrößerungsarbeiten der Pflegestation in Düdelingen. Zurzeit ist Platz für 1.000 bis 1.500 Tiere. Nach den Arbeiten können Raf Strassen und seine Mitarbeiter, bis zu 4.000 Tiere gleichzeitig in der Pflegestation aufnehmen.

Mehr Informationen auf www.centredesoins.lu oder über Tel. 26 51 39 90

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

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Author: Martine Decker

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