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Agent 508 macht den Bello

Selbst wenn der neue Peugeot 508 kein solch adrettes Blechkleid trüge, müsste man ihn als konservativen Autoliebhaber dennoch von Anfang an mögen. Denn dieser Schönling, vor ein paar Tagen in Monaco vorgestellt, ist zur Abwechslung mal kein SUV. Er versteht sich als neuen Fels in der Premium-Brandung und erinnert doch ein bisschen an Jean-Paul Belmondo alias Bob Saint-Clair, in „Le Magnifique“ (1973): stets gut gekleidet, die Hüften mit der Anschmiegsamkeit eines Kraken um Jacqueline Bisset und den Getränkewagen windend, aber nicht in jeder Situation immer ganz souverän agierend.

Fotos: Peugeot

Es ist mittlerweile eine borstige Binsenweisheit: Die klassischen Limousinen befinden sich seit längerem auf dem absteigenden Ast. Vom nicht enden wollenden Wahn der erhöhten Sitzposition und der mit sprödem Kunststoff getäfelten Radkästen verfolgt, wird die geliebte „Luxmaschinn“ (wie auch die Kombis und, in etwas geringerem Maße, die Coupés) seit ein bis zwei Jahrzehnten – in den USA fing es früher an, in Europa etwas später – skrupellos von der Hochsitzfraktion verdrängt. Im Jahr 2018 wird nach Ansicht vieler Branchenkenner der Anteil der SUV erstmals bei über 50% der globalen Produktion liegen. Schon Napoleon Bonaparte muss dies geahnt haben, warnte er doch bereits vor zweihundert Jahren: „Wenn China erwacht, wird die Welt beben“ – und zwar unter dem Gewicht der dicken Alleskönner für die harte Dakar-Etappe vom Frisör bis zum Supermarkt.

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Einige tapfere Verteidiger des rollenden Patrimoniums haben ein paar hundert Meter südlich vom Fort Lachaux, am Nordrand von Sochaux, im Maquis Stellung bezogen und leisten Widerstand gegen die Invasion der Dickschiffe. Weil in unseren Breitengraden für den Erfolg dieser Taktik mehr als nur Glück erforderlich ist, ersetzten die Renault-Mannen ihren Latitude durch den ästhetisch sehr ansprechenden Talisman und die vermutlich etwas weniger sprachgewandten Peugeot-Recken jetzt ihren in die Jahre gekommenen 508 durch den… 508.

Über dem vertikalen Kühlergrill thront die Modell-Nummer, eine Hommage an die legendären Vorgänger wie den Peugeot 504 (siehe autorevue 06/18). Die vertikalen Tagfahrlichter (nur bei den Topmodellen) lassen den 508 aussehen wie einen Gepard. Das ist für einen Löwen wohl ungewöhnlich, sieht aber gut aus. Es ist Schluss mit der dreiteiligen Limousine und deren horizontalem Kofferraumdeckel, denn die Silhouette endet jetzt ohne seitliche Fensterrahmen in einem Coupédach und einer breiten Ladeluke. Diese Lösung ist beim Be- und Entladen zwar praktischer, doch im Zusammenspiel mit dem abfallenden Dach verliert der Stauraum dadurch etwas an Volumen. Die Beinfreiheit im Fond ist ausreichend, auch wenn man die Füße nicht gut unter den Vordersitz schieben kann, die Kopffreiheit hingegen ist etwas knapp ausgefallen und der Einstieg in den Fond ist wegen der sportlichen Dachlinie auch nicht ganz einfach.

Die Instrumente sind ausschließlich digitaler Natur. Das i-Cockpit mit dem flachen Armaturenbrett, den verchromten Kipphebeln fürs Infotainment und dem breiten Mitteltunnel wurde aus dem Konzeptauto Exalt übernommen, das die Löwen bereits 2014 auf den Messen in Peking und Paris vorstellten. Da jetzt viele Infos in ein und demselben zentralen Bildschirm konzentriert sind, muss man den Blick von der Straße nehmen, um an sie heran zu gelangen. Das ist derzeit sehr „in“, ändert aber nichts daran, dass diese Unsitte gefährlich ist. Und schließlich führt der Purismus der verschwindenden Knöpfe und Regler ja auch dazu, dass man fast jede noch so tagtäglich gebrauchte Funktion wie die Temperatureinstellung in einem Untermenü auf dem Touchscreen ansteuern muss. Der Fahrer kommt zwar per Klaviertaste bis ins Menü, doch dann darf er wieder drauflosstochern und den Blick abwenden – ärgerlich, nicht nur in einem Peugeot.

Reichlich Pop, etwas weniger Pep

Bei der Markteinführung des neuen 508 stehen ein Benzinmotoren und zwei Diesel zur Wahl. Der 1,6-Liter-Ottomotor leistet zwischen 180 und (als GT) 225 PS, die Selbstzünder aus 1,5 Liter Hubraum 130 PS und aus zwei Litern entweder 160 oder 180 PS. Ausschließlich der kleine Diesel mit 130 PS ist als Handschalter mit sechs Vorwärtsstufen zu haben, bei allen anderen ist eine hauseigene Achtgangautomatik ab Werk verbaut. Im Herbst 2019 soll ein 1,6-Liter-Hybrid-Benziner folgen, der eine Systemleistung von 225 PS auftischt.

Der neue 508 ist mit 4,75 m Gesamtlänge 9 cm kürzer und mit nur 140 cm Höhe auch 6 cm flacher als der Vorgänger geraten. Der Radstand beträgt 2,79 m, der Wendekreis jetzt nur noch 10,80 m zwischen zwei Bürgersteigen, das sind immerhin anderthalb Meter weniger als der Vorgänger benötigte. Der Tank fasst 62 Liter, der Kofferraum zwischen 487 (Sitze aufrecht) und 1.537 Liter (Sitze im Verhältnis 60/40 umgeklappt). Im Untergeschoss des flachen Kofferraums befindet sich dann eventuell ein optionales Ersatzrad des Typus „Galette“. Räder gibt es in den Größen von 16 bis 19 Zoll. Leer bring der schmucke Franzose mit dem Ottomotor 1.420 Kilo auf die Waage, fahrbereit sind es 1.564 kg. Der 2-Liter-Diesel ist mit 1.535 bzw. 1.683 kg deutlich schwerer, hat mit 400 Newtonmeter allerdings auch 100 Nm mehr als der Benziner, um seine Masse in Fahrt zu bringen.

Technische Daten:
1.6 PureTech GT

Ab 43.850 €
5,7 l/100 km
131 g/km

1.598 cm3
169 kW/225 PS @ 5.500 U/min
300 Nm @ 2.500 U/min
8,1 s 0-100 km/h
250 km/h

Die vom Mitteltunnel aus gesteuerten Fahrstufen reichen von Eco, Normal über Comfort via Sport bis Manual. Die Plattform EMP2 wurde aus dem Peugeot 208 übernommen, im Topmodell GT kommt ein adaptives Fahrwerk zum Einsatz, das dem guten Ruf der Firma in Sachen Straßenlage und Fahrkomfort alle Ehre macht. Im Schlendergang harmonieren die Komponenten des Antriebsstranges ganz gut, die Lenkung ist angenehm direkt und die Dämpfung komfortabel, nur bei etwas zügiger Fahrt reagiert das Automatikgetriebe zu zögerlich und schaltet nicht immer optimal. Dann muss man ihm von Zeit zu Zeit mit den Schaltwippen auf die Sprünge helfen. Der vordere Fahrschemel (auch Hilfsrahmen oder Aggregatträger genannt) wird von Peugeot als „berceau filtré“ bezeichnet und als technischen Leckerbissen in der Pressemappe angepriesen. Was an dem so besonders sein soll, war bei der Fahrvorstellung leider nicht in Erfahrung zu bringen, denn die diesbezügliche Frage eines englischen Kollegen wurde bei der Pressekonferenz vom Showmaster aus der Kommunikationsabteilung mit French Flair einfach ignoriert, indem der die Q&A-Session kurzerhand für beendet erklärte. Sein Englisch erinnerte übrigens auch verdächtig an Bébel alias Bob Saint-Clair. Le Magnifique ließ grüßen, der Engländer nahm es den Kopf schüttelnd gelassen.

Die enigmatische Optionsliste des Peugeot 508 ist ihrerseits auch fast so transparent wie James Joyces Roman „Finnegans Wake“. Hier gibt es für 531 € ein Pack Drive Assist, das sich aus einem Pack Safety und einem Geschwindigkeitsbegrenzer zusammensetzt, und den Pack visibilité mit sich bringt. In einer zweiten Etappe kann der Kunde zum Pack Drive Assist Plus (725 €) hochrüsten, was wiederum einen Lane Positioning Assist voraussetzt, dann im Anschluss zum Pack Drive Assist + Pack Safety Plus + Geschwindigkeitsbegrenzer wird, für weitere 290 € (Pack visibilité nicht vergessen!), um dann für noch einmal 483 € zum Pack Drive Assist Plus + Pack Safety Plus zu werden, was wiederum nur mit einem Automatikgetriebe möglich ist. Eine automatische Heckklappe kostet 435 € extra, die LED-Lichter gar 1.353 €, daneben wird die Fahrt durch den urbanen Dschungel mit Hilfe von den Packs City 1, 2 und 3 versüßt. Warum die Rückfahrkamera beim City 1 nur 180° erfasst, im City 2 dagegen 360°, dafür gibt es außer der zynischen Raffgier der Buchhalter keine technische und schon gar keine plausible Erklärung. Aber so geht nun einmal „Premium“. Selbst die Heizung der Frontsitze ist beim Peugeot aus dem D-Segment unterhalb dem obersten GT-Ausstattungsniveau (Start bei 43.850 € für den Benziner und 44.430 € für den Diesel) lediglich eine Option (290 €). Das ist einfach nur beschämend, weil die beheizten Sitze und sogar ein chambriertes Lenkrad in einem winzigen Hyundai i10 Sky aus dem A-Segment, zum Beispiel, für mickrige 13.681 € Basispreis bereits zur Serienausstattung gehören.

Die Konkurrenten aus der Holz- sowie der Premiumklasse heißen derzeit Alfa Romeo Giulia (ab 31.232 €), Audi A4 und A5 Sportback (ab 30.100 bzw. 36.990 €), BMW 3er (ab 29.750 €), Ford Mondeo (ab 24.618 €), Hyundai i40 (ab 26.348 €), Infiniti Q50 (ab 36.647 €), Jaguar XE (ab 37.614 €), Kia Optima (ab 26.871 €), Lexus IS (ab 34.930 €), Mazda 6 (ab 24.357 €), Mercedes-Benz C-Klasse (ab 33.345 €), Opel Insignia (ab 26.015 €), Renault Talisman (ab 24.995 €), Toyota Avensis (ab 25.470 €), Subaru Levorg (ab 29.675 €), Volvo S60 (ab 24.000 €), VW Passat (ab 27.880 €) und, last but not least, VW Arteon (ab 34.790 €). Ihnen entgegen setzt der neue Peugeot 508 ein sehr gelungenes Blechkleid, ein aufgeräumtes Cockpit, ein sehr gutes Fahrwerk mit einer ausgewogene Dämpfung, aber auch ein eher mittelmäßiges Automatikgetriebe, verhältnismäßig schwache Motoren – zu schwach für die Oberliga – und eine keineswegs über jeden Zweifel erhabene Raumausbeute. Die Preise sind, das versteht sich von selbst, im Premium-Aufwind gefangen. Es dürfte die wenigsten Fans der Marke freuen.

+PRO

+ Sehr schönes Design, besonders außen
+ Gutes Fahrwerk mit direkter Lenkung
+ Komfortabler Cruiser
+ Geräuscharmer Diesel
+ Interessantes Cockpit
+ Viele Staufächer und Ablagen
+ Tiefe Sitzposition, komfortable Sitze
+ Fortschritte bei den Fahrassistenten
+ Kein SUV, das ist schon was

– Contra

Mangelnde Motor-Getriebe-Harmonie
Ein rundes Lenkrad wäre besser
Gefühl der Enge auf den vorderen Sitzen
Wenig Kopffreiheit im Fond
Verkleinerter, sehr flacher Kofferraum
Gute Ausstattung geht ins Geld
Etwas dick aufgetragenes Premium-Gehabe
1,5-Liter-Diesel mit 130 PS zu schlapp
Mäßige Sicht nach hinten

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Martine Decker

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