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Alltagsheld mit Pinsel

Von manchen Auszeichnungen weiß jeder. Andere genießen ihre Anerkennung still. Einer von ihnen ist der Maler Nelson Neves. 2017 wurde er für seine Bemühungen um den Kulturaustausch zwischen dem Cap Vert und Luxemburg in Italien geehrt.

Fotos: Isabella Finzi (Editpress)

Sie wurden 2017 mit dem Ehrenpreis „I guerrieri di Riace“ der Akademie „Italia in Arte nel mondo“ in Lecce ausgezeichnet. Dabei stand nicht unbedingt Ihre Malerei im Vordergrund.
Der Preis wird an Menschen vergeben, die sich für einen Kulturaustausch einsetzen – deswegen bedeutet mir die Auszeichnung besonders viel. Maria Torelli, eine französische Künstlerin, ist auf mich aufmerksam geworden und hat mich zur Kandidatur motiviert. Dafür bin ich wirklich dankbar. Der Preis ehrt mein langjähriges Engagement.

Ihr Engagement?
Ich fliege mehrmals im Jahr zum Cap Vert und organisiere vor Ort kostenlose Kunstkurse, zusammen mit den Gemeinden, die den Raum stellen. Das Ganze zieht sich über zwei Wochen. Am Ende stellen wir unsere Werke zusammen aus. Menschen aus allen Schichten machen mit: Gefängnisinsassen, Straßenkinder, Lehrer – wir sind immer eine bunte Gruppe.

Das klingt nach Konfliktpotenzial.
Das denken viele, wegen der Gefängnisinsassen. Aber ich sehe den Menschen, nicht seinen „sac à dos“, nicht seine Fehler. Kunst kennt keine Grenzen: keine physischen, keine intellektuellen und keine gesellschaftlichen. Sie verbindet. Wir harmonieren.

Was sind die Motive, die Sie thematisieren?
Luxemburg. Kapverdier in Luxemburg.

Eine interessante Begegnung.
Ich frage zu Beginn oft: „Ist jemand aus Eurem Bekanntenkreis nach Luxemburg immigriert?“ Die Antwort ist meistens „Ja“. Und wenn ich frage, ob sie auch nach Europa auswandern wollen, dann nicken von zehn bestimmt sieben Teilnehmer. Ich zeige ihnen Bilder von Diekirch, von Ettelbrück, von Esch und Differdingen – den meisten sind die Ortschaften ein Begriff, weil Verwandte oder Bekannte dort leben.

Was genau ist das Ziel Ihrer Arbeit?
Die Kulturen zusammenzubringen und klare Verhältnisse schaffen. Ich bin in Luxemburg aufgewachsen. Meine Eltern haben sich hier etwas aufgebaut, über die Jahre hinweg, weil das in den 1970 er, 1980 er Jahren noch möglich war. Doch viele Jugendliche, Kapverdier allgemein, glauben, dass die Situation heute noch dieselbe ist – und das ist sie nicht. Mir ist es wichtig den Menschen vor Ort klar zu machen, dass es sinnvoller ist, sich in ihrer Heimat zu verwirklichen, zu studieren, sich für eine Ausbildung im Inland zu entscheiden, als wegzuziehen in ein Land, das ihre Arbeitskraft nicht mehr so benötigt, wie das noch vor dreißig, zwanzig Jahren der Fall war.

Sicherlich kein einfaches Vorhaben.
Es ist schwer es ihnen glaubhaft zu machen. Oft sagen sie zu mir: „Nelson, schau mal, wo deine Eltern leben: In einem großen Haus. Jetzt schau mal, wo meine Eltern leben: in einer Hütte. Du hast gut reden.“ Ich versuch ihnen zu erklären, dass dieser Luxus nicht mehr für alle drin ist. Ich weiß, dass der Stolz vieler Auswanderer zu groß ist, als dass sie als „Verlierer“ zurückkehren würden. Lieber leben sie dann in Europa in Armut – das kann nicht sein. In ihrer Heimat ginge es ihnen immer noch besser, als in Ländern, in denen sie unerwünscht sind.

Die Politik muss die Entwicklungsarbeit vor Ort entsprechend anpassen.

Viele Länder haben die Lage zum Glück verstanden und investieren jetzt in lokale Infrastrukturen. Luxemburg ist ein Vorzeigebeispiel. Das Großherzogtum hat unter anderem eine Hotelschule im Cap Vert mitfinanziert, was den jungen Leuten eine gute Ausbildung ermöglicht. Die Tourismusbranche soll in den nächsten Jahren zur größten Einnahmequelle werden: Fachkräfte sind gefragt. Den Menschen ist damit mehr geholfen. Luxemburg genießt ein hohes Ansehen im Cap Vert, weil es sich wirklich vorbildlich engagiert. Das macht mich stolz.

Man muss leider feststellen, dass sich nicht alle Luxemburger bewusst sind, dass das beide Kulturen verbindet. Auch ihnen öffnest Du die Augen.
In Luxemburg veranstalte ich Kunstprojekte an Schulen, wo ich Jugendlichen die Kultur des Cap Vert näherbringe.

Begegnen Sie dort oft Vorurteilen?
In vielen Familien herrscht ein gewisser Alltagsrassismus. Wenn ich die Jugendlichen frage, was sie mit Kapverdiern in Luxemburg verbinden, sagen sie viel zu oft: „Drogen und Schlägereien.“ Wenn ich dann wissen will, ob sie selbst schon mal von einem Kapverdier verprügelt worden sind oder einer ihnen Drogen aufgezwungen hat, kommt nichts mehr – weil sie das nicht aus eigener Erfahrung behaupten, sondern wiedergeben, was sie daheim aufschnappen. Klar, es gibt kriminelle Kapverdier, aber das rechtfertigt nicht ein solches Klischee. Auch deswegen versuche ich im Umkehrschluss die jungen Leute im Cap Vert über ihre Chancen in Europa aufzuklären, damit sie hier nicht aus Not in falsche Kreise abrutschen.

Lassen sich solche generalisierte Ansichten mit einem Pinsel aus der Welt schaffen?
Nach den ein, zwei Wochen merke ich einen deutlichen Unterschied, ja. Und wenn es nur zwei Schüler sind, die eine andere Meinung haben: Ziel erreicht. Dadurch, dass ich kein Lehrer bin, dass ich keine Noten verteile und kein rigides Programm verfolge, sind die Jugendlichen gelassener und nehmen an, was ich ihnen erzähle. Wir entdecken zusammen die Kultur des Cap Verts – durch Musik und Malerei – und inspirieren uns an den Farben und Motiven.

Eine Arbeit, die beiden Kulturen zugutekommt.
Der Botschafter des Cap Verts in Luxemburg meinte mal: „Alles Gute, was wir tun, zeichnet Luxemburg und den Cap Vert aus. Alles Schlechte, was wir tun, schadet dem Cap Vert und Luxemburg. Kapverden, seid alle Botschafter beider Länder.“ Eine Aufgabe, die ich jetzt seit über 17 Jahren aktiv verfolge.

Isabel Spigarelli

Ressorts: Wissen, Kultur

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Author: alommel

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