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Am Durchdrehen

Die Netflix-Serie „13 Reasons Why“ erzählt den Umgang einer Highschool-Clique mit Suizid, Missbrauch und Mord. Mit der vierten Staffel ist die Geschichte auserzählt. Und das ist längst überfällig.

USK: ab 16 Jahren / Zu sehen auf: Netflix

Schon wieder eine Beerdigung. Und schon wieder eine/r der Schüler*innen der Liberty High, irgendwo in Kalifornien. Wer und woran er oder sie starb, wird erstmal nicht verraten. Stattdessen rollen sich im Rückblick die letzten sechs Monate auf. Bryce und Monty sind tot, der eine gewaltsam ertrunken, der andere im Knast von einem Mithäftling erstochen. Offiziell steht Monty als Bryces Mörder fest. Doch nicht nur die Fernsehzuschauer und die durch Hannah Bakers Suizid entstandene Schicksalsgemeinschaft wissen, wie es um die Wahrheit steht. Auch Monty hatte Freunde. Und die wollen ihn um jeden Preis rehabilitieren.

Also ist es wieder an Clay Jensen, dem sympathischen, aber etwas aus dem Mustopf kommenden Musterknaben, der die Dinge richten muss. Doch leider kann er nicht mehr, denn auch Musterknaben kommen irgendwann an ihre Grenzen. Und so dreht Clay durch, ganze neun Folgen lang, bevor er in der finalen zehnten Folge der vierten Staffel und damit dem endgültigen Serienende seine Freunde und alle Zuschauer in eine Art Verheißung entlässt: Das Leben ist schön, auch wenn es mal kacke ist.

Wer noch nie eine Folge der amerikanischen Kultserie „13 Reasons Why“ gesehen hat, wird mit der vierten Staffel nicht viel anfangen können. Nicht deshalb, weil man die letzte Staffel ohne die anderen nicht verstehen würde. Sondern deshalb, weil einem die Protagonisten schon richtig ans Herz gewachsen sein müssen, damit man sich diesen Quark überhaupt noch anschaut.

Mit der ersten Staffel hatte Netflix das gleichnamige sehr erfolgreiche Buch des amerikanischen Autors Jay Asher verfilmt und damit 2017 einen Riesenhit gelandet. Thematisch war die Geschichte von Hannah Baker schwer verdaulich: Nach diversen Mobbingattacken von Seiten ihrer Mitschüler*innen und einer Vergewaltigung begeht die 17-Jährige Suizid. Vorher jedoch nimmt sie jedem/r einzelnen der Verantwortlichen ein Tape auf, wobei sie deren Handlungen und die daraus folgenden Auswirkungen explizit schildert. Ihr Mitschüler (und heimlich in sie verknallt) Clay Jenson erhält die Tapes, gemeinsam mit ihm kommen die Zuschauer*innen Hannahs Erlebnissen und Gedanken auf die Spur.

Aufgrund des Themas traf die Serie, genau wie das Buch, einen empfindlichen Nerv. Sie zeigte, dass der oft heftige, weil unüberlegte und grenzüberschreitende Umgang von und mit Heranwachsenden Verletzungen, Ängste und Komplexe provoziert, die nicht einfach wegzuwischen sind. Kurz nach Erscheinen der ersten Staffel gab es viel Kritik, vor allem Pädagogen und Elternvereinigungen befürchteten eine Suizidwelle unter Jugendlichen, die glücklicherweise ausblieb. Doch die Befürchtungen allein machten deutlich, dass jüngere Generationen oft unterschätzt werden. „13 Reasons Why“ glorifizierte nicht den Freitod, sondern legte akribisch jeden Strang offen, der Teil des Netzes war, in dem Hannah sich verfing. Dass sie eine andere Wahl gehabt hätte, wird ebenso deutlich wie die Verantwortlichkeit jedes Einzelnen, der an dem Netz mitgesponnen hat – wissentlich oder nicht.

Auch Musterknaben kommen irgendwann an ihre Grenzen.

Während die erste Staffel, und vielleicht noch die zweite, in der es um die Strafverfolgung von minderjährigen Vergewaltigern geht, uneingeschränkt zu empfehlen ist, hat sich Netflix mit der Weiterführung der Geschichte keinen Gefallen getan. Denn was anfangs so aussah wie ein engagiertes Statement zum Thema Mobbing und Gewalt, wurde bereits in Staffel 3 und jetzt auch in Staffel 4 zu einem überflüssigen Brei an – ja was eigentlich? – halbgegorenen Andeutungen, losen Erzählsträngen und belanglosen, dafür aber sehr langen Dialogen.

Und mittendrin Clay, dem man eigentlich schon in Staffel 3, spätestens aber jetzt nicht mehr dabei zusehen möchte, wie er verzweifelt versucht, alles gerade zu biegen, weil er ja doch nur erreicht, sich immer tiefer in sich selbst zu verheddern. Wo er doch einfach nur mal den Mund aufmachen müsste. Dass am Ende wieder jemand stirbt, ist tragisch. Wirklich bedeutend ist es nicht. Denn dieser Todesfall wurde hervorgezaubert wie das Kaninchen aus dem Hut, ein Zusammenhang zu den vorigen Staffeln wird zwar rhetorisch hergestellt, glaubhaft ist dieser jedoch nicht.

Wer Lust auf eine klug unterhaltende Serie hat, kann „13 Reasons Why“ getrost auslassen und sich stattdessen „Hollywood“ ansehen, ebenfalls eine Netflix-Serie. Sie ätzt gegen Rassismus, Homo-
phobie, Frauenfeindlichkeit und machtgeile alte weiße Männer. Zudem zeigt sie, dass Weichen auch anders gestellt werden können, um den Zug in eine bessere, gerechtere und freiere Welt zu führen. Leider die pure Illusion, aber sehr spaßig.

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Fotos: Netflix

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Martine Decker

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