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Am Rande der Zeit

Auf halber Strecke zwischen Nizza und Monte Carlo verbirgt sich das unscheinbare Èze. Jahre, nein, Jahrhunderte war es von der Außenwelt abgekapselt. 1952 gab es dort noch nicht einmal fließendes Wasser. Heute, 65 Jahre später, wird es zur Hochsaison von Tausenden Touristen überrollt. Wie viel bleibt noch vom vergessenen Ort jenseits der Zeit?

Text & Fotos: Françoise Stoll (francoise.stoll@revue.lu)

An der Côte d‘Azur ist das 2.500-Seelendorf jedem ein Begriff. Es gehört zu den Besichtigungsklassikern. Wer möchte nicht den Spuren von Friedrich Nietzsche folgen, die mittelalterlich-provenzalische Architektur und die exotischen Pflanzen im botanischen Garten bewundern? Ein vereinfachter Zugang zum Bergdorf sorgte in den vergangenen Jahren für großen Aufschwung. Statt maximal vier zirkulieren heute ein Dutzend Busse täglich in und außerhalb von Èze. Zudem locken Zweigstellen der Grasser Parfümerien Fragonard und Galimard Reisende an.

Das „Village“ ist alles andere als ein idyllischer, einsamer Ort. Es ist der Mont-Saint-Michel des Südens. Geografisch gesehen mag es zwar keine felsige Insel sein, auf 429 Metern Höhe und vom Mittelmeer umgeben kommt es einem jedoch so vor. Eine weitere Gemeinsamkeit sind die unzähligen Reisenden, die sich auf engstem Raum zusammengepfercht in den Kopfsteinpflastergassen nur schleppend fortbewegen.

Dennoch sind Stress und Klaustrophobie fehl am Platz. Denn der therapeutischen Wirkung der überragenden, landschaftlichen Umgebung kann niemand entgehen. Die Aussicht vom Kakteengarten auf der Corniche Moyenne oder vom 250 Meter höher gelegenen Schloss ist unvergleichlich. Wo man hinsieht: uriges Gebirge und azurblaues Wasser. Das Panorama reicht bis nach Beaulieu-sur-Mer und Saint-Jean-Cap-Ferrat.

Èze ist ein „village perché“ wie es im Buche steht. Für seine Einwohner ist es in den dreihundert Jahre alten Festungsmauern mittlerweile zu eng geworden. Neben den zahlreichen Restaurants und Kunstgalerien gehört die Altstadt den Hotels. Nur noch sieben esaskische Familien leben dauerhaft dort. Alle übrigen wohnen am Col d‘Èze oder in umliegenden Städten.

Seit 30 Jahren explodieren die Immobilienpreise im mittelalterlichen Zentrum. Grund dafür sind vor allem zwei Luxus-Hotels, die nahezu jedes Zimmer mit Meerblick aufkaufen. Robert Wolf, der Besitzer des „Château de La Chèvre d’Or“, begann bereits 1953 mit dem Unterfangen. Im Ort munkelt man, Wolf habe damit den Ratschlag von niemand Geringerem als Walt Disney befolgt. Die jüngere Generation ist also ausgewandert. Wer geblieben ist, versucht sich mit dem eigenen Betrieb, einer Crêperie oder einem Souvenir-Laden über Wasser zu halten. So etwa Catherine Civiletti. Die Boutique-Besitzerin wurde in Èze geboren, heiratete, brachte ihre Kinder dort zur Welt. Sie liebt ihre Heimat bedingungslos, wie alle anderen aus dem Ort.

Eine negative Einstellung gegenüber Touristen haben die Esasker nicht. Diese rennen ihn zwar ab Mai das Festungstor ein, sorgen aber auch dafür, dass die Geschäfte laufen. Von Februar bis Oktober steht Catherine täglich hinter der Theke der „Échoppe“. Im Herbst heißt es dann auch endlich für sie und ihren Mann: Urlaub. Dann widmen sie sich den Dingen, die sie das ganze Jahr über nicht erledigen konnten. Renovieren ihr kleines Häuschen, kümmern sich um den Garten und gönnen sich eine wohlverdiente Auszeit. Die meisten Geschäftsführer zieht es nach Asien. Sie kehren erst wieder Heim, wenn die Saison wieder langsam ins Rollen kommt, zum Karneval.

„Im Winter werden hier die Bürgersteige hochgeklappt“, gibt Catherine zu. Die beste Zeit in Èze sei der September, verrät sie uns. Das Wetter und auch die Wassertemperaturen zum Baden seien in diesem Monat immer noch sehr angenehm. Im „Village“ sorgt die Hanglage dafür, dass es selbst im Herbst fünf bis sechs Grad wärmer als in den Nachbarorten ist. Die massiven Felswände schützen die Bucht.

Außerhalb der Saison wird der kleine Ort seinem zeitlosen Ruf wieder gerecht. Wer durch die leeren Gassen schlendert oder seelenruhig auf dem Philosophenweg bis nach Èze Bord de Mer wandert, ahnt, was Nietzsche 1884 dazu inspirierte, „Also sprach Zarathustra“ zu verfassen.

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Author: Martine Decker

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