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Am Ziel vorbei

Immer mehr Menschen in Luxemburg geraten, nicht zuletzt wegen der Covid-19-Krise, in finanzielle Not – und sind angewiesen auf die Hilfsangebote der unterschiedlichen sozialen Anlaufstellen. Doch statt an einem Strang zu ziehen, kochen einige der Helfer lieber ihr eigenes Süppchen – und stehen sich dabei selbst im Weg.

Es war ein milder Winter, aber besonders lang, wenn es nach der „Wanteraktioun“ (WAK) für obdachlose Menschen geht. Für sie bleibt das Nachtfoyer in Findel jedes Jahr bis zum 31. März geöffnet, dieses Jahr wurde die WAK jedoch, aufgrund der Corona-Krise, bis zum 30. Juni verlängert. Es war ein besonders trauriger Winter, vor dessen Beginn George Edward Nixon gestorben ist, vielleicht Luxemburgs bekanntester Einwohner ohne festen Wohnsitz, sozusagen der „Botschafter der Obdachlosen“, wie Alexandra Oxacelay, Direktorin der Hilfsorganisation „Stëmm vun der Strooss“, den gebürtigen Kanadier einmal genannt hat. Nixon erlag im Kampf gegen den Krebs.

Dass viele Menschen ohne Dach über dem Kopf besonders der Gefahr ausgesetzt sind, sich mit Sars-COV-2 anzustecken, liegt auf der Hand. Vielen von ihnen stehen nicht die sanitären Maßnahmen zur Verfügung, die jemand besitzt, der ein festes Zuhause hat. Zudem leiden nicht wenige unter ihnen an Krankheiten, ob körperlicher, psychischer oder psychosomatischer Natur, sind drogen- oder alkoholabhängig.

Der Aufruf „Bleift doheem“ klingt in ihren Ohren fast schon zynisch. So war es naheliegend, die Winteraktion, die in den vergangenen Jahren jeweils mehr als zweitausend Personen nutzten, zu verlängern. So könne gewährleistet werden, dass die Obdachlosen sich täglich rund um die Uhr am gleichen Standort befinden, sagte unlängst Stéphanie Goerens, die Pressesprecherin des Familien- und Integrationsministeriums. Hilfe ist gut, Kontrolle ist besser, könnte man meinen. Luc Lauer, Gründer und Verantwortlicher der „Stroossen-Engelen“, sieht das anders. Bei den Obdachlosen, so sagt er, sei zudem gar nichts angekommen.

Die Helfer, seien es die Akteure der Stadt Luxemburg oder gemeinnützige Vereinigungen wie die Stroossen-Engelen, verfolgen eigentlich ein und dasselbe Ziel, allerdings aneinander vorbei.

Seine noch relativ junge, aus Ehrenamtlichen bestehende Organisation ist eine von mehreren in Luxemburg. Sie verteilen Nahrung, Kleidung und Hygieneartikel für Obdachlose und andere Menschen in Not. Nicht vernetzt ist seine Vereinigung jedoch mit dem Hilfsnetzwerk für Bedürftige, das die Stadt Luxemburg aufgebaut hat. Ein Netz, das sich immer weiter entwickelte und verzweigte, etwa mit Hilfseinrichtungen wie „Premier Appel“ von „Inter-Actions“, die sich um Menschen in Not in den Abendstunden kümmert. Die „Stroossen-Engelen“ haben, eigenen Aussagen zufolge, dennoch eine weitere der zahlreichen Lücken im Netz geschlossen, durch das, laut Lauer „nach wie vor immer noch viel zu viele Bedürftige fallen“. „Die Nachfrage nach den Hilfsangeboten besteht durchaus“, schrieb revue im Januar 2019, „fragt sich nur, weshalb die bereits vorher bestehenden Hilfseinrichtungen (…) anscheinend nicht ausreichen.“

image0-(3)-KopieSeit März, also seit Ausbruch von Covid-19, kommen immer mehr neue Menschen zur Stëmm, das belegen die Zahlen der Essensausgaben der Hilfsorganisation. Waren es im März noch 4.817 Menschen, die das Angebot der Stëmm in Anspruch nehmen wollten, stieg die Zahl im April auf 7.748.

Die „Stroossen-Engelen“ werden demnach gebraucht. Warum sie manchen Akteuren auf dem Terrain der Stadt Luxemburg trotzdem „ein Dorn im Auge zu sein“ scheinen, wie das „Tageblatt“ letzte Woche schrieb, ist Lauer & Co. ein Rätsel. In dem bereits erwähnten Artikel wird Lauer zitiert mit „Diesen Krieg werden wir verlieren“ und „Die ‚Stroossen-Engelen‘ kämpfen mit Widerständen“. Harte Worte. Das Team ist sogar von einem Schöffen – und dazu ziemlich unglimpflich – bei einer Verteilungsaktion aus der Oberstadt vertrieben worden. Dabei, so sagen es die Straßenengel, arbeiten sie doch mit den staatlichen Behörden zusammen, haben etwa vom Gesundheitsministerium und von der Polizeidirektion Genehmigungen zum Verteilen der Mahlzeiten bekommen. Auch mit der „Stëmm vun der Strooss“ gäbe es seit Längerem eine Kooperation, die wunderbar funktioniere, wie auch Alexandra Oxacelay bestätigt und hinzufügt: „Ich finde es sehr schade, dass es solche Schwierigkeiten zwischen den beiden Parteien gibt. Wo ein Wille ist, müsste doch auch ein Weg sein.“

Luc Lauer hat den Weg über die Presse gewählt. Er spricht von Krieg und von Widerständen, gegen die die „Stroossen-Engelen“ kämpfen müssen. Das klingt ja fast nach Straßenschlachten. Was ist da los? „Wir haben bereits 2018, nach der Gründung der „Stroossen-Engelen“, mit ihm gesprochen und erklärt, dass er ein Konzept einreichen könne, damit wir seine Organisation in unser Netzwerk integrieren könnten“, erklärt Maurice Bauer (CSV), Schöffe für Soziales der Stadt Luxemburg. Das soziale Netzwerk der Stadt besteht aus mehreren unterschiedlichen Angeboten von verschiedenen Trägern, neue Ideen seien immer willkommen, nur sollten diese aufeinander abgestimmt sein und sich an gewisse Vorgaben, etwa Einhaltung der Kühlkette bei Essensvergaben, gewährleistet sein, sagt der Schöffe. Als Stadt hätten sie schließlich die Verantwortung für das, was auf ihrem Terrain passiert, zu tragen.

Um wen oder was es dem einen oder anderen Akteur eigentlich wirklich geht, diese Frage drängt sich unmittelbar auf.

Doch passiert ist bisher nichts. Luc Lauer habe sich, auch auf mehrfache Angebote der Stadt Luxemburg, nicht bei dem Schöffen gemeldet. Warum, das versteht Maurice Bauer nicht. „Es sollte doch um das Wohl der Betroffenen gehen. Wir befinden uns sicher mit niemandem im Krieg und das wollen wir auch nicht. Solche Worte sind in diesem Kontext, wir sprechen schließlich von sozialer Arbeit, komplett unnötig.“ Auch die Aussagen Lauers, man sähe kaum Streetworker in der Stadt, und es gäbe keinen Zugang zu sanitären Anlagen, stimme so nicht, wurden doch erst vor einigen Wochen mobile Duschen auf dem Glacis errichtet. „Wir sind nicht perfekt, aber unsere Mitarbeiter auf dem Terrain sind sehr engagiert und wir tun unser Bestes, um den Bedürftigen zu helfen. Da trifft es einen schon, wenn einem unterstellt wird, nicht genug zu machen“, so Maurice Bauer. Dennoch sei seine Tür weiterhin für die „Stroossen-Engelen“ geöffnet.

Zusammengefasst: Beide Akteure wollen Bedürftigen helfen. Das ist gut so, das versteht man, immerhin wächst die Zielgruppe stetig. Schwerer nachvollziehbar ist eher die Tatsache, dass es in diesem sozialen Bereich, welcher, das Wort sozial sagt es ja bereits, das gesellschaftliche Zusammenleben im Mittelpunkt stehen sollte, zu solchen Querelen kommt. Statt sich an die zu wenden, mit denen diese Probleme geklärt werden könnten – wird sich an die Presse gerichtet. Gut, gemeinnützige Organisationen leben von Spenden, da ist es schon nachvollziehbar, dass man – vor allem in den Medien – auf sich aufmerksam machen will. Und auch die Tatsache, dass die Stadt Luxemburg das letzte Wort haben muss – und Menschen, die augenscheinlich nur helfen wollen, von ihrem Terrain vertreibt, ist eher nicht das, was man allgemein unter sozialem Verhalten versteht. Zu viele politische Vorgaben und Richtlinien bewirken im schlimmsten Fall, dass weniger Hilfsorganisationen gegründet werden. Um wen oder was es den einzelnen Akteuren eigentlich geht, diese Frage drängt sich schlussendlich auf. Denn das Ziel, Menschen in Not auf bestmögliche Weise zu helfen, wird so doch eigentlich nur erschwert.

Text: Cheryl Cadamuro, Stefan Kunzmann / Fotos: Tania Feller (Editpress), Stëmm vun der Strooss

Author: Martine Decker

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