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Amerikanische Familienpackung

Am oberen Grat der Outdoor-Palette balanciert für die FoMoCo der Edge, ein stattliches Biest, das die SUV-Familie von Ford Europa nach oben hin abrundet. Diese Skala fängt mit dem EcoSport an, reicht über den ultrapopulären Kuga bis zum Edge an der Spitze der Hackordnung. Nach den Worten der Kölner Kommunikationsabteilung ist es eine potente Mischung aus „innovativen Assistenzsystemen“ mit „kraftvollen Antriebseinheiten“. Ach, wirklich?

Fotos: Ford

Rollen wir doch einfach das Feld von hinten auf und fangen wir gleich bei den kraftstrotzenden Antrieben an, dann sind wir eher in der Umkleidekabine für den Pausentee. Es ist ganz einfach: es gibt keinen wirklich kraftvollen Antriebsstrang für den Edge. Von den zwei die er hat, ist der eine ein 2-Liter-Diesel mit einem manuellen Handschalter mit sechs Vorwärtsstufen, der andere genau der gleiche Motor mit einer serienmäßigen Achtgangautomatik. Der Zylinderkopf ist aus Aluminium, der Block aus Gusseisen. An das manuelle Sechsganggetriebe geflanscht, ist die Kurbelwelle vierfach gelagert, an der Achtgangautomatik ist sie fünffach gelagert. Ersteres Layout ist für 190 PS und 400 Newtonmeter gut, Letzteres für 238 PS und 500 Nm. Das war’s. Unerhört kraftvoll oder gar dynamisch ist keine dieser beiden Lösungen, besonders in Anbetracht der ins Feld geführten Masse. Das Automatikgetriebe ist darüber hinaus nicht das sämigste oder schnellste auf dem Markt, der Edge fängt an zu brummen, wenn er gar nicht so explosiv wie angedeutet aus den Puschen kommt. Oder nicht kommt. Wird das die anvisierte Kundschaft nachhaltig frustrieren? Wohl kaum.

Das einsatzbereite Gesamtgewicht (mit statistischem Fahrer und 90% der Flüssigkeiten) liegt bei 2.116 kg, mit ihrem manuellen Getriebe bringt die 190-PS-Ausgabe des Edge 2.030 kg auf die Waage. Die Dimensionen sind für europäische Verhältnisse stattlich: bei einer Länge von 4.834 mm und einer Breite von 2.148 mm inklusive Seitenspiegeln (1.981 mm bei eingeklappten Löffeln), misst der Radstand 2.849 mm, das sind nur zwei Streichholzschachtellängen weniger als ein klassischer (britischer) Mini von einer Stoßstange zur anderen. Mit 2,1 Tonnen Leergewicht wiegt er allerdings auch mehr als das Dreifache. „Big is beautiful“ heißt es da wo er herkommt. In Köln? Nein, in Oakville, Ontario. Das macht ihn im Gelände im Handumdrehen glaubhafter, sollte man meinen. Aber da gehört er gar nicht hin.

Im Innern ist es geräumig, was bei den Ausmaßen ja wohl auch das Mindeste ist. Der Kofferraumvolumen lässt sich von 602 auf 1.847 Liter erweitern, mit umgelegten Sitzen bis zum Dach aufgefüllt, die Ladeluke ist zwischen den Radhäusern 1,18 m breit, die Ladekante mit 80 cm den Dimensionen sowie dem Fahrwerk und der Reifengröße entsprechend hoch angesiedelt. Der Bein-, Kopf-, Hüft- und Schulterraum ist in beiden Reihen mehr als ausreichend bemessen. Die Kopffreiheit ist im Fond in Abwesenheit eines Panoramadachs sogar noch etwas höher als in der ersten Reihe.

Der Edge verfügt über zahlreiche Fahrassistenten wie die intelligente Geschwindigkeitsregelung ACC mit Stauassistent und Stop-and-Go-Funktion (nur in Verbindung mit der Achtgangautomatik), so fährt der Edge im Stau von selbst wieder an, sobald der Vordermann das auch getan hat. Nach drei Sekunden muss der Fahrer per Druck aufs Gaspedal die Aktion allerdings selbst einleiten. Der Fahrbahnassistent funktioniert bis zu einer Geschwindigkeit von 200 km/h, ein Pre-Collision-Assistent, ein Toter-Winkel-Assistent und eine Schildererkennung gibt es natürlich auch, aber leider nicht im Grundpreis mit inbegriffen. Der so genannte Ford CoPilot360, ein Paket das diverse dieser Hilfen beinhaltet, kann demnach autonomes Fahren der Stufe II. Scheinwerfer und Heckleuchten in LED, ein Dachspoiler in Wagenfarbe, ein Ausweich-Assistent und einer, der beim Ausparken hilft, sind weiter Zutaten, mit denen man die Zeche nach oben aufrunden kann. Premium ist das alles trotzdem nicht. Trotz aufgeschäumtem Kunststoff auf dem Armaturenbrett knistert noch an manchen Stellen der Hartplastik, und das Lenkrad mutet billig an.

King Size mit Kinkerlitzchen

Es gibt eine FordPass App, mit der man so lebenswichtige Informationen wie den Ölstand oder die Dieselreserve auf Distanz abrufen kann. Wenn sie wie mindestens 0,0001% der Zeitgenossen ein kompulsiver Ölstand-Kontrollfreak sind, ist das natürlich ein Segen, wenn sie wie all die anderen Zeitgenossen das allerdings nur höchstens einmal im Jahr oder nie und nimmer checken, weil Sie noch nicht einmal wissen, wo sich der Messstab befindet, dann ist das natürlich ziemlicher Blödsinn. Ach ja, Sie können auch den Motor aus der Distanz anlassen. Geben Sie es zu, das wollten Sie schon immer tun: Im Restaurant auf der Terrasse sitzen und dann aus 500 Meter Entfernung völlig ohne Vorwarnung aber zum Erstaunen der Passanten den Motor von ihrem Edge urplötzlich aufheulen lassen. Mal ganz im Ernst: Wenn Sie das wirklich wollen, lege ich gerne ein gutes Wort für Sie im Irrenhaus ein, ich kenne da jemanden, der Ihnen das Jäckchen im Rücken festzurrt und Sie behutsam aus der Schnabeltasse füttert. Egal, der Fordist sagt, wenn ihm sonst nichts mehr einfällt: „Où il y a de la gêne, il n’y a pas de plaisir.“

Zur Beruhigung der Gemüter sei gesagt: damit nicht genug, der Edge kann auch wirklich sinnvolle Dinge. Er ist mehr auf Komfort als auf pure Performance ausgelegt. Der Schalthebel wurde bei der Automatik durch einen Drehknopf ersetzt, was zusätzlichen Platz davor für ein induktives Ladefeld für Mobiltelefone schafft. Aus dem gleichen Grund ist auch der klassische Handbremshebel mit Seilzug und Gestänge der elektrischen Feststellbremse gewichen. An dem gewonnenen Platz befinden sich jetzt Becherhalter und eine Ablage.

Als Lenkung stehen eine elektrisch unterstützte Zahnstangenlenkung sowie eine optionale, adaptive Lenkung zur Verfügung. Mit der Standardlenkung braucht der Edge 2,5 Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag, mit der adaptiven Lenkung nur 2 Umdrehungen. Der Wendekreis beträgt je nach Raddurchmesser zwischen 11,9 m (19 Zoll) und 12,4 m (21 Zoll). Mit gebremstem Anhänger kann (und darf) der Edge 2,0 Tonnen ziehen, ungebremst sind es nur noch 0,75 t. Auf dem Dach darf er so oder so 75 kg tragen. Die hydraulischen Bremsen mit Zweifach-Kreislauf und elektronischem Bremskraftverstärker agieren mittels Zweikolben-Sättel auf Scheiben von 245 mm Durchmesser vorne, via Monokolben-Sättel auf 316er Scheiben hinten. Er kann also laden, ziehen und tragen, nur einfach so im Stadtverkehr mitfließen oder agil durch die Kurven im Weinberg flitzen, dass kann er nicht so gut.

Dafür ist er zu behäbig und auch für seine Motorleistung zu schwer. Es sei hinzugefügt, dass die Automatik eine adaptive Schaltstrategie besitzt, die sich ganz lernfähig dem Fahrstil anpasst. Vielleicht war mein Vorgänger in der Pilotenkanzel einfach nur eine ungeheure Schnarchnummer und der Edge deshalb so zäh und träge. Vielleicht täte die Automatik besser daran, nichts zu lernen sondern einfach nur schnell zu schalten. In den USA befeuert man das Teil auch mit einem schönen Gasoline-V6, wieso dann nicht in Europa? Es ist schon fast unverschämt, nicht nur (aber auch) vor dem Hintergrund des so genannten „Dieselgate“. Nein, diese Selbstzünder reißen gewiss keinen Eskimo vom Schlitten. Dabei wohnten nach der Volkszählung von 2011 doch 22% aller kanadischen Ureinwohner in der Provinz Ontario. Hmmm, irgendetwas stimmt hier nicht.

Den neuen Ford Edge gibt es in der mickrigsten Ausführung und auf der tiefsten Ausstattungsebene, als 2.0 Trend M6 195 AWD, für 43.173 €. Als 238 PS starker 2-Liter mit einer Achtgangautomatik in der ST-Line, wie wir ihn im Test fuhren, beginnt der Preis erst bei 53.907 €. In der überschaubaren Optionsliste finden wir Alupedale für 72 €, 19- bis 21-Zöller für 193 € bis 483 €, ein Panoramadach, das je nach Ausstattungsebene 1.232 € (Trend oder ST-Line) oder 1.063 € (Titanium oder Vignale) kostet. In der von uns gefahrenen ST-Line kosten die klimatisierten Vordersitze mit 580 € genauso viel wie die Parksensoren hinten und vorne. Alles in allem sind es Aufpreise, die so ganz und gar nicht nach Premium-Wucher müffeln. Aber da ist der Edge ja auch noch lange nicht angekommen. Und dann sucht der Neophyt trotz vieler Knöpfe auch drei Ewigkeiten, bis er die Lenkradheizung endlich im Untermenü der Elektronik ausgeschaltet hat. Ein Eskimo aus Ontario lässt so etwas allerdings völlig kalt.

Sehr viel Platz, komfortable Sitzgarnitur
Enormer Stauraum da kein 7-Sitzer
Relativ gut schallgedämpft beim Cruisen
Tür reicht über den Schweller, der bleibt also sauber
Einigermaßen aufgeräumt im Innern

– Kein einziger Benziner, kein V6
– Null Elastizität beim Überholmanöver
– Geräuschvoll unter Belastung
– Unhandlich, unübersichtlich, ungelenk
– Unnötig verschachteltes Infotainment
– Unter dem Nicht-Premium-Strich zu teuer
– Kaum zu gebrauchen im Gelände

Edge 2.0 EcoBlue A8 238 AWD ST-Line

1.996 cm3
175 kW/238 PS @ 4.000 U/min
500 Nm @ 2.000 U/min
9,6 s 0-100 km/h
216 km/h

Preis: Ab 53.907 €
Verbrauch: 6,7-7,2 l/100 km
CO2: 175-187 g/km

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Martine Decker

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