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Angst im Dunkeln

Wenn Kinder sich vor Monstern, Hexen und Einbrechern fürchten, sind viele Eltern hilflos. Dabei kommt es auf sie an, wie Kinder lernen, mit ihren Ängsten umzugehen.

Fotos: Konstantin Yuganov, Myst (beide Fotolia), Pixar Animation

Irgendwann kommt sie immer, die Angst vor der Dunkelheit. Da kann ein Kind über Monate hinweg abends völlig problemlos einschlafen, und dann entwickelt es von einem Tag auf den anderen eine nie gekannte Furcht: vor dem Alleinesein im Kinderzimmer und im eigenen Bett, vor der Dunkelheit, vor Schatten, vor Geräuschen, vor dem Schlafen an sich.

Jetzt heißt es: ruhig bleiben. Denn auch wenn es sich für Eltern vielleicht anders anfühlen mag: Sorgen sind völlig unbegründet! Angst zu haben ist normal und wichtig. Jeder von uns hat sie hin und wieder. Und als Kind haben wir sie mit Sicherheit auch schon gehabt. Angst beschützt uns vor Gefahren und lässt uns sensibler für unsere Umwelt werden, sie hilft uns, Entscheidungen zu treffen und waghalsige Aktionen zu vermeiden.

Wenn Kinder plötzlich Angst im Dunkeln haben, zeigt es, wie gut sie sich entwickeln. Meist fängt sie im Alter zwischen zwei und drei Jahren an, wenn das sogenannte „magische Denken“ beginnt. Dieses Denken beflügelt die Phantasie, lässt Gegenstände lebendig werden, versteckt Monster unterm Bett, wilde Tiere im Schrank und Einbrecher vor den Fenstern. Wenn es dunkel wird, werden die Phantasien verstärkt. Zum Farbensehen braucht das menschliche Auge Licht, im Dunkeln verschwinden die bunten Farben, alles ist nur noch in Grautönen zu sehen. Gespenstisch und gruselig. Kein Wunder, dass man sich da fürchtet.

Kinder müssen mit ihren Ängsten ernst genommen werden.

Um Kindern zu helfen, der Angst beizukommen, sollten Eltern eines beachten: Kinder müssen mit ihren Ängsten ernst genommen werden. Sprüche wie „Ach, es gibt keine Monster“, „Das bildest du dir nur ein“ oder „So ein großer Junge/großes Mädchen wie du braucht doch keine Angst zu haben“ nützen überhaupt nichts. Im Gegenteil, es verstärkt die Angst, wenn Mama oder Papa nicht hinter ihren Kindern steht. Ein Kind fühlt sich dann nur noch mehr alleine. Zeigen die Eltern jedoch Verständnis für die Situation, geht es dem Kind gleich besser. Gemeinsam können Eltern und Kind dann versuchen, die Angst zu entschärfen. Wie das geht? Es gibt kein Patentrezept. Menschen sind unterschiedlich, was bei dem einen helfen mag, bringt bei dem anderen überhaupt nichts. Eltern sollten ihre Kinder am besten kennen und wissen, was ihnen gut tut und was nicht.

In Erziehungsratgebern finden sich trotzdem ganz generelle Tipps für Eltern im Umgang mit ängstlichen Kindern. Vor allem der, als gutes Beispiel voran zu gehen. Denn Angst ist zwar ein ureigener Reflex, doch auf welche Art die Angst gezeigt und kultiviert wird, hängt stark davon ab, wie die Bezugspersonen der Kinder mit ihrer eigenen Angst umgehen. Wenn die Mama beim Anblick einer Spinne oder Maus in panikartiges Geschrei verfällt, dann lernt auch das kleinste Kind, dass diese Reaktion vollkommen angemessen ist, weil Mama selbstverständlich das größte Vorbild ist. Kann die Mama sich jedoch zusammenreißen und nicht in Panik verfallen, lernt auch das Kind, rationaler mit der Angst umzugehen. Denn genau das ist ja, was Eltern gerne hätten: Dass die Kinder lernen, mit ihren Ängsten zu leben. Dazu gehört, mit den Kindern über das Thema zu sprechen. Woher sollten sie sonst wissen, dass es normal ist, manchmal ängstlich zu sein? Oder, dass sich selbst Mama oder Papa hin und wieder fürchten? Vielen Kindern hilft es, wenn sie wissen, dass es ihren Eltern als Kind genauso ging und es kein Zeichen von Schwäche ist, auch mal Angst zu haben.

Eine Monsterjagd mit Mama und Papa macht richtig Spaß.

Die meisten Kinder wissen selbst, was ihre Angst mildern könnte, und überlegen sich manchmal die tollsten Dinge. Manche wollen auf Monsterjagd gehen oder die böse Zauberin im Schrank mit ein paar Keksen bestechen. Andere wollen das Licht zum Schlafen anlassen, wieder andere am liebsten im Bett der Eltern schlafen. Um langfristig zu erreichen, dass Kinder angstfrei und zufrieden in ihren eigenen Betten schlafen, kann es durchaus hilfreich sein, sie vorübergehend ins Elternbett zu lassen. Allerdings sollte man sich überlegen, ob man das wirklich möchte. Nicht jede Mutter und jeder Vater schlafen gut, wenn der Nachwuchs quer im Bett liegt. Außerdem besteht die Gefahr, dass sich die Angst nur zeitlich verschiebt und unverändert dann wieder da ist, wenn es darum geht, das Kind erneut im eigenen Zimmer einzuquartieren.

Besser ist es, das Kinderzimmer mit guten Erlebnissen zu füllen und dafür zu sorgen, dass das Kind sich dort wohl fühlt. Einschlafrituale wie gemeinsames Lesen oder Singen bringen Stabilität und Ruhe in den abendlichen Ablauf, beides eine gute Vorbereitung auf eine ungestörte Nachtruhe. Kurz vor dem Schlafengehen hingegen noch fernzusehen, macht Kinder nachweislich unruhig und verhindert das baldige Einschlafen. Hingegen ein Nachtlicht brennen zu lassen und/oder die Tür einen Spalt breit offen stehen zu lassen, ist nicht verkehrt, beides gibt dem Kind Sicherheit, weil es nicht im völligen Dunkel ist und durch die Geräusche auch hört, dass es nicht alleine ist.

Eine Monsterjagd mit Mama und Papa vertreibt zudem nicht nur die unerwünschten Gesellen, sondern macht dazu noch richtig Spaß. Dabei wird in allen Ecken, Kisten und Schränken nach Monstern gesucht, meist zwar mit negativem Erfolg, aber immerhin wissen die Kinder so, dass keine da sind. Bewährt hat sich auch das sogenannte „Monsterspray“, das im Spielwarenhandel erhältlich ist und meist aus Lavendelöl oder Wasser besteht. Ein paar Spritzer unters Bett und in alle Ecken kann Wunder wirken, weil es verhindert, dass sich im Laufe der Nacht doch noch Monster ins Zimmer verirren.

Wer seiner Phantasie freien Lauf lässt, wird sicherlich noch andere Möglichkeiten finden, der Angst vor dem Dunkeln zu begegnen. Doch wie es mit den meisten Dingen im Leben ist: Gut Ding will Weile haben. Setzen Sie sich und ihr Kind also nicht unter Druck.

Tipp: Die Monster AG

Auch wenn Film und Fernsehen für kleine Kinder nicht wirklich zu empfehlen sind, der Animationsfilm „Die Monster AG“ (im Original: Monsters, Inc.) ist zwar schon 16 Jahre alt, aber noch immer äußerst sehenswert und ein echter Spaß für Kinder im Schulalter. Der Film erzählt die Geschichte der beiden Monster Sulley und Mike, die im nächtlichen Erschrecken von Menschen-kindern so gut sind, dass sie regelmäßig Preise gewinnen. Der Job des „Erschrecker“ ist für die Monster kein reiner Selbstzweck. Vielmehr sichern die Schreie der erschreckten Kinder die Energieversorgung des Monsterstaates. Bis Sulley eines Tages feststellt, dass nicht die Schreie, sondern das Lachen der Kinder die meiste Energie einbringt. Wovon leider nicht alle Monster überzeugt sind.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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