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Arbeit und Ausdauervermögen

Mit „Le Ceneri Di Heliodoro“ veröffentlichte die Luxemburger (Neo)Folk Noir-Band Rome Anfang des Jahres ihr 13. Album. Im Interview erklärt Bandgründer und Mastermind Jérôme Reuter, was den Musikliebhaber erwartet.

„Le Ceneri Di Heliodoro“ ist seit Mitte Januar auf dem Markt. Wie zufrieden sind Sie mit diesem Output?
Natürlich ist es die beste Platte, die ich je gemacht habe (lacht). Spaß beiseite, die ersten Reaktionen sind durchwegs positiv und ich bin eigentlich immer sehr froh, wenn sich ein Album gut verkauft, schließlich finanziert sich damit das nächste. Rome ist in dieser Hinsicht etwas „oldschool“. Die Fans auch, die wollen noch ein Album in der Hand halten und sie sind sogar bereit für eine (limitierte) Sonderedition Geld auszugeben. Etwas, was in unsere Kalkulationen natürlich mit einfließt. Dieses Prinzip des Vorausfinanzierens der nächsten Scheibe hält Rome am Leben.

…und was sagen die Kritiker?
Eigentlich sind die Reviews sehr gut, was mich ehrlich gesagt etwas überrascht. Vor allem, weil dies etwas ist, was man nicht planen kann. Zwar habe ich durchaus ein Gespür dafür, ob ein Album bei unserer Stammkundschaft vielleicht besser ankommt, als ein anderes. Wir probieren als Band aber ständig neue Dinge aus und ich weiß deshalb auch, dass nicht immer alles gleich gut ankommt. Dies hat aber gleichzeitig den Vorteil, dass eine Art Vorfreude bei unseren Fans aufkommt. Es ist eben nie genau gewusst, wo die Reise hingeht.

Das aktuelle Album ist zugänglicher als der Vorgänger „Hall of Thatch“…
Grundsätzlich ist das Album etwas „retro“, aber natürlich sind neue Elemente eingeflossen. Mit „Hall of Thatch“ bin ich aus einer künstlerischen Sichtweise nach wie vor sehr zufrieden, weil es etwas vollständig Neues war und ich habe etwas Ähnliches in der Art und Weise auch noch bei keinem anderen gehört. Aber es war eben etwas experimenteller. Das aktuelle Werk ist sicherlich klassischer. Viele der Songs wurden bereits letztes Jahr im Rahmen unserer Tournee live gespielt und wir bemerkten, dass sie gut beim Publikum ankamen. Einige Lieder wurden im Vorfeld als Single ausgekoppelt, um so Spannung auzubauen. Das hat diesmal recht gut geklappt. Ich glaube das aktuelle Werk funktioniert auch für Leute, die sich vorher noch nie mit Rome auseinandergesetzt haben.

Rome ist eigentlich eine Ein-Mann-Sache, oder?
Wir touren als Band, aber ich bin für das Schreiben der Lieder und die Aufnahmen zuständig. Im Studio arbeite ich natürlich mit einem Toningenieur zusammen – bei diesem Album war es Tom Gatti – und diese Person hat immer einen gewissen Einfluss auf den Sound und die Arrangements.

Wie viel Freiraum hat der Produzent oder der Toningenieur bei einem Album?
Eigentlich bin ich mir immer im Klaren darüber, wie eine Scheibe klingen soll. Wenn es eher in Richtung Folk gehen soll, verbiete ich mir zum Beispiel allzu viele elektronische Spielereien einzubauen. Diese Richtlinien setze mir selbst, um jeder Platte ihre eigene Identität zu geben. Ich möchte auf keinen Fall immer gleich klingende Alben veröffentlichen. Es soll für mich als Musiker, aber auch für den Zuhörer immer interessant bleiben. Weil die Arbeitsweise so ist, spielen die Personen, mit denen ich zusammenarbeite eine wichtige Rolle. Sie teilen meinen rein subjektiven Blick auf meine Musik nicht und haben entsprechend mehr Distanz zu den Songs. Die Änderungen, die sie mir vorschlagen können entscheidend dafür sein, wie ein Song oder ein Album vom Publikum angenommen wird. Man muss sich diese Leute also dementsprechend gut aussuchen.

„Le Ceneri Di Heliodoro“ ist das 13. Album seit Rome 2005 gegründet wurden. Woher kommt diese Produktivität?
Es ist nicht so, dass ich mich morgens in mein Büro einschließe, um zu schreiben. Bei mir passiert das eher in kurzen Phasen, wo sich die Dinge relativ schnell einfach zusammenfinden. Dies ist allerdings nur möglich, weil ich ständig Ideen sammle. Die Alben besitzen in der Regel entweder stilistisch oder thematisch einen roten Faden, was das Komponieren zusätzlich etwas erleichtert. Jedes Lied muss alleine für sich funktionieren aber auch im gesteckten Rahmen des Albums. Da ich mittlerweile beim 13. Album angelangt bin, habe ich allerdings den Vorteil, über ein großes Repertoire zu verfügen, sodass wir nicht darauf angewiesen sind jedes einzelne Stück von einer neuen Veröffentlichung live performen zu müssen.

Im Klartext: Album Nummer 14 ist bereits mehr als nur angedacht?
Ja, ich bin dabei, das nächste Album so weit fertigzustellen und kreativ ist nicht mehr viel zu erledigen. Das passiert immer ungefähr ein Jahr vor dem Erscheinen. Danach spreche ich mit meinen Label über Dinge wie Artwork und andere Sachen. Im Musikbusiness muss alles ineinander greifen und es passiert nichts rein zufällig. Es gab schon Alben, die fertig waren und die ich bewusst zurück gehalten habe, weil der Moment einfach nicht gepasst hat. Für mich ist ein Album allerdings erst in Stein gemeißelt, wenn es zum Mastering geht. Vorher nehme ich mir die Freiheit raus noch daran zu feilen, bis es mir gefällt. Es läuft vieles parallel und ich arbeite in der Regel nicht mit Deadlines im Kalender. Ich will einfach gute Musik veröffentlichen und das benötigt eben die Zeit, die es benötigt.

Das Visuelle – vom Artwork bis zum Video – ist sehr stimmig und scheint eine wichtige Rolle zu spielen…
In der Tat im Moment ist das Projekt eine ziemlich runde Sache, weil alles zusammenpasst. Vom Merchandising, über die Bandfotos, das Artwork, unser Set, die Bühnenpräsenz bei unseren Livegigs und so weiter. Das hat allerdings viel Arbeit benötigt und ein paar Jahre gebraucht. Du musst halt suchen, bis du dich findest. Wir haben mittlerweile unsere Linie gefunden und können so Leuten, die zum Beispiel das Artwork übernehmen, besser erklären, was wir wollen.

Rome veröffentlicht über „Trisol Music Group“. Wie wichtig ist es bei einem Plattenlabel zu sein?
Das ist extrem wichtig, zwar ist es heutzutage problemlos möglich alles selbst zu erledigen. Allerdings kann ich schon jetzt nicht über mein Arbeitspensum klagen und bin eigentlich sehr dankbar, dass ich im Laufe der drei bis vier letzten Jahre einen Teil an externe Partner, wie etwa einen Booker oder einen Merchandiser abgeben konnte. Ich muss den Kuchen zwar mit anderen teilen, aber ich bin aktuell in der Situation, wo dies möglich ist. Das Plattenlabel übernimmt außerdem die Distribution und rührt die Werbetrommel, das ist in Zeiten, wo jeder alles mögliche veröffentlichen kann, umso wichtiger, damit man als Künstler im Meer der Veröffentlichungen überhaupt bemerkt wird. Aus diesem Grund überlegen wir auch immer sehr genau, wann wir eine neue Platte veröffentlichen. Meistens sind das die Flautemomente im Jahr, wie etwa im Januar oder August. Im Weihnachtsgeschäft könnten wir uns soviel anstrengen, wie wir wollten, man würde Rome nicht wahrnehmen.

Meine Alben besitzen in der Regel entweder stilistisch oder thematisch einen roten Faden.

Sie haben Rome 2005 gegründet, sind aber davor mit anderen Bands aktiv gewesen. Wieso haben Sie diesen Schritt damals vollzogen?
Ehrlich gesagt, ich hatte überhaupt keinen Karriereplan. Ich bin einfach nach und nach hinein gestolpert. Die Vorgängerbands funktionierten nicht so, wie ich es mir vorstellte und ich habe halt einfach eine erste Demo aufgenommen. Daran geglaubt, dass diese Musik mehr als nur eine Handvoll Menschen interessieren würde, habe ich nicht. Danach wurde die Demo einfach ganz klassisch an Labels verschickt und ich hatte das große Glück, dass das schwedische Szenelabel „Cold Meat Industry“ mich direkt unter Vertrag nahm. Ein Label, dass von vielen Genre-Liebhabern für ihre Veröffentlichungen geschätzt wird, und so dürften viele Fans auch meine Musik entdeckt haben.

Ab wann haben Sie die Entscheidung getroffen Rome als Vollzeitbeschäftigung anzusehen?
Zu Beginn war ich noch Student und arbeitete drei Tage die Woche, um über die Runden zu kommen. Nebenbei musizierte ich … finanziell gesehen, bin ich sozusagen noch keinen Schritt weiter gekommen (lacht). Musik ist eigentlich das, was ich immer machen wollte und ich konnte es mir zum Ende meiner Studentenzeit hin einfach erlauben, es zu versuchen. Aber erst sechs, sieben Jahre nach den ersten Veröffentlichungen ergab sich die Möglichkeit Musik wirklich, Vollzeit zu betreiben. Es passierte halt nach und nach. Man kann nicht einfach sagen: „Jetzt schmeiße ich meinen Job und bin Profimusiker“. Es heißt über Jahre hart arbeiten und auf die Zähne beißen. Grundsätzlich war es aber immer so, und ist es auch heute nicht anders, dass ich immer von Jahr zu Jahr schaue und froh darüber so lange ich Rome exklusiv ohne Nebenerwerb bestreiten kann. Im Moment läuft es recht gut und ich tue etwas, was mir Spaß macht. Da spielt das Finanzielle dann eher eine Nebenrolle. Die Musikwelt dreht so schnell und die Geschäftsmodelle veränderten sich in den letzten Jahren mit Downloads und Streams grundlegend, bei diesem Modell verdienen die Bands allerdings viel weniger Geld. Live spielen wird halt immer wichtiger.

Rome vefügt im Ausland über eine treue Fanbasis. Hierzulande wurde die Band bei den „Luxembourg Music Awards“ zum „Export Artist of the Year“ und doch scheint sie eine Art Stiefkind der hiesigen Szene zu sein…
So sehe ich das nicht, das Projekt habe ich halt im Ausland begonnen und es hat dort seinen Lauf genommen, weil ich dort lebte und arbeitete. Ehrlich gesagt bin ich nämlich froh darüber in Luxemburg etwas meine Ruhe zu haben. Es ist ja nicht so, dass ich im Ausland ständig erkannt werde, aber hierzulande brauchst du nicht viel zu tun, damit jeder dich erkennt. Das will ich aber gar nicht. Es bringt auch nichts zu oft am gleichen Ort – egal ob in Luxemburg oder in Großstädten – live aufzutreten, weil die Leute dann irgendwann nicht mehr kommen. Der Export-Preis ist eigentlich der einzige, den ich erhalten konnte und es ist eine große Ehre, weil er für mich persönlich der wichtigste ist. Die anderen Kategorien sind nämlich gar nicht in meiner Musikwelt verankert. Ich pushe zum Beispiel keine Radiosingles oder ähnliches.

Letzte Frage: Ihre Rome-Diskografie umfasst bis jetzt 13. Alben. Ist eines dabei, das Sie heute so nicht mehr veröffentlichen würdest?
Nein. Ich überlege mir nämlich sehr gut, was ich veröffentliche. Jedes Album ist eine Momentaufnahme. Es gibt sicherlich Dinge, die ich heute anders aufnehmen oder arrangieren würde. Aber das ist eben ein Bestandteil des Musikmachens, man ist irgendwie nie wirklich fertig mit etwas. Du muss selbst den Schlussstrich ziehen, merken wann ein Werk stimmig ist und veröffentlicht werden kann, ansonsten wirst du als Musiker noch verrückt.

Fotos: Torsten Geyer

Weitere Informationen unter: www.rome.lu

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Philippe Reuter

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