Der Anteil der von Armut bedrohten Menschen an der Gesamtbevölkerung in Luxemburg hat zugenommen. Ursachen sind unter anderem die hohen Immobilienpreise und Wohnkosten.
Die Aussichten sind gut; Luxemburgs Wirtschaftswachstum liegt bei mehr als drei Prozent und wird nach Aussagen der Ökonomen auch nächstes Jahr stabil bleiben. Die Einkommen sind in den vergangenen Jahren gestiegen, die Arbeitslosigkeit ist gesunken und liegt bei etwa 5,5 Prozent. Ein Paradox: Während die genannten Indikatoren optimistisch stimmen, sagt der zwei Tage nach den Parlamentswahlen und einen Tag vor dem internationalen Tag zur Bekämpfung der Armut vorgestelle Bericht des Staatlichen Statistikamtes (Statec) zur Arbeit und sozialen Kohäsion etwas anderes aus.
Das Armutsrisiko hierzulande ist gewachsen. Das heißt unter anderem, dass der Anteil der Menschen, die von der Armut bedroht sind an der Gesamtbevölkerung, höher ist als im Jahr zuvor. Im Jahr 2017 lag sie bei 18,7 Prozent, 2016 noch bei 16,5 Prozent. Ein markanter Anstieg. Insgesamt waren im vergangenen Jahr 126.000 Menschen im Großherzogtum dem Armutsrisiko ausgesetzt. Besonders betroffen sind Ausländer, Alleinerziehende, Menschen unter 18 Jahren und Menschen ohne Ausbildung oder mit geringer Bildung.
Ein Paradox, dass trotz des stetigen Anstiegs der Einkommen die Zahl der Armen immer größer wird. Serge Allegrezza
Dass sich das Armutsrisiko für viele in einem der reichsten Länder der Welt trotz der positiven wirtschaftlichen Daten vergrößert hat, ist ein Armutszeugnis. Auch Statec-Direktor Serge Allegrezza spricht von einem „Paradox, dass trotz des stetigen Anstiegs der Einkommen die Zahl der Armen immer größer wird“. Vor allem bei der Ausbildung und Weiterbildung müsse die Regierung ansetzen, weiß Allegrezza. Seiner Behörde zufolge ist dies darauf zurückzuführen, dass das Wirtschaftswachstum vor allem den Reichen zugute kommt. Die gesellschaftliche Polarisierung hat folglich zugenommen. Während die zehn ärmsten Prozent der Bevölkerung nur drei Prozent des gesamten Einkommens kassieren, bekommen die oberen zehn Prozent fast ein Viertel.
Was hat die Regierung in den vergangenen fünf Jahren im Kampf gegen die Armut unternommen? Was haben die Parteien in ihren Wahlprogrammen zur Armutsbekämpfung vorgeschlagen? Die Sozialpolitik der blau-rot-grünen Koalition fällt eher dürftig aus. Robert Urbé von der Caritas sieht sie kritisch (siehe Interview Seite 17), weiß aber auch, dass einige Ursachen zeitlich weiter zurückliegen und globaler Natur sind. Der Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und die Globalisierung haben ihre Spuren hinterlassen. Und in den Wahlprogrammen war der Kampf gegen die Armut zwar genannt, aber längst nicht für alle gleichbedeutend wichtig.
Ohne die staatlichen Zuschüsse wie Sozialtransfers oder Renten wären sogar 47 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet. Im Sommer dieses Jahres wurde das Gesetz zur Reform des Garantierten Mindesteinkommens (RMG) verabschiedet, auf das derzeit rund 20.000 Menschen oder etwa 10.000 Haushalte angewiesen sind. Aus RMG wurde Revis – Revenu d´inclusion sociale. Ziel der Reform ist neben der Armutsbekämpfung die sogenannte Aktivierung der betroffenen Personen: Sie müssen an Maßnahmen teilnehmen, wenn sie neben einer „Allocation d´inclusion“ auch eine „Allocation d´activation“ erhalten wollen. Bis dahin erhielten RMG-Empfänger, die mehr als zehn Stunden wöchentlich arbeiten, keine finanziellen Vorteile. Es solle sich wieder lohnen, arbeiten zu gehen, hatte Familienministerin Corinne Cahen die Neuerung begründet.
Dass mit dem neuen Gesetz die eigentliche Hauptursache für Armut nicht bekämpft würde, warnte der Abgeordnete Marc Baum von déi Lénk. Dies seien vor allem ein zu niedriger Mindestlohn sowie prekäre Arbeitsverhältnisse wie zum Beispiel befristete Verträge. Die betroffenen Personen seien darüber hinaus alles andere als inaktiv. Demzufolge gehen 93 Prozent der RMG-Empfänger einer Arbeit nach. Auch die CSV äußerte Bedenken. Das Recht auf ein garantiertes Mindesteinkommen werde in Frage gestellt. Die Revis-Zulagen entsprechen nicht dem Mindestbedarf für ein menschenwürdiges Leben hierzulande.

Auch hierfür geben die Zahlen des Statec Aufschluss: Demnach braucht eine erwachsene Person für ein würdiges Leben in Luxemburg monatlich 1.996 Euro, ein Paar ohne Kinder 2.707 Euro und eine Familie mit zwei Kindern 4.079 Euro. Laut RMG-Reform bekommt sie aber eine Eingliederungszulage von nur 2.538,95 Euro. Allerdings verwies die Familienministerin darauf, dass ein würdiges Leben durchaus möglich sei, wenn Mietzuschuss sowie Gratis-Kinderbetreuung und Gratis-Transport hizugerechnet würden.
Fest steht, dass Arbeit nicht vor Armut schützt, wie das Statec herausfand: 2017 lebten 13,7 Prozent der in Luxemburg ansässigen Beschäftigten am Rande der Armut. Diese Gruppe sei heterogen und sei im Laufe der Zeit stärker angewachsen als in den Nachbarländern, heißt es in der Statec-Studie. Die Zahl der „working poor“ hat also zugenommen. Der OGBL weist darauf hin, dass der Mindestlohn im Vergleich zu der Entwicklung des Durchschnittslohnes und der Produktivitätsgewinne der vergangenen Jahre zu niedrig ist. Die Gewerkschaft fordert daher eine Erhöhung des Mindestlohnes um zehn Prozent und seine Befreiung von der Einkommenssteuer. Ein Wahlkampfthema, wie sich herausstellte. Doch wie sieht es nach dem Urnengang unter einer Neuauflage der blau-rot-grünen Koalition aus?
Die LSAP trat in ihrem Wahlprogramm für eine Erhöhung des Mindestlohnes zum 1. Januar 2019 um hundert Euro ein. Sie spricht sich für eine „strukturelle Anpassung des Mindestlohnes an die wirtschaftliche Entwicklung“ und für eine steuerliche Entlastung der Mindestlohnempfänger aus. Die DP hingegen will die Auswirkungen jeder Erhöhung auf die Wirtschaft und Arbeitslosigkeit überprüfen. Sie ist für Maßnahmen, die nicht „auf Kosten der Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe“ gehen, so Mietsubventionen und Gratis-Kinderbetreuung. Die Grünen setzen sich derweil für einen Mindestlohn ein, der sich „an der Entwicklung der Kaufkraft orientiert“. Zur Armut tragen nicht zuletzt die hohen Wohn- bzw. Mietkosten bei. Wirtschaftlich schwache Haushalte geben laut Statec-Angaben 42 Prozent ihres Einkommens für Mieten aus. Dass Mindestlohn und Revis zum 1. Januar um 1,1 Prozent steigen, wird also wohl niemanden vor der Armut retten. Sie wird auch in Zukunft ein Problem darstellen, mit der sich die künftige Regierung auseinandersetzen muss. Dies ist unter anderem auch mit der Ungewissheit verbunden, wie sich die Digitalisierung der Wirtschaft auf die soziale Kohäsion auswirkt. Zudem hat die Entwicklung in den vergangenen Jahren gezeigt, dass vor allem jüngere Menschen gefährdet sind, in die Armutsfalle zu geraten. Und, dass es schwer ist, aus dieser Falle wieder herauszukommen. Unter den Kindern und Jugendlichen sind hierzulande 23,6 Prozent armutsgefährdet.
Fotos: perfectlab, jchizhe (Fotolia)
Welche Maßnahmen wurden versäumt?

