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Arty Schocken und die heiligen Narren

Auftritt Hugo Balls 1916

Auftritt Hugo Balls 1916

Hundert Jahre Dada, vierzig Jahre Punk – wie jedes Jahr ist auch 2016 ein Jahr der Jubiläen. Dabei sind Jubiläen nichts anderes als die Musealisierung des bejubelten Subjekts. Als sich im Februar 1916 eine Gruppe von Exilanten wie Hugo Ball, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck und Hans Arp , die aus ihren vor dem Ersten Weltkrieg in die Schweiz flohen, in Zürich nur wenige Meter von Lenins Wohnsitz das Cabaret Voltaire gründeten, ging es vor allem darum, mit der dominierenden Kunst der damaligen Zeit zu brechen – und eine Tradition zu zerstören. Sie trugen Lautgedichte und Manifeste vor, hörten Musik und tanzten. Für das Bürgertum waren sie völlig „gaga“. Mit ihren Partys erregten die Dadaisten Aufsehen und stießen auf die Kritik der empörten Öffentlichkeit und der Institutionen.

Heute ist das Cabaret Voltaire selbst eine Institution geworden, auch wenn sich an ihm noch die rechtsgerichtete Schweizer Volkspartei stößt, die vor ein paar Jahren darüber herzog, dass das Kulturzentrum von der Stadt Zürich finanziert würde. Die Dadaisten selbst verstreuten sich in die halbe Welt. Seither hat es immer wieder neue Postdadaisten gegeben, die dazu geführt haben, dass Dada zeitlos geblieben ist. Dada-Workshops, Lesungen, Besetzungen – Dada lebt immer wieder auf. Zurzeit wird das Jubiläum an vielen Orten gefeiert, besonders in Zürich, aber nicht nur.

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Der Vorwurf haftet dem Punk schon seit längerem an. Eigentlich schon von Anfang an, als die Sex Pistols von ihrem Manager Malcolm McLaren zu einem Great Rock’n’Roll Swindle hochgejazzt wurden. Der Sommer 1976 gilt als der Urknall. Es war das Jahr, in dem die Ramones in London spielten und auf die Musiker der dortigen Szene trafen. Die Sex Pistols, The Clash, The Damned, The Adverts, The Vibrators und die Buzzcocks – einige Musikmagazine feierten bereits vierzig Jahre Punk wie zahlreiche Blätter und Institutionen zurzeit hundert Jahre Dadaismus durch ihre Feuilletons jagen. Kürzlich widmete sogar das Tageblatt Punk einen Leitartikel. Dem Autor Luc Laboulle zufolge ist Punk also nicht nur Musik, nicht nur Mode, was zwangsläufig immer wieder Revivals mit sich bringt, sondern eine Lebenseinstellung, in der eine kräftige Portion Subversion steckt. „Punk´s not dead“, wie The Exploited einst propagierten.

Blixa Bargeld (Foto: Thomas Rabsch)

Blixa Bargeld (Foto: Thomas Rabsch)

Punk ist also vor allem eine Haltung. Der Vergleich mit dem Dadaismus wurde schon oft gezogen. An den Haaren herbei, meinen die anderen, zu Recht, meinen die anderen. Die Verbindung vom Dadaismus über den Lettrismus, in Paris in der Nachkriegszeit entstanden, und die Situationistische Internationale ab Ende der 50er Jahre, eng verbunden mit der Person von Guy Debord, bis hin zu Punk hat Ende der 80er Jahre der amerikanische Musik-Journalist Greil Marcus mit seinem maßgeblichen Buch „Lipstick Traces“ hergestellt. Die Connection ist nicht von der Hand zu weisen und reicht noch stark in den sogenannten Postpunk von Devo und Talking Heads sowie The Fall bis zu avantgardistischen Bands wie Einstürzende Neubauten, Der Plan, S.Y.P.H. und einer Gruppe, die sich sogar Cabaret Voltaire nannte. Der Künstlername des Neubauten-Sängers Blixa Bargeld ist eine Hommage an den Dadaisten Johannes Theordor Baargeld.

Lipstick Traces AmazonPunk hat sicher zu einigen Meilensteinen der Rockgeschichte beigetragen – von LPs wie „Never mind the Bollocks“ der Pistols bis zu „London Calling“ von The Clash, von Black Flags „Damage“ bis „Bondage up yours“ von X-Ray Spex. Die Liste lässt sich beliebig weit fortsetzen. Punk ist nicht tot, genauso wenig wie Dada. Beide stehen für Kreativität, das Credo „Do it yourself“ und Kunst gewordenen Dilettantismus. Punk im Theater mit dem Österreicher Werner Schwab und dessen Fäkaliendramen, im Buch mit Oral Histories wie „Please kill me“ und „Dorfpunk“, von „Verschwende deine Jugend“ bis zu „If the kids are united“, im Dokumentarfilm von „American Hardcore“ bis „Punk Attitude“. Und, und, und…

Dabei ist das mit der Zerstörung der Tradition nicht ganz richtig. Denn sowohl Punk als auch Dadaismus hatten Vorgeschichten wie musikalisch MC5 und Velvet Underground, wie The Stooges und Patti Smith in den 60er und 70ern, und diese auch in der Poesie – nicht zufällig nannten sich Musiker Penny Rimbaud und Tom Verlaine – und sie hatten unzählige Nachkommen, die es noch einmal richtig krachen ließen: Punk mit Postpunk hier und die zahlreichen Revivals à la Green Day, The Offspring und Rancid, die Dadaisten mit den Situationisten und Surrealisten, usw. Ende der 70er und Anfang der 80er knallte alles noch einmal aufeinander, als sich in vor allem in Berlin eine Gruppe von „Genialen Dilletanten“ (die falsche Schreibweise ist gewollt) noch das Diktum von Warhol, dass jeder Künstler sein kann, zu Herzen nahm. Seit letztem Jahr gibt es eine Ausstellung, die sich den Gruppen um die Neubauten widmet, zuerst in München, zurzeit in Hamburg.

Heute gibt es Punk von Chile bis China, von Südafrika bis zum Nordkap, von Luxemburg oder Pforzheim bis Ulan Bator.

Punk erlebte unzählige Unterbewegungen, Punk blieb teils Subkultur. Teils wurde es heftig vom Mainstream erfasst und wurde zu Mainstream. Es vermischte sich mit zahlreichen anderen Musikrichtungen – von Hardcore bis Emocore, von Metal über Reggae, HipHop und Rockabilly. In vielerlei Hinsicht blieb Punk immer subversiv. Und vom Postpunk war es nicht weit bis zum Industrial Underground. Heute gibt es Punk von Chile bis China, von Südafrika bis zum Nordkap, von Luxemburg oder Pforzheim bis Ulan Bator. Die Idee ist geblieben, als verbindendes Element von Jugendlichen, die rebellieren wollen, auch wenn einige ihre zerrissenen Jeans bereits im Laden kaufen, und von Ehemaligen, die sich gern an ihre rebellische Zeit erinnern möchten. Punk war äußerlich, seit Malcolm McLaren und Vivienne Westwood ihren „Sex“-Laden eröffneten und Punk zum Modestil pushten. Doch Punk war immer mehr als Mode, mehr als Irokesenschnitt und Nietenjacke, mehr als Sicherheitsnadel und Piercing. Punk war auch Anzug und Krawatte, Punk war nicht zuletzt, gegen die Erwartungshaltungen der meisten zu sein. Der Sozialwissenschaftler verglich die Punks der 80er mit „heiligen Narren“. Punk war und ist mehr als eine Kunstform, auch wenn einige damit ganz „arty“ schocken wollten. Heute schockt Punkt niemanden mehr.

Punk erlebte unzählige Unterbewegungen, Punk blieb teils Subkultur.

Ein Jubiläum zu feiern, ist gewissermaßen ein Schritt zur Institutionalisierung, ein halber Weg zum Grabstein, aber es ist auch eine Erinnerung, die sich lohnt und die stattfinden sollte. Ich habe schon mehrere Punk-Jubiläen und –Revivals erlebt. Die Reunions einiger Bands sind auch eine Art von Revival. Vor ein paar Jahren sagten The Damned ihr Konzert im Atelier ab, weil ein Bandmitglied starke Rückenschmerzen hatte. Ein paar andere Bands wie die deutsche Punklegende The Lennons treten jedes Jahr zu Weihnachten im Hinterzimmer einer Metal-Kneipe auf. Ein paar Pilgerstätten des Punk gibt es noch, das SO36 in Berlin zum Beispiel oder Hangar 110 in Sao Paulo. Einige machten dicht, wie das CBGBs in New York. Die Geburtsstätte des Dadaismus – das Züricher Cabaret Voltaire – soll übrigens angeblich zum Verkauf stehen.

Das SO36 in Berlin. (Foto: Jajabis / (CC BY-SA 3.0))

Ein Chronist der ersten Londoner Punktage, des Urknalls, Jon Savage, hat sich unlängst dem Jubiläum eines Jahres gewidmet, ebenso das französische Magazin „Les Inrockuptibles“: 1966. Wenn einem nichts mehr einfällt, dann feiert man halt auf diese Art und Weise Jahrestage. Oder man feiert sich selbst. Dadaismus als Revolte gab es nur kurz, Punk als künstlerischen und musikalischen Aufbruch auch. Als Haltung und als Inspirationsquelle leben Dada und Punkt weiter.

Illustration Lipstick Traces: Amazon

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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