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Aston Martin Vanquish Volante – Überflieger aus der Savile Row

Seit AMG, die Hochleistungsabteilung von Daimler, Ende 2013 bekannt gab, dass man Aston Martin in naher Zukunft mit Motoren und Kabelbäumen beliefern werde, brodelt die Gerüchteküche mindestens genau so heiß und lautstark wie der etwas in die Jahre gekommene Zwölfzylinder, der derzeit noch seinen Dienst im Vanquish Volante verrichtet.

Da AMG-Chef Tobias Moers eine direkte Übernahme von Aston Martin durch AMG seit Jahr und Tag kontinuierlich dementiert, müssen wir uns mit dem auf der VH-Plattform – auf der alle Aston außer dem One-77 und dem Cygnet (alias Toyota iQ) aufgebaut sind – als dem nicht unbedingt letzten seiner Art anfreunden. Schwer ist das nicht gerade, denn die James-Bond-Wagen aus Gaydon im Warwickshire sind allesamt sehr ansehnlich, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass es Laien mittlerweile als recht schwer empfinden, sie überhaupt noch voneinander zu unterscheiden.

Das Über-Cabrio ist seit Jahresanfang auf dem Markt und dabei rar und exklusiv genug, dass die autorevue derart lange musste, bis sich zwei Mitarbeiter über den Seitenschweller schwingen durften, um den edlen Flachmann endlich einmal auszuprobieren. Unter der langen Haube des AM-Flaggschiffs werkelt wie gesagt ein 6-Liter-Zwölfzylinder, der, in Transaxle-Bauweise (Motor vorn, Getriebe hinten) via Kardanwelle aus Karbon an eine Sechsgangautomatik geflanscht, seine Kraft an die Hinterräder abgibt. Kohlenstoff und Aluminium, in Sandwichmanier miteinander verklebt, senken das Gewicht auf immer noch stolze 1.844 Kilogramm. Das ist eine Menge Kohlenstoff, um damit schnell und ohne Kollateralschaden um enge Kurven zu flitzen, zumal die Lenkung etwas enttäuschend leichtgängig, dafür allerdings erfreulich präzise ist. Das Gewicht ist nahezu perfekt ausbalanciert, der Vanquish Volante untersteuert sehr leicht, aber an ein Ausloten der vorhandenen Potenz auf öffentlicher Straße ist nicht zu denken, zum einen wegen der Kraft, zum anderen wegen der Maße und der Masse. Der Vanquish Volante ist ein dicker und vor allem breiter Brocken, das ruft er dem Fahrer in engen Passagen immer wieder mit Nachdruck in Erinnerung.

Foto: Aston Martin

Foto: Aston Martin

Drinnen duftet es nach Leder, besticht der Extremsportler mit feinen Nähten und einer Art „Wrap around“-Cockpit, das den Piloten in seiner Position zwischen Tür und breitem, sehr schön aufgeräumtem Mitteltunnel einkeilt. Die Fahrtrichtung (P, R, N und D) wird mittels vier Knöpfen unterhalb der zentralen Luftdüsen gewählt, die Gänge automatisch oder via zwei an der Lenksäule angebrachten – also nicht mitdrehenden – Schaltwippen eingelegt. Selbst wenn der Tourenzähler bis zum Anschlag hochorgelt, wird der Fahrer nicht bevormundet und kein höherer Gang gegen seinen ausdrücklichen Wunsch eingelegt. Das ist auch gut so, denn wer ein derart pralles Sparschwein geopfert hat, der sollte auch das letzte Wort behalten, selbst wenn der Antriebsstrang dabei zu bersten droht. Hier sind die Briten viel konsequenter als einige ihrer Konkurrenten vom Alten Kontinent.

Im „Fliegenden Besieger“ gibt es sage und schreibe null Flaschenhalter. Ob das damit zu tun hat, dass einhändiges Fahren in England unter Strafandrohung verboten ist? Ein Handschuhfach gibt es übrigens auch nicht. Befremdend, aber was soll’s, der rechteckige Zünd-„Schlüssel“ wird in den breiten Schacht in der Mittelkonsole eingeschoben und los geht‘s: schnuck, klick, wrumm…

Das optionale, fast quadratische Lenk-„Rad“ aus dem Aston One-77 kann der Kunde genauso ordern wie die rezentesten Sportsitze mit schönen Konturen und dementsprechend viel Seitenhalt. 279 Liter soll der Kofferraum fassen (wir haben es einfach nur zur Kenntnis genommen) und die Bang & Olufson-Anlage soll auch ganz gut sein, aber da kein das Trommelfell peinigendes FM-Gedudel dem wunderbaren Fauchen und Grollen des Zwölfzylinders Paroli bieten kann, überprüften wir auch das nicht. Besonders im S- und Track-Modus ist die natürliche Klangkulisse nämlich sehr, sehr aufregend.

Im Leerlauf kling der Oben-ohne-Gran Turismo wie ein in der Schleuse gelangweilt vor sich hin dümpelndes Motorboot, aber wehe die Pforte geht auf und der Horizont liegt am Ende einer langen Geraden… Tic, Tac, Toe flutschen die Gänge rein und der Volante fliegt unbeirrt von dannen, ohne jegliches Ruckeln oder Zögern. Allerdings: Wenn die Gänge jetzt auch nahtloser ineinandergreifen, so tun sie dies nicht allzu schnell, sondern genehmigen sich immer noch etwas Bedenkzeit. Das kann den einen oder anderen von uns ärgern. Ebenso ärgerlich ist die Bedenkzeit, welche die Druckfelder (nicht Knöpfe) am Mitteltunnel einlegen, denn wer die Klimaanlage während der Kurvenfahrt betätigen möchte, der wird es zuweilen schwer finden, seine Wünsche ohne Hals und Beinbruch einzutippen. Hier gilt: rechts ranfahren und überleben. Es funktioniert, aber es funktioniert eben nicht immer auf Anhieb.

Foto: Aston Martin

Foto: Aston Martin

Trotz hoch angesetzter Drehmomentkurve kann der Vanquish Volant sowohl entspannt cruisen wie auch pfeilschnell spurten, genehmigt sich dabei mehr oder weniger viel Benzin und schaltet jetzt auch zuverlässiger als der V8 Vantage das vor mehr als zwei Jahren in unserem Test (siehe autorevue 6/2012) konnte. Die Karbon-Keramik-Bremsen von Brembo packen beherzt und gut dosierbar zu, das adaptive Fahrwerk bügelt einiges aus dem Straßenrelief weg, dies obwohl die Federung recht stramm eingestellt ist. Die Lenkung ist präzise, aber das Gewicht ist dennoch stets präsent. Dies ist kein leichter, filigraner Roadster, sondern ein wuchtiger Gran Turismo mit einem großen „G“. Die breiten Pirelli-Schlappen produzieren unweigerlich einiges an Abrollgeräuschen, aber das Stoffdach ist gut isoliert und das Gesamterlebnis irgendwie schon fast zu zivilisiert. Es klingt nach Häresie, ist aber leider so – eine Geschmackssache, sans aucun doute.

Auf jeden Fall ist der gediegene Brite nicht wirklich die Nummer eins in Sachen Adrenalinschub, denn er muss nicht gebändigt werden und droht auch nie wirklich aus der Bahn zu fliegen, dafür ist er zu ausgereift, sein Fahrwerk zu souverän und seine Kraftentfaltung zu linear. Er ist eben kein Hooligan der amerikanischen Muscle-Car-Schule und auch kein hysterisch pfeifender Drifter aus Fernost, sondern ein seiner eigenen zahlreichen Qualitäten bewusster und stets gut gekleideter Brite mit einem Faible für Understatement. Sicher, er ist nicht nur sehr schön, sondern auch sehr schnell, aber wie schnell genau, das geht nur ihn selbst etwas an – und die Autobahnpolizei, versteht sich. Und was die Zeche kostet, das wollen sie sowieso nicht wissen, oder anders herum formuliert: Wenn Sie nach dem Preis fragen müssen, dann ist der Vanquish Volante definitiv eine Kragenweite zu groß für Sie.

Foto: Aston Martin

Foto: Aston Martin

www.astonmartin.com

PRO/CONTRA

↑PRO

+ Sehr schöne Silhouette
+ Sauber verarbeitetes Interieur
+ Aufgeräumte Mittelkonsole
+ Prima Sitze
+ Extrem kerniger Sound
+ Präzise Lenkung
+ Fest zupackende Bremsen
+ Verbessertes Multimedium

 

↓CONTRA

Kaum Ablagen
Sehr leichtgängige Lenkung
Schlechtes Navigationsgerät
Fast schon zu zivilisiert
Kein Schnäppchen
Etwas zögerliche Automatik

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Technische Daten u. Preis

12,4 l/100 km
298 g/km
5.935 cm3
424 kW/576 PS @ 6.65 U/min
630 Nm @ 5.550 U/min
3,8 s 0-100 km/h
317 km/h

Preis 259.734 Euro

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Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Philippe Reuter

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