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Auf der Glanzparade

Neulich haben wir den Autolack-Profis von Robin im Lycée Belval über die Schulter geschaut. Die 1927 gegründete Firma befindet sich zu 100% in Luxemburger Besitz und beschäftigt 61 Leute in Useldingen sowie 37 weitere in Leudelingen.

Fotos: Robin

Robin bringt Farbe ins Leben und ist, neben seinen Aktivitäten im Bau und in der Industrie, auch so eine Art Robin Hood für die Motorhauben des Landes, auch wenn die Autolacke von Standox in Deutschland zugekauft werden. Robin liefert 60% aller Autolacke des Landes, gewann letztlich einen Preis für die Umweltverträglichkeit seiner Produkte und hegt einen engen Kontakt mit den Ausbildungsanstalten wie hier in Belval, wo die angehenden Lackierer zwei bis drei Wochen pro Semester das Handwerk erlernen. Es gilt die Produkte an den Mann oder die Frau zu bringen, ganz sicher, aber die Useldinger Firma will auch einen konstruktiven Beitrag zur Ausbildung der nächsten Generation von Handwerkern liefern.

„Wir wollen breit aufgestellt sein, wenn mal in einem Bereich Flaute herrscht“, erklärt Direktor Gérard Zoller und lotst mich durch die Gänge des Gymnasiums bis zur Spritzkabine, wo uns „Débosseleur“ Alphonse Goerend bereits erwartet. „Im Winter werden nämlich keine Häuser angestrichen, dafür aber viele Beulen in Autos produziert“, ergänzt Zoller, ehe er und sein Karosseriemeister Edgar Peiffer mich in die Geheimnisse des Autolackierens einweihen. Oder vielmehr einzuweihen versuchen, denn die Materie entpuppt sich als viel komplexer als gedacht. Chemische Zusammensetzung, Sprühwinkel, Außentemperatur, Vorbehandlung des Untergrundes… wer geglaubt hatte, Farbe sei gleich Farbe, der wird von diesen Herren eines besseren belehrt.

Wer geglaubt hatte, Farbe sei gleich Farbe, der wird von diesen Herren eines besseren belehrt.

Geübt wird unter anderem an ausrangierten Polizeiautos, die sind billig zu haben und relativ leicht aufzutreiben. Dichtungen und Motoren müssten aus Türen ausgebaut werden, das Abkleben sei sehr wichtig, erläutert Herr Goerend und beklagt den zeitweilig mangelnden Enthusiasmus an der Fortbildung einiger Arbeitgeber: „Die Haut ist näher als das Hemd, das kann ein Problem für die Luxemburger Lehrlinge sein, aber wer gute Mitarbeiter haben will, der muss sie auch bezahlen“. Klar ist, die Arbeitgeber haben keine Zeit mehr für die Ausbildung intra muros, da geht es gleich vom ersten Tag an um die sprichwörtliche Wurst. Auf jeden Fall kann von schlechten Infrastrukturen in seiner Schule keine Rede sein. Man habe am Standort in Belval die einzige Lackiererkabine, die mit Fernwärme gespeist wird, darauf sei man sehr stolz, und: „Gas ist noch immer das Beste und wenn ich lackieren will, dann möchte ich eine Umgebungstemperatur von 20° C haben“, sagt Herr Goerend und bedauert, dass für eine Trockenkammer leider weder Platz noch Energiereserven zur Verfügung standen. Dann erläutert er die Vorrichtungen zum Absaugen von anfallendem Schleifstaub und schädlichen Gasen, die Funktionsweise des Destillationsapparates, der den Verdünner recycelt – Robin hat die Maschine gekauft, kann also gut damit leben – sowie den Farbspektrometer, der zum Analysieren der Farbe eingesetzt wird. Alles spiele eine Rolle, wird mir erklärt, wie ein Lackierer die Pistole hält, wie warm es in der Kabine ist, mit welcher Sorgfalt das Blech vorbereitet wurde. „Mechaniker ist ein Beruf, Ausbeultechniker („Débosseleur“) ist ein Handwerk“, sagt Herr Goerend – und meint eigentlich eher eine Kunst. Und die Ausbildung zum „Débosseleur“ ist ebenso interessant wie vielfältig, und führt via Certificat de capacité professionelle (CCT) und „Diplôme d’aptitude professionnelle“ (DAP) pro Woche über vier Stunden Lackiererei, zwölf Stunden Blecharbeit und jeweils noch einmal vier Stunden Metallarbeiten mit Feile und Bohrer sowie die Kunst des autogenen Schweißens. „Autogenes Schweißen ist langwierig und schwer zu erlernen, aber wenn man das beherrscht, dann kann man das andere auch“, sagt Herr Goerend und kommt rüber wie ein Vertreter der alten Schule inmitten einer ganz neuen Schule. Es ist immer wieder ein Ereignis Menschen anzutreffen, die ihren Job so lieben wie diese drei hier. Wenn Sie jung sind und gerade nicht wissen, mit was Sie sich in Zukunft ihre Zeit vertreiben sollen, lassen Sie sich zum Lackierer im Lycée Belval ausbilden. Ich hätte große Lust drauf, aber ich bin leider schon über meinen Zenit hinaus.

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Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Philippe Reuter

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