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Auf der Zornbank

Der Wille des Wählers sei entscheidend. Das wiederholen die Politiker insbesondere vor einer Wahl gebetsmühlenhaft. Die Politik habe sich zu weit von den Bürgern entfernt, behaupten manche Wähler. Politik sei langweilig, kritisieren viele Jugendliche. Sie ignoriere ihre Interessen. Ob künftig Mitbürger anderer Nationalität an den Parlamentswahlen mit abstimmen dürfen, werden die Luxemburger dieses Jahr in einem Referendum gefragt. Eine weitere Frage lautet, ob das Wahlalter auf 16 Jahre gesenkt werden soll. Dies brächte nicht automatisch eine andere Politik mit sich. Denn das Verhältnis der Gewählten zum Wähler funktioniert nach eigenen Gesetzen – nicht denen der Vernunft, sondern des Gefühls.

Was Politik mit Emotionen zu tun hat, zeigen zurzeit die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida). Wo auch immer die islam- und ausländerfeindliche Bewegung in Deutschland durch die Straßen zieht, ist dies eine Aufwallung von Gefühlen. Emotionen seien der zentrale Rohstoff des Politischen, schreibt die österreichische Publizistin Isolde Charim. Sie können passiv auf den Bürger wirken. Ein gutes Beispiel liefert die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer Wohlfühlinszenierung nach dem Motto „Mutti wird ́s schon richten“. Hierzulande ließ Jean-Claude Juncker die Wähler lange Zeit auf einem „séchere Wee“ ruhig schlafen. Die Zeiten vermeintlicher Sicherheit sind nun zu Ende. Stattdessen läuten Alarmglocken.

Die populistische Lektion will gelernt sein, um die Gefühle der Wähler anzusprechen.

Auch Wut ist ein demokratisches Gefühl. Es kann aktivierend wirken. Vom Wutbürger, der aus Enttäuschung über politische Entscheidungen demonstriert, ist die Rede. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat dazu den Begriff „Zornbanken“ geprägt. Lange Zeit waren es vor allem linke Bewegungen, die der Unmut über gesellschaftliche oder politische Missstände antrieb. Heute nutzen verstärkt rechte Parteien das emotionale Potenzial der Politik. Ihr Rohstoff ist die Angst. Gefühle wie Verlustangst treiben von den etablierten Parteien enttäuschte Bürger in die Arme der rechten Rattenfänger.

Sofort wird nach Aufklärung der angeblich Fehlgeleiteten gerufen. Doch das genügt nicht. Denn wer für Rationalität unempfänglich ist, bei dem bleibt sie wirkungslos. Auch die populistische Lektion will gelernt sein. Die Parteien der Linken und der Mitte müssen an die Vernunft der Bürger appellieren und zugleich deren Emotionen ansprechen. Informieren und aktivieren, so heißt die Losung. Vernunft und Gefühl. Den Kredit dafür gibt es auf der Zornbank.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Georges Noesen

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