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Auf einer anderen Schiene

Seit fast zwei Monaten erleichtert die Tram vielen den Weg zur Arbeit. Dass sie zweckentfremdet und abends zum Partyzug werden kann, beweisen Veranstalter Yannis Xydias und Tony Morabito bereits zum zweiten Mal.

Fotos: Anne Lommel, Alain Rischard (Editpress)

Spätestens um 18.30 geht’s los, heißt es auf dem Tramcrawl-Ticket. Ziemlich früh. Wir sind auf Kirchberg unterwegs, Richtung „Chimi Churri“. An einem Samstagabend ist die Gegend wie ausgestorben. Sind wir hier überhaupt richtig? Einmal links abgebogen, dann rechts. Das Lokal wirkt geschlossen. Wir öffnen die Eingangstür und sind überrascht: Es ist rammelvoll. Drei Animateure mit Schaffnermützen und Megafonen begrüßen uns herzlich, überprüfen unsere Eintrittskarten und händigen uns Marken für Essen und Getränke aus. Die Stimmung im argentinischen Restaurant ist gut. Aperitifs werden geschlürft, Tapas genossen. Jeder ist gespannt auf das, was kommen soll – und natürlich auf die Tram.

Seit Jahren in den Himmel gelobt und verrissen, sorgte das alternative Transportmittel in Luxemburg für unzählige Schlagzeilen. Für fast alle, die nicht auf Kirchberg arbeiten, ist die Fahrt mit der Tram eine Premiere. Dementsprechend ist die Enttäuschung groß, dass der Weg vom ersten Lokal in Richtung Sportbar per pedes und nicht mit der Straßenbahn erfolgt. Organisatorisch betrachtet, macht es jedoch durchaus Sinn: Die Tram müsste nach weniger als 100 Metern gleich wieder stehen bleiben. In lockerer Atmosphäre wird Fingerfood serviert. Zwiebelringe, Mozzarella Sticks, Nuggets – nichts Kompliziertes, passend zum Konzept der Bar. Schon nach (gefühlt) kurzer Zeit heißt es: auf zu Station Nummer drei.

Draußen angelangt, kommt es endlich dahingeglitten, das Wunderding auf Schienen. „Alles einsteigen“, heißt es stereotyp, aber gut gelaunt, seitens der Animateure. Auch der Tramfahrer scheint belustig zu sein. Freundlich wird darauf hingewiesen, dass in den Waggons kein Alkohol erlaubt ist. Es ist wirklich sehr ungewohnt, mit der Straßenbahn in Luxemburg unterwegs zu sein. Doch der Spaß ist nur von kurzer Dauer. In zwei Minuten sind wir bereits an der nächsten Haltestelle, vorm „JFK“, wo das Hauptgericht (ein deftiger Burger) auf uns wartet. Danach geht es weiter – dieses Mal wieder zu Fuß – zum benachbarten „Manzo“. Hier werden weitere Häppchen und Fleischspieße serviert. Hut ab für die Kellner, die sich geschickt, mit vollen Tabletts, durch die Menschenmenge winden. Immerhin sind 125 Leute anwesend – und dabei handelt es sich nur um die Hälfte, da die Teilnehmer vor Start in zwei Gruppen eingeteilt wurden.

Die Arbeit hinter den Kulissen war enorm. Über 100 Personen haben sich an dem Projekt beteiligt, vom Tramfahrer bis zum Kellner. -Yannis Xydias

Letzter Stopp ist das „Limbo“ im Herzen der Innenstadt. Auf dem Weg dorthin kommen die Tramfans endlich auf ihre Kosten. Bis zur momentanen Endstation, der roten Brücke, werden wir befördert. Von da aus geht es mit dem Bus und schließlich wieder per pedes weiter. Im Restoclub erwartet uns der Nachtisch. Absoluter Hingucker ist das Schokofondue. Etwas später geht es für viele auf die Tanzfläche. Andere wiederum führen die Kneipentour der anderen Art inoffiziell fort. Das Ende ist offen. Fest steht allerdings, dass noch viel Potenzial in diesem neuartigen (Ausgeh-)Format steckt. Hat die Straßenbahn ihre Gesamtlänge von 16 Kilometern in drei Jahren erreicht, könnten noch viele andere Bars und Restaurants – außerhalb der „Manso“-Gruppe – Teil des Events werden. Eine weitere Möglichkeit wäre es, den Akzent mehr auf die Gastronomie zu legen und aufwendigere Menüs anzubieten. Die Veranstalter haben jedenfalls noch eine Menge Ideen in petto. Für sie ist der Tramcrawl erst der Anfang.

Unerwarteter Erfolg

Yannis Xydias (34) ist der Geschäftsführer der „Manso“-Gruppe, welche verschiedene Lokale in der Hauptstadt betreibt. Gemeinsam mit Tony Morabito (38), der seit Ende 2016 regelmäßig Kneipentouren in Luxemburg auf die Beine stellt, veranstaltet er die Tramcrawls.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
YX: Wir saßen an eben diesem Tisch (im „The Game“) und haben über neue Veranstaltungen und Ideen diskutiert. Ich blickte zum Fenster hinaus und sah die Straßenbahn während einer ihrer Testphasen vorbeifahren. Da kam mir der Geistesblitz, eine Kneipentour als Tram-Edition anzubieten. Während der Bauphase der Bahn haben wir sehr gelitten. Viele Kunden blieben aus. Doch was noch vor wenigen Monaten eine Schwäche war, können wir nun zu unserer Stärke machen. Durch die Tram ist das Viertel zugänglicher geworden. Nun sprechen wir eine größere Kundschaft an.

Wie kam die erste Tour an?
TM: Eigentlich hatten wir mit knapp 30 Teilnehmern gerechnet. Auf Facebook zeigten jedoch 3.000 Interesse. Die erste Ausgabe war sofort ausverkauft. Insgesamt 300 Menschen waren anwesend. Tickets wurden untereinander getauscht und verkauft. Das bewog uns dazu, zwei Wochen später eine „Neuauflage“
zu organisieren, bei der 250 Personen mitgemacht haben. Nicht nur Luxemburger waren dabei. Nahezu alle Nationalitäten waren vertreten, was ich besonders schön finde. Schließlich soll die Veranstaltung eine Brücke zwischen verschiedenen Kulturen bilden und die Menschen näher zusammenbringen. Das Feedback, das wir inzwischen bekommen haben, war durchgehend positiv.

Was war die Herausforderung dabei?
YX: Der organisatorische Aufwand war riesig – auch wenn es auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. Wir haben ein 16-seitiges Menü für das Event aufgestellt. Die Arbeit hinter den Kulissen war enorm. Über 100 Personen haben sich an dem Projekt beteiligt, vom Tramfahrer bis zum Kellner. Für ein Restaurant ist es eine wahre Herausforderung, wenn 150 Menschen das Lokal gleichzeitig stürmen. Zieht die erste Gruppe ab, folgt gleich die zweite Welle, mit weiteren 150 Kunden.

Was ist das Ziel der Veranstaltung?
TM: Zu zeigen, dass Kirchberg mehr ist und sein kann als ein Business- und Bankenviertel. Luxemburg steckt mitten in einer Metamorphose. Es ist eine dynamische, spannende Stadt, die auf dem besten Weg ist, sich einen Namen als europäische Metropole zu machen. Trotzdem hören wir oft den Vorwurf, dass hier nichts los sei. Vor allem, was das Nachtleben betrifft. Das hat mich vor anderthalb Jahren dazu bewogen, einmal monatlich Kneipentouren zu organisieren. Wir möchten, dass die Menschen Luxemburg von einer anderen Seite kennenlernen.

Wie geht es weiter?
YX: Wir werden weitere Versionen und Varianten anbieten. Derzeit arbeiten wir beispielsweise an einer Valentinstagsausgabe für Singles und an einer Karneval-Edition. Bei letzterer werden die Teilnehmer gebeten, sich als Tiere zu verkleiden. Einen Teil des Erlöses möchten wir anschließend an ein lokales Tierheim spenden. Darüber hinaus wollen wir Teambuilding-Events organisieren mit verschiedenen Workshops an verschiedenen Stopps. Und schon bald soll es eine Jet-Ausgabe des Pubcrawls geben. Wo es mit dem Flugzeug zum Feiern hingehen soll, wollen wir an dieser Stelle aber noch nicht verraten.

Françoise Stoll

Journalistin / Gastronomie

Ressorts: Lifestyle, Multimedia

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Author: alommel

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