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Auf Station

Die Corona-Pandemie hat das Land im Griff. Doch die meisten Menschen bekommen nur die Auswirkungen zu spüren: Kontaktverbot, Maskenpflicht, chômage partiel. In den Krankenhäusern kümmert man sich um die Betroffenen.

Es ist ein schöner Morgen, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Obwohl: Es ist mehr als ein Zwitschern. Es hört sich eher wie heiteres Singen an, als seien die Piepmätze besonders fröhlich heute. Vielleicht sind sie es auch, immerhin bleiben sie weitgehend ungestört. Die Menschen machen sich bereits seit Wochen rar, kaum einer ist auf der Straße zu sehen. Trotz dieses Bilderbuchwetters.

Virusgeschützt und im Mindestabstand: CHdN-Pressesprecherin Anja Di Bartolomeo (links) und revue-Journalistin Heike Bucher

Virusgeschützt und im Mindestabstand: CHdN-Pressesprecherin Anja Di Bartolomeo (links) und revue-Journalistin Heike Bucher

Vor dem Haupteingang des Centre Hospitalier du Nord (CHdN) in Ettelbrück ist nicht viel los. Ein großes Zelt versperrt den Weg in die Eingangshalle. Wer in das Gebäude will, muss hier durch. Doch nicht jeder darf das. Es muss einen triftigen Grund geben. Wichtige Untersuchungen und Behandlungen oder Notfälle zum Beispiel. Und der Arbeitsbeginn für das Personal natürlich. Besuche der Kranken auf den Stationen von Familie oder Freunden sind hingegen schon seit Wochen nicht mehr erlaubt.

Im Zelt werden Mundschutze und Desinfektionsmittel für die Hände verteilt. Mit einem Ohrenthermometer wird die Körpertemperatur gemessen. Ist sie zu hoch, gibt es keinen Eintritt. Stattdessen einen Verdacht. Fieber kann ein Hinweis auf Covid-19 sein, diese Krankheit, die zurzeit die ganze Welt im Griff hat. Und der wir Menschen mit den heftigsten Maßnahmen entgegentreten in der Hoffnung, sie in den Griff zu bekommen.

Wer einmal im Ettelbrücker Krankenhaus war, weiß, wie freundlich und einladend die große Eingangshalle ist. Viele Wände sind verglast, rund um das kleine Bistro sitzen hier zu jeder Tageszeit Patienten und Besucher an den Tischen, trinken Kaffee oder essen Eis. Nur heute nicht, die Tische sind leer, es hallen keine Gespräche durch den meterhohen Raum. Social Distancing im Krankenhaus. Als wäre es stillgelegt worden.

Doch das CHdN ist alles andere als stillgelegt. Es ist voller Mitarbeiter. Pfleger, Ärzte, Reinigungskräfte. Nur Patienten sieht man wenige. Auch die Warteregionen sind leer. Als vor ein paar Wochen die Corona-Pandemie nach Europa kam, reagierten die Spitäler des Landes schnell. Es wurde Platz geschaffen für Covid-19-Erkrankte, indem man Operationen und Behandlungen, die zeitlich nicht dringend waren, erst einmal um Wochen, vielleicht Monate aufschob. Niemand wusste, wie viele Infizierte mit heftigen Symptomen es sein würden, die den Platz bräuchten. Aus Italien und Spanien wurden beunruhigende Zahlen gemeldet, auf einen ähnlichen Bedarf wollte man sich einstellen. 91 Betten für Covid-19-Patienten wurden allein in Ettelbrück bereitgestellt, 16 davon auf der Intensivstation.

Wer mit Covid-19-Symptomen ins Krankenhaus kommt, muss nicht unbedingt auf die Intensivstation.

Läuft man hier Gefahr sich anzustecken? „Keine Angst“, sagt Gilles Martin und lacht, „das Risiko, sich beim Einkaufen anzustecken, ist sicherlich größer.“ Als ausgebildeter Intensiv- und Anästhesiepfleger weiß er, wovon er spricht: Er kennt die Hygieneregeln aus dem Effeff. Seit drei Jahren leitet er die Intensivstation des CHdN. Mit Beginn der Pandemie wurden daraus sogar zwei: eine für SARS-CoV-2-Positive, eine für Negative. Aus dem ehemaligen Aufwachraum wurde innerhalb weniger Tage die neue Intensivstation für Nicht-Covid-Patienten geschaffen. Gilles Martin ist noch immer begeistert, wie schnell sie das hinbekommen haben, sein Team und er. Keine fünf Tage brauchten sie zum Umräumen, ein großer Raum wird allein zur Lagerung der rund 1.400 medizinischen Artikel und 500 Medikamente benutzt. Zur Versorgung der Patienten muss alles da sein, eben mal schnell in die nebenan liegende Covid-Intensivstation zu laufen, um etwas zu besorgen, geht nicht mehr. Es sind zwar keine zehn Meter, aber unterschiedliche Welten.

In die Covid-Intensivstation kommt niemand rein, der hier nichts verloren hat. Nur Patienten und Personal. Heute die Ausnahme: Die revue und später noch RTL haben sich angesagt. Gilles Martin hat sich Zeit genommen, um mich und die Pressesprecherin des Krankenhauses Anja Di Bartolomeo herumzuführen. Zuerst muss allerdings die Schutzkleidung angezogen werden: ein Overall, Überschuhe, eine Kopfbedeckung, zusätzlich die Kapuze des Overalls, eine spezielle Atemschutzmaske, sterile Handschuhe. Während des Anziehens erklärt Gilles Martin die Arbeitsweise der Station. Die habe sich durch die Corona-Pandemie eigentlich nicht geändert, sagt er. Zumindest, was die Arbeit mit den Patienten betrifft. Verschärft wurden jedoch die Hygieneregeln. Schließlich soll sich niemand vom Personal anstecken und das Virus die Station nicht verlassen.

Es ist ruhig an diesem Donnerstagmorgen. Drei Patienten befinden sich auf der Station. Sie alle werden beatmet und künstlich ernährt. Wer mit Covid-19-Symptomen ins Krankenhaus kommt, muss nicht unbedingt auf die Intensivstation, klärt Martin auf. Es hänge vom Allgemeinzustand ab und ob er oder sie beatmet werden müsse. 12,6 Tage bleiben die Patienten im Schnitt, davon 10,1 Tage unter Beatmung. Diese findet in der Regel per Trachealkanüle statt, einem Zugang zur Luftröhre am Hals. Das sei effektiver als ein langer Schlauch, der durch den Mund bis an die Lunge geführt wird und für die Patienten angenehmer, weil sie Mund und Rachen frei haben, sagt Martin.

Auf dem langen Stationsflur stehen zahlreiche Wagen mit Medikamenten und Material. Alles muss schnell verfügbar sein. Über Engpässe bezüglich des Materials kann der Stationsleiter nicht klagen, dank der unermüdlichen Arbeit der „cellule d’achat“, wie er ausdrücklich betont. „Allerdings sind einige Medikamente zurzeit kaum oder gar nicht mehr zu bekommen, da haben wir uns aber bereits auf Alternativen umgestellt“, sagt er. Für die Beatmung werden Patienten ins künstliche Koma gelegt. „Wer dann aufwacht, kann Probleme damit haben, sich zurechtzufinden. Die Zeit ist ja einfach weg, das kann schwierig sein.“ Das Aufwachen findet deshalb so sanft wie möglich statt, zudem wird dadurch verhindert, dass Patienten in Panik versuchen, die Kanüle aus dem Hals zu ziehen. Denn diese verbleibt so lange, bis der Patient wieder vollständig selbst atmen kann.

Die Schutzkleidung des Personals ist für einige Patienten befremdlich.

Die Schutzkleidung des Personals ist für einige Patienten befremdlich.

Dass es im Moment so ruhig auf der Station ist, müsse nicht bedeuten, dass es so bleibt, sagt Gilles Martin. Internationale Experten warnen vor einer zweiten Infektionswelle. „Wenn die Leute weniger diszipliniert sind, stecken sich vielleicht auch mehr an.“ Doch die Intensivstation war nicht immer so ruhig. Zu Beginn der neuen Maßnahmen waren sofort zehn der 16 Betten belegt. Das war eine große Umstellung für das Personal, das plötzlich in Ganzkörperanzügen unter höchst hygienischen Standards arbeiten musste. Denn Patienten auf der Intensivstation liegen nicht einfach in ihren Betten. Selbst wenn sie im Koma sind, werden sie regelmäßig bewegt und mobilisiert und mithilfe spezieller Stühle für ein paar Stunden hingesetzt. Für das Pflegepersonal bedeutet das körperliche Arbeit. Zusätzlich zu der normalen Mobilisation werden Covid-19-Patienten 16 Stunden täglich auf den Bauch gedreht, um die Lunge zu entlasten. Da sei es fast unmöglich, mal auf die Toilette zu gehen, erzählt Martin, weil man vorher den ganzen Schutzanzug ausziehen und sich desinfizieren und nachher wieder einen neuen anziehen muss. „Damit ist man ja mindestens 15 Minuten beschäftigt.“

Gilles Martin ist nicht nur Leiter der Intensivstation des CHdN, er hat auch die Fotos für diesen Artikel gemacht.

Gilles Martin ist nicht nur Leiter der Intensivstation des CHdN, er hat auch die Fotos für diesen Artikel gemacht.

Ein paar Gänge neben der Intensivstation liegt Station 12. Hier werden normalerweise Patienten betreut, die ein neues Knie- oder Hüftgelenk bekommen haben. Jetzt ist sie die Station, auf der Corona-Patienten mit weniger starken Symptomen untergebracht sind. Oder welche, die zuvor auf der Intensivstation lagen. Sandra Warmerdam ist die leitende Pflegerin der Station. Auch sie und ihr Team mussten sich schnell den neuen Herausforderungen stellen. Wie das Arbeiten in voller Schutzmontur mit Masken und Handschuhen. Für die Patienten, sagt sie, sei das gar nicht so einfach. Schließlich würden diese gar nicht wissen, wie Ärzte und Pflegepersonal aussehen. Der Augenkontakt reiche da eigentlich nicht aus. Die Krankenhausverwaltung lässt deshalb gerade Namensaufkleber inklusive Porträts für jeden Mitarbeiter drucken. So können Patienten wenigstens unvermummte Gesichter mit allen Ärzten und Pflegern verbinden, auch wenn sie sie nicht sehen können.

Auf der Intensivstation wird im Team gearbeitet. Der Patient ist übrigens wieder zu Hause, es geht ihm gut.

Auf der Intensivstation wird im Team gearbeitet. Der Patient ist übrigens wieder zu Hause, es geht ihm gut.

Ein bisschen Bammel vor der Aufgabe, die neue Covid-19-Station zu leiten, hatte Sandra Warmerdam schon, erzählt sie. Es sei eine große Umstellung gewesen, und diese Krankheit sei schließlich in vielen Bereichen noch unbekannt. Deshalb hat sie sehr begrüßt, als entschieden wurde, die Station durchgehend mit Ärzten zu besetzen. Normalerweise kämen die Ärzte zu ihren Visiten und um ihre Patienten zu betreuen, doch die generelle Anwesenheit eines Arztes sei auf den Stationen nicht vorgesehen, sagt sie. „Tagsüber sind jetzt immer zwei und nachts ist einer da. Das ist total gut. Wir können uns auf die Pflege konzentrieren, und in kritischen Momenten ist immer jemand da, mit dem wir uns absprechen können.“

Zu dem Team von Ärzten, die sich den Dienst auf der Covid-19-Station teilen, gehört auch Dr. Daniel Weis. In einer schriftlichen Stellungnahme an die revue zur Corona-Pandemie erklärt der Nierenspezialist, dass es bislang noch keine etablierte Therapie gegen das SARS-CoV-2-Virus gibt. „Deshalb wird auf altbekannte Medikamente wie Hydroxychloroquin, Kaletra etc. zurückgegriffen, weil es Daten aus in-vitro-Studien gibt, welche einen positiven Effekt bescheinigen. Doch auch wenn dies gerne kleingeredet wird: Diese Medikamente haben Nebenwirkungen. Weniger das sich im Tonic Water befindliche Chloroquin oder Hydroxychloroquin, sondern zum Beispiel das hochdosierte Kaletra, welches bei fast allen von mir behandelten Patienten zu einer relativ schweren Diarrhö führte, was zum Abbruch so mancher Therapie führte.“

Das wichtigste, sagen Wissenschaftler, sei, den Mindestabstand von zwei Metern zu anderen zu wahren.

Auch den Einsatz immunsuppressiver Therapien wie beispielsweise mit Tocolizumab müsse kritisch hinterfragt werden, schreibt der Arzt. Lobend äußert er sich über ein kürzliches Schreiben des Gesundheitsministeriums, in dem auf die ethischen und administrativen Richtlinien Luxemburgs hingewiesen wurde. „Diese verhindern, dass jeder x-Beliebige die aktuelle Notlage dafür nutzt, Studien durchzuführen. Es geht immer noch um Menschen.“ Warum in Ländern wie Luxemburg oder Deutschland die Mortalität des Virus geringer als in anderen Ländern zu sein scheint, kann Dr. Weis nicht beantworten. Doch unterschätzen dürfe man die Krankheit nicht: „Wegen der hohen Ansteckungsgefahr handelt es sich um eine schwere sanitäre Krise mit vielen Toten.“

88 Todesopfer (Stand: 26.04.20) hat Covid-19 bislang hierzulande gefordert. Niemand weiß, wie es weitergeht. Das wichtigste, sagen Wissenschaftler, sei, den Mindestabstand von zwei Metern zu anderen zu wahren. Dazu noch regelmäßiges Händewaschen. Oberstes Ziel sei es nach wie vor, die Ansteckung so gut wie möglich einzudämmen. Für Gilles Martin und Sandra Warmerdam ist im Moment so gut wie jeder Tag ein Arbeitstag. Sie müssen ihre Teams zusammenhalten und darauf achten, dass niemand überlastet wird. Die Stimmung auf den Covid-Stationen im CHdN scheint bislang gut zu sein, alle haben regelmäßig freie Tage und betonen die gut funktionierende Kollegialität untereinander. Ob diese relativ ruhigen Tage nur den nächsten Sturm ankündigen oder schon das Ende der Pandemie einläuten, muss abgewartet werden.

Fotos: Gilles Martin

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Martine Decker

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