Home » Gastro » Auf zu neuen Ufern

Auf zu neuen Ufern

Von wegen Verdauungsschnäpschen im China-Restaurant! Sake-Sommelier Jean-Paul Choi öffnet die Pforten der bislang verkannten und vielfältigen Welt des japanischen Reisweines und verrät, warum er dem europäischen Rebensaft gefährlich werden könnte. Text: Françoise Stoll / Fotos: Philippe Reuter, Sake Sommelier Association

Es gibt wohl kaum passendere Worte als die von Marcel Proust. Ein „unerhörtes Glücksgefühl“ – das ist, was man nach einem Schluck echtem Sake empfindet. Der gesamte Mundraum wird von einer sanften Frische erfüllt, die man nicht recht zuordnen kann. Jean-Paul Choi meint, dieses vollmundige Aroma sei das „Umami“, die fünfte Geschmacksrichtung neben süß, sauer, salzig und bitter.

Anderthalb Jahre ist es her, dass er ein Restaurant mit seiner Frau eröffnet hat. Es ist ihr erstes gemeinsames Projekt. Dass er ganztags bei einer Bank beschäftigt ist, hindert ihn nicht daran, sich tief in die Gastronomie hineinzuknien. Der Belgier mit chinesischen Wurzeln ist selbstbekennender Liebhaber des Unkonventionellen. Spätestens beim Betrachten der Karte wird einem das klar. Klassische und innovative Gerichte aus der asiatischen Küche werden querbeet angeboten. Hauptsache, sie sind authentisch, originell.

„Geschmack ist etwas sehr Individuelles. Vorlieben sollte man niemals rechtfertigen müssen.“ Jean-Paul Choi, Sake-Sommelier

Auf der Suche nach „Madeleine-Momenten“, nach unverwechselbaren Geschmacksexplosionen, war es der Sake, der Chois Interesse weckte. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum Ahnung vom Reiswein hatte, bestellte er aus reiner Neugierde ein paar Flaschen „Daiginjo“, die vergleichbar mit Grand Crus sind. Dass er sich in knapp 365 Tagen von einem Amateur zum absoluten Kenner mausern würde, ahnte niemand, nicht einmal er selbst. Anfangs noch unsicher, bot er seinen Gästen kleine Kostproben seiner neuen Errungenschaften an, überrascht und verzückt über die Tatsache, dass sie sich ebenso begeistert zeigten wie er. „Ich habe mich unwillkürlich verliebt“, gibt er schmunzelnd zu.

Aus einem Hobby wurde schnell mehr, denn Jean-Paul wollte sich unbedingt das unerlässliche Hintergrundwissen aneignen und ließ sich in Großbritannien professionell ausbilden. Im November 2014 unternahm er einen weiteren Schritt, ging in der „Sake Sommelier of the Year Competition“ für Luxemburg an den Start und sahnte den zweiten Platz ab. Choi zeigt sich bescheiden und verdutzt über den eigenen Erfolg. Beim Wettkampf setzte er sich gegen die Konkurrenz aus Abu Dhabi, London und Hawaii durch, weil er sich selbst und seiner Vision treu geblieben ist: „Ich schätze und respektiere die japanische Tradition, doch man sollte nicht zu sehr an ihr festhalten. Der Sake wird seinen Platz auf dem westlichen Markt erobern, für Veränderungen und ein nie dagewesenes, kulinarisches Zusammenspiel sorgen – und es wird positiv sein.“

Kanpai! - Fakten und Wissenswertes

Sake bedeutet wortwörtlich aus dem Japanischen übersetzt: Alkohol. Häufig ist auch von „Nihonshu“ (also „japanischem Alkohol“) die Rede, dessen Geschichte eng mit der des Reises verknüpft ist und mehr als zweitausend Jahre zurückgeht. Zur Herstellung werden drei simple Zutaten benötigt: Reis, Wasser und Hefe. Neun aufwändige Etappen gehören zur Produktion: beginnend beim Ernten, Polieren, Säubern, Einweichen, Sieden, Vorbereiten des „kˉoji“ (einer speziellen Schimmelpilzart) bis hin zur Gärung, Filtrierung und Pasteurisierung. Zwischen drei verschiedenen Klassen, dem „Honjozo“, „Ginjo“ und „Daiginjo“ wird unterschieden. Bei der ersten Kategorie werden lediglich 30 Prozent des Reiskerns verfeinert. Bei Letzterer sind es mindestens 50 Prozent, was eine exzellente Qualität garantiert. Blumig, fruchtig, würzig, karamellisiert, malzig und sauer werden als Basis-Aromen verstanden.

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook

Welcher Reiswein perfekt zu Choucroute oder gar Roquefort passt, vermag der Experte ohne Zögern zu sagen. Durch die allgemein-diskrete Note passt das fermentierte Getränk, mit seinen zwölf bis sechzehn Volumenprozent, zu einer enormen Bandbreite an Köstlichkeiten. „Sake sollte das Essen verfeinern. Eine ‚falsche Kombination‘ existiert nicht, was aber nicht bedeutet, dass jedes Arrangement optimal ist“, erklärt der Sommelier. Ein Tipp ist allerdings zu beherzigen: Guter Reiswein wird nämlich gebraut und nicht destilliert, wie es beim herkömmlichen Schnaps im China-Restaurant häufig der Fall ist. Er kann Aperitif, Begleitung zu Fisch- und Fleischgerichten, Digestif sein; eiskalt, bei Zimmertemperatur, heiß und in Glas-, Keramik- oder Holzgefäßen getrunken werden. Trotz der Verwandtschaft zum Bier kommt er den Eigenschaften des Weines sehr nahe, hat sogar einen Trumpf im Ärmel. Da er bedeutend weniger säurehaltig ist als etwa Riesling und den Magen schont.

PHR_1303Richtlinien beim Konsum gibt es schon, Tabus hingegen nicht. Sake mit blumigem Aroma sollte beispielsweise nicht erhitzt werden, in Stein gemeißelt ist das jedoch nicht. Probieren geht bekanntlich über Studieren. So hat Choi unter anderem herausgefunden, dass Reiswein in der Flasche weiter altert und viel länger haltbar ist als angegeben wird. „Geschmack ist etwas sehr Individuelles. Vorlieben sollte man niemals rechtfertigen müssen.“ Der Gusto variiert nach Personen, Stimmungen und kann wie bei Proust an einen bestimmten Augenblick gebunden sein.

Für Jean-Paul Choi sind Genuss und Vergnügen ausschlaggebend. Er möchte anderen die Möglichkeit geben zu erfahren, was er in diesem sehr intensiven Jahr erfahren hat. Als „Sake-Botschafter“ bietet er Verkostungen an und hat Verbindungen zu Importeuren aus aller Welt aufgebaut. Bislang gibt es keinen Vertrieb des japanischen Reisweines in den Beneluxstaaten. In Deutschland und Frankreich sieht es ähnlich aus. Die Zollbestimmungen zu erfüllen ist kein Leichtes. Daher darf man sich umso mehr freuen, dass bereits Ende März der erste Online Sake Shop Luxemburgs eröffnen wird, der sich nicht ausschließlich den großen Labels widmet, sondern kleine Geheimnisse aus Fernost ins Großherzogtum führt.

www.origamibelval.lu

www.shakeshop.lu

rice-fields-(c)-Sake-Sommelier-Association

(Foto: Sake Sommelier Association)

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?