Home » Home » Aufbruch in der Nussschale

Aufbruch in der Nussschale

Die luxemburgische Literaturszene blüht. Die Blumen pflücken will aber niemand. Weder im In- noch im Ausland. Literaturkritiker Jérôme Jaminet spricht Tacheles über das fehlende Image.

Herr Jaminet, jetzt, wo Luxemburg den Weg zurück zur Frankfurter Buchmesse findet, ist es an der Zeit für Imagefragen. Wie kommt Literatur aus Luxemburg an?
Na ja, wenn jemand wie Denis Scheck – immerhin der bekannteste deutsche Literaturkritiker – sagt, er nehme „disproportional viele Luxemburger Autoren wahr“ und dann einen Kölner Kumpel, einen toten Dichter und einen populären Wissenschaftsjournalisten nennt, dann hat die Luxemburger Gegenwartsliteratur kein schlechtes Image, sondern gar keines. Angefangen bei der luxemburgischen Leserschaft, die internationale Bestseller bevorzugt. Und wenn schon luxemburgische Bücher, dann irgendwas mit Leichen oder Kochen.

Sie unterstellen Luxemburg ein Manko an kulturellem Gusto.
Der ökonomische ist jedenfalls sehr viel stärker ausgeprägt.

Hartes Urteil. Auch ein amerikanischer Komiker zog Luxemburg damit auf, es habe keine Kultur.
Das war 2015. Damals sagte John Oliver in seiner HBO-Talksendung „Last week tonight”: „I can tell you what France would be like without all its cultural institutions. It would be Luxembourg. And nobody wants that.“ Natürlich nur ein schlechter Witz. Die Empörung des luxemburgischen Kulturministeriums war groß. Dabei ist man dort nicht ganz unschuldig an der Misere.

Schieben Sie dem Kulturministerium die Schuld in die Schuhe?
Es gibt schlichtweg keinen kulturpolitischen Willen und keinen Plan zur systematischen Förderung der luxemburgischen Literatur im Ausland. Es wird kontinuierlich versäumt, Schriftsteller und Schriftstellerinnen Perspektiven zu eröffnen, ihnen eine Orientierungshilfe zu bieten. Darüber hinaus sucht man seit Jahren vergebens auf Fach- und Publikumsmessen in den Nachbarländern nach Luxemburgischen Verlagen und Schriftstellern.

Moment: Es gibt Ausnahmen.
Brüssel und Paris, aber da hängt dann auch nur der De Toffoli-Kreis und die letzte Garde der Editions Phi rum. Ihr Engagement in allen Ehren, aber das reicht nicht.

Löst die Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse das Image-Problem?
Die bloße Anwesenheit wird wenig bewirken. Das Kulturministerium braucht Visionen, Konzepte, gestalterischen Willen, langfristige Planung – oder noch viel banaler: Interesse an Literatur. Wieso wurde eigentlich eine Koordinatorin für nur schlappe neun Monate, also bis zu den nächsten Wahlen, eingestellt? Wir brauchen Kontinuität in der Kulturpolitik.

Das Kulturministerium braucht Visionen, Konzepte, gestalterischen Willen, langfristige Planung.

Sie vermissen den roten Faden?
Es fehlt einfach an Ambitionen – und an Kompetenz. Nico Helminger erhält den Servais-Preis – das Ministerium gratuliert seinem Bruder Guy. Unfassbar.

Gibt es denn überhaupt was zu entdecken, im verstaubten, weil selten angefassten Luxemburgensia-Regal?
Es gibt erstaunlich viele gute Schriftsteller und Schriftstellerinnen in Luxemburg. Es lohnt ein Blick auf Roland Harsch, eine Art luxemburgischer Robert Gernhardt; den im deutschen Poetry-Slam-Milieu nicht ganz unbekannten Francis Kirps, und ganz besonders auf die junge Schriftstellerin Nora Wagener, der noch eine große Zukunft bevorsteht. Natürlich sollte man auch die Helminger-Brüder oder Georges Hausemer nicht nur dem Namen nach kennen. Lesenswert sind darüber hinaus Rafael David Kohn und Raoul Biltgen, beide im Ausland beschäftigt, beide mit neuen Romanen.

Sie alle schreiben, mit Ausnahme von Nico Helminger, auf Deutsch. Wie steht es um die frankophone Literatur?
Sie ist beachtlich. Viele Autorinnen und Autoren heimsten internationale Preise ein, veröffentlichen in renommierten Häusern, wie beispielsweise Gallimard. Ich denke natürlich zuerst an Anise Koltz, Jean Portante oder Lambert Schlechter. Aber lesen sollte man auch Carla Lucarelli, Tullio Forgiarini, Tom Nisse, Florent Toniello, Nathalie Ronvaux, Ian De Toffoli und Jeff Schinker.

Also doch kein kulturloser Frankreich-Abklatsch?
Absolut nicht. In Luxemburg erscheinen jährlich weit über 100 literarische Buchtitel. Das Luxemburgische Autorenlexikon verzeichnet seit 1815 mehr als 1300 literarische Autoren und über 6.000 Werke in 12 Sprachen.

Darunter auch Luxemburgisch.
Genau – und im neuen Jahrtausend ist die Zahl der belletristischen Neuveröffentlichungen auf Luxemburgisch deutlich gestiegen. Empfehlenswert sind die Werke von Roland Meyer, Gast Groeber und Claudine Muno. Auch das Debüt von Samuel Hamen hat aufhorchen lassen. Mal schauen, ob er nachlegen kann.

Hat das Großherzogtum literarisches Potenzial?
Aufgrund des multikulturellen Reichtums, der sprachlichen Vielfalt und der dadurch geprägten Lebenswirklichkeiten gibt es eigentlich kaum einen fruchtbareren Ort als Luxemburg, um über Identitätskonstruktionen in einer globalisierten und nomadischen Welt zu schreiben. Über interkulturelle Begegnungen, Konflikte, Alteritätserfahrungen. Luxemburg ist Europa, ist die Welt „in a nutshell“.

Und wieso juckt die nationale Literatur trotzdem kaum jemanden?
Die Gründe für den geringen Bekanntheitsgrad sind vielfältig. Die Schriftsteller werden immer noch viel zu selten im Ausland verlegt. Bis auf wenige Ausnahmen. Es gibt zu selten Übersetzungen der luxemburgischen Werke in Weltsprachen. Der einzige Schriftstellerverband (LSV) des Landes hat sich vorletztes Jahr aufgelöst und es gibt keine Literaturagenturen. Noch dazu müssen semi-professionelle Verlage mit arg begrenzten finanziellen Mitteln und Zuwendungen auskommen. Sie arbeiten größtenteils ohne Lektorat, was sich leider bemerkbar macht.

Was schlagen Sie vor?
Es muss dafür gesorgt werden, dass die einschlägigen Medien, wie Rundfunk und Presse, in den großen Nachbarstaaten luxemburgische Literatur besprechen. Es wäre schon hilfreich, wenn die Verlage ihre Neuerscheinungen als geschütztes PDF an große Zeitungen und Magazine rausschicken würden. Das macht man so. Nur hier nicht. Das staatliche Budget zur Förderung der Literatur muss außerdem dringend erhöht und der Vertrieb im Ausland verbessert, das heißt, überhaupt mal organisiert werden.

Die Szene lässt sich von den Umständen nicht beirren. Es herrscht eine gewisse Aufbruchsstimmung.
Es gibt tatsächlich zahlreiche Grassroots-Initiativen, die aus der Mitte der Szene heraus entstehen. Innovative literarische Events und Lesereihen wie „Désoeuvrés“ oder “Word in Progress”. Oder auch die „Impossible Readings“, die „Lesebühne“ und die verschiedenen Poetry Slams. Seit drei Jahren haben wir auch den „Prix Laurence“ – einen Jugend-Literatur-Preis, der den Nachwuchs fördert.

Inzwischen fliegen auch jüngere Autoren und Autorinnen ins Ausland aus.
Ja, einige von ihnen nahmen eine zweimonatige Residenz im Literarischen Colloquium in Berlin wahr. Darunter Nora Wagener, die auch schon in Litauen war, Jeff Schinker, Nathalie Ronvaux und im vergangenen Jahr Tom Nisse. Aber das reicht nicht. Es darf nicht reichen, wenn die Literatur Luxemburgs mehr sein will, als ein lokales, stiefmütterlich behandeltes Szene-Ding. 

Foto: Lynn Berchem

Isabel Spigarelli

Ressorts: Wissen, Kultur

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?