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Aus heiterem Himmel

Sie ist lebenswichtig und gleichzeitig unangenehm: Angst. Doch was für die meisten Menschen nur ein vorübergehendes Gefühl ist, begleitet andere ihr Leben lang. Foto: itsmejust/Fotolia

Das erste Mal kommt mitten in der Nacht und völlig unerwartet. Marie-Jeanne Smolik wacht auf und fühlt nur noch eins: Angst. Angst zu sterben, Angst, dass etwas Schlimmes passiert, Angst vor allem. Sie ist 25 Jahre alt, frisch verheiratet, gerade mit ihrem Mann nach Straßburg gezogen. Eine junge Frau in einer schönen Stadt – das Leben könnte nicht besser sein. Als sie verzweifelt schreit, sie müsse sterben, ruft ihr Mann den Notarzt.

Über 40 Jahre ist das jetzt her, doch Marie-Jeanne Smolik erinnert sich an diesen Moment, als sei er gerade erst passiert. „Es war meine erste Panikattacke“, sagt sie heute. Angstzustände oder phobische Störungen, wie sie in der Fachterminologie genannt werden, sind keine Seltenheit. 20 bis 25 Prozent der Menschen haben zumindest einmal im Leben mit ihnen zu tun, die meisten sogar regelmäßig.

Das Gefühl der Angst kennt jeder: Das Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich an, die Konzentration nimmt zu, man empfindet Stress. Angst ist lebenswichtig, ohne Angstgefühle würden Menschen gefährlich leben, denn Angst macht vorsichtig und aufmerksam zugleich. Sie warnt und schützt uns. Doch so normal und wichtig Angst auch ist, wenn sie außer Kontrolle gerät, wird sie zur Belastung. Sie beeinträchtigt das ganze Leben, nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für deren soziales Umfeld. „Es hat ein halbes Jahr gedauert“, erzählt Marie-Jeanne Smolik. „In der Zeit konnte ich nicht einmal aus der Wohnung gehen, ohne in Panik auszubrechen.“ Ihre Ängste sind vielfältig – allgemeine Angstzustände wird später die Diagnose lauten.

Seit über 40 Jahren betroffen: Marie-Jeanne Smolik  hat gelernt, mit ihren Ängsten umzugehen. (Foto: Ute Metzger)

Seit über 40 Jahren betroffen: Marie-Jeanne Smolik hat gelernt, mit ihren Ängsten umzugehen. (Foto: Ute Metzger)

Warum manche Menschen unter phobischen Störungen leiden und andere nicht, ist nicht völlig geklärt. „Zur Entstehung einer Angststörung können sehr unterschiedliche Faktoren beitragen“, sagt Dr. Charles Pull, Psychiater am Centre Hospitalier und spezialisiert auf Angst- und Zwangsstörungen. „Dazu gehören die jedem Menschen zugehörige Veranlagung, Vererbung und Genetik, die Erziehung, das Erlebnis angsterregender Ereignisse in der Kindheit, Jugend und auch später, übermäßiger Stress in der Schule, am Arbeitsplatz und zu Hause. Es gibt aber auch Fälle, in denen keine offensichtliche Ursache gefunden werden kann. So tritt zwar eine Panikstörung gehäuft nach dem unerwarteten Tod eines Familienangehörigen oder Bekannten auf, sie kann aber auch ohne ersichtlichen Grund von heute auf morgen auftreten, wie ein Blitz aus heiterem Himmel.“

Wie bei Marie-Jeanne Smolik. Über einen Arbeitskollegen ihres Mannes findet sie einen Therapeuten, der ihr erste Hilfestellungen geben kann. Mithilfe von Medikamenten und autogenem Training lernt sie, sich zu beruhigen. Langsam fängt sie an, wieder aus dem Haus zu gehen. Zuerst nur die Treppe hinunter ins Erdgeschoss, dann auf die Straße, irgendwann in den nächsten Laden und so weiter. Ein Schritt nach dem nächsten. Am Ende läuft sie wieder alleine durch die Stadt.

„Als es mir besser ging, wollte ich wieder nach Hause, nach Luxemburg zurück. Ich wollte zurück in meinen Beruf als Grundschullehrerin“, erinnert sie sich. Ihr Mann bleibt noch zwei Jahre in Straßburg, bis auch er hier eine Arbeitsstelle findet. Marie-Jeanne Smolik fängt wieder an zu arbeiten. Ihre Angstzustände kann sie einigermaßen kontrollieren, auch das Unterrichten ist kein Problem. Dann verliert sie im sechsten Schwangerschaftsmonat Zwillinge. Doch die befürchteten Anfälle bleiben aus. „Ich war traurig, so wie jede Mutter, der so etwas passiert. Aber mein Zustand blieb stabil.“

Erst Jahre danach, als ihr später geborener Sohn bereits fünf Jahre alt war, ging es wieder los. „Wir fuhren in den Schwarzwald, machten dort Wanderungen. Es war schön. Doch plötzlich, wir waren gerade mitten im Wald, bekam ich wieder einen Anfall und hatte unglaubliche Angst“, erzählt sie. Zurück zu Hause ging sie zum Arzt, der verschrieb Antidepressiva, eine bewährte Methode in der Behandlung von Angststörungen, die auch bei Marie-Jeanne gut anschlug.

„Ich konnte nicht einmal aus der Wohnung gehen, ohne in Panik auszubrechen.“ Marie-Jeanne Smolik

Dauerhaft helfen können Medikamente jedoch nicht, auch weil die Gefahr einer Abhängigkeit nicht gering ist. „Die wirksamste Behandlung von Angststörungen besteht in einer kognitiven Verhaltenstherapie. Damit lernen Betroffene ihre Störung kennen, mit ihr umzugehen und sie zu bekämpfen“, sagt Dr. Pull (s. Interview).

Bei Marie-Jeanne Smolik half das Reden. Bei einer Kur, die sie aufgrund von Problemen mit ihren Bandscheiben bekommt, lernt sie einen Pastor kennen, der neben einer Ausbildung in Psychologie auch noch mit NLP vertraut ist, dem „Neuro-Linguistischen Programmieren“. NLP beinhaltet eine Mischung unterschiedlicher Kommunikationstechniken, die in verschiedenen Psychotherapien eingesetzt werden. Doch viel tun muss der Pastor nicht, er lässt Marie-Jeanne Smolik vor allem reden.

Unbegründet und übersteigert (Interview mit Dr. Charles Pull)

Was ist eine Angststörung?
Eine Angststörung ist eine unbegründete oder übersteigerte Angst vor Situationen – z.B. auf großen Plätzen, in Menschenmassen oder Supermärkten -, anderen Menschen, Tieren, Blut oder Spritzen, Autofahren, Naturereignissen, unter der Betroffene leiden und die sie in ihrem Leben auf irgendeine Art und Weise stark beeinträchtigt.

Es gibt viele unterschiedliche Ängste, ab wann spricht man von einer Störung?
Die Angst vor Tieren, z.B. vor Spinnen, wird erst dann zur Angststörung, wenn Betroffene in einer Umgebung leben, in der sie regelmäßig auf Spinnen treffen. Die Angst, vor anderen Menschen zu reden, die soziale Phobie, wird erst dann zur Angststörung, wenn sie Betroffene daran hindert, ihre Meinung zu sagen, für ihre Rechte einzutreten oder ihren Beruf auszuüben wie z.B. als Lehrer, Journalist, Politiker.

Eine phobische Störung wird immer von physischen Erkrankungen begleitet. Woran liegt das?
Alle Angststörungen werden von einer ganzen Reihe physischer Symptome begleitet, am häufigsten von Herzrasen, Atembeschwerden und von Übelkeit, Angst vor Erbrechen, Druck in der Magengegend, Durchfall oder anderen Problemen im Verdauungstrakt. All diese Beschwerden sind auf eine erhöhte Reaktivität des neurovegetativen Nervensystems zurückzuführen.

Wie werden Angststörungen behandelt?
Die wirksamste Behandlung von Angststörungen besteht in einer kognitiven Verhaltenstherapie. Dabei lernen Betroffene ihre Störung kennen, mit ihr umzugehen und sie zu bekämpfen. Dies wird erreicht durch 1. eine gründliche Psychoedukation, bei der man erfährt, um was es bei ihrer Angst geht; 2. dem Erlernen einer Reihe von Übungen, insbesondere Atemübungen, anhand derer sie ihre Angst unter Kontrolle bringen können; 3. der Auseinandersetzung mit ängstlichen Gedanken, die ihnen hilft, umzudenken – man spricht hierbei von einer kognitiven Umstrukturierung; und 4. der progressiven Konfrontation all dessen, was unbegründete oder überhöhte Angst hervorruft.

Haben auch Kinder schon Angststörungen?
Die meisten Angststörungen treten erstmals in der Kindheit oder in der Adoleszenz auf. Dies trifft insbesondere auf die Trennungsangst zu, bei der Kinder Angst haben, sich von ihren Eltern zu trennen. Angststörungen beim Kind drücken sich zum Teil mit denselben Symptomen aus wie beim Erwachsenen. Gehäuft kommt es jedoch auch zu Weinkrämpfen oder Wutausbrüchen, wenn sie Angst haben. Andauernde Angststörungen beim Kind müssen behandelt werden. Zum einen, weil sie eine normale Entwicklung des Kindes behindern und zu Beeinträchtigungen in der Schule und im Kontakt mit anderen Kindern und auch Erwachsenen führen können. Zum andern weil sie in den meisten Fällen nicht von alleine ausheilen, sondern sich in der Adoleszenz und im Erwachsenenalter fortsetzen und weiter entwickeln.

Dr. Charles Pull ist Psychiater am Centre Hospitalier de Luxembourg und in eigener Praxis. Gemeinsam mit seiner Frau Marie-Claire Pull-Erpelding hat er ein Buch über Angstzustände verfasst. Momentan ist zwar die deutsche Ausgabe „Ich habe Angst“ vergriffen, die französische Ausgabe „J‘ai peur“ ist hingegen im Handel erhältlich (ISBN: 978-2879637129, Editions Saint-Paul, ca. 25 Euro). Beide Ausgaben werden im Frühjahr in einer Neuauflage erscheinen und dann auch als e-Bücher erhältlich sein. (Foto: Paul Foguenne)

Dr. Charles Pull ist Psychiater am Centre Hospitalier de Luxembourg und in eigener Praxis. Gemeinsam mit seiner Frau Marie-Claire Pull-Erpelding hat er ein Buch über Angstzustände verfasst. Momentan ist zwar die deutsche Ausgabe „Ich habe Angst“ vergriffen, die französische Ausgabe „J‘ai peur“ ist hingegen im Handel erhältlich (ISBN: 978-2879637129, Editions Saint-Paul, ca. 25 Euro). Beide Ausgaben werden im Frühjahr in einer Neuauflage erscheinen und dann auch als e-Bücher erhältlich sein. (Foto: Paul Foguenne)

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Und das tut der Frau gut. Zweimal die Woche fährt sie zu ihm und kommt so nach und nach ihren Ängsten auf die Spur. Sie erinnert sich an ihre Kindheit, denkt an ihren alkoholkranken Vater, der für viel Unsicherheit in der Familie sorgte. „Er war ein stolzer Mann, der aber nichts mehr fürchtete als das Gerede der Leute.“ Sie schaut auf ihre Mutter zurück, die aus ihrer Ehe nicht herauskam. „Für eine Frau in den 1950er Jahren war es fast nicht möglich, sich scheiden zu lassen.“ Und sie geht in eine Selbsthilfegruppe der „Lëtzebuerger Angschtstéierungshëllef“ (LASH), um Menschen mit ähnlichen Erfahrungen zu treffen. „Ich war überrascht, wie viele von dem Problem betroffen sind. Ich dachte ja immer, ich sei alleine auf der Welt.“ Irgendwann lernt sie, mit ihren Ängsten umzugehen.

Marie-Jeanne Smolik nimmt noch immer Medikamente. Ihre Therapie dauerte Jahre. Doch plötzliche Angstzustände hat sie lange nicht gehabt. Sie hat gelernt, auf die Zeichen zu achten und sich zu entspannen, wenn es nötig ist. „Ich bin jetzt viel gelassener als früher“, erzählt sie. „Ich drehe nicht gleich durch, wenn irgendetwas passiert und rege mich nicht über jede Kleinigkeit auf.“ Ihr Leben läuft in geregelten Bahnen, mit ihrem Mann ist sie noch immer verheiratet, in der Selbsthilfegruppe hat sie einen Teil der Leitung übernommen. Nur eine Angst ist geblieben: Alleine mit dem Auto auf der Autobahn zu fahren. Einmal hat sie es versucht. Und blieb sofort stehen – sehr zum Unmut der nachfolgenden Verkehrsteilnehmer. Passiert ist glücklicherweise nichts. Das soll auch so bleiben. Alleingänge auf der Autobahn lässt sie in Zukunft einfach sein.

Kontakt für Betroffene von Angststörungen: „Lëtzebuerger Angschtstéierungshëllef“ (LASH), Tel.: 52 45 90 oder 59 45 90, www.lash.lu

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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