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Aus Kindern werden Gläubige

Mit acht Entscheidungen fürs Leben treffen? Zu früh. Nicht aber, wenn es um religiöse Glaubensbekenntnisse geht. Religionswissenschaftler und Journalist Yannick Lambert über religiöse Mündigkeit, die christlich-katholische Kommunion und zwei ihrer weltweit bekanntesten Pendants.

Fotos: Pixabay

Die Erstkommunion ist in Luxemburg immer noch ein Ding. Ein großes. Wer jetzt abwinkt und nuschelt ‚Wer macht denn heut noch so was?‘ kann die Hand gleich wieder senken. Oder sie sich vor die Stirn schlagen. Der religiösen Gesinnung oder Nicht-Gesinnung entsprechend. 2016 nahmen immerhin 3.298 Kinder an der Erstkommunion teil. 1970 waren es im katholisch geprägten Luxemburg noch deutlich mehr. 4.891 um genau zu sein. Aber dennoch liegen zwischen dem Jahr, in dem Kirchenfabriken abgeschafft werden, und rezenten Zahlen zu Kommunionskindern nur zwei Jahre. Historisch betrachtet ein Katzensprung. Ein schmaler Spalt zwischen Wende und Tradition.

Yannick Lambert, der seine Studien in „Religious Studies“ (Universität Edinburgh) und „Classical Indian Religion“ (Universität Oxford) mit Masterdiplomen abschloss, sieht darin keine Absurdität, keinen Widerspruch: „So lange es Gläubige und Praktizierende gibt, die sich einer Gemeinschaft angehörig fühlen, werden diese auch diejenigen Rituale mitmachen, die ein Gemeinschaftsgefühl stiften.“

Die Erstkommunion ist in Luxemburg immer noch ein Ding. Ein großes.

Ohne eine Praxis, die durch Riten festgesetzt werde, seien viele Religionen laut Lambert ohnehin nicht nötig. „In den meisten Glaubensrichtungen ist Religion Praxis. Bei der katholischen Kommunion handelt es sich ja auch um die Kommunion mit etwas Transzendentem – nämlich dem Leib Christi und der Kirche. Ohne die ritualisierte Umformung wäre die Kommunion im katholischen Kontext nicht möglich.“ Er verweist dabei auf Emile Durkheim, der als Begründer der Erforschung des sozialen Aspekts von Religionen gilt: „Er sah gemeinschaftliche Rituale als Werkzeuge an, durch die die kollektiven Glaubensstrukturen an das Individuum weitervermittelt werden und diese dem Ganzen einverleibt werden können.“

Dass solche Riten nicht allein Steckenpferd der Religionen sind, liegt für Lambert auf der Hand. Es braucht kein Goldkettchen mit Kreuzanhänger um den Hals, um das zu verstehen. Und auch die Kippa muss dafür nicht sein. Ein Besuch traditionsreicher Universitäten zum Semesterstart oder zu Abschlussfeiern tun es auch, oder um es mit Lamberts Worten zu erklären: „Säkularisierte Gesellschaften kennen ähnliche Momente, wie etwa den Übergang von einer Bildungsstufe zu einer anderen. Gerade die Graduations-Zeremonien mancher Universitäten in Europa können als Aufnahmeriten angesehen werden. Stiftung von Zusammengehörigkeit und Gesellschaftsbildung durch gemeinschaftliche Inszenierungen und Gesten scheint mir eine anthropologische Grundkonstante zu sein.“ Es sind Momente, die zusammenschweißen. Die einen einweihen in eine Welt, die einem bis dahin verborgen oder zum Teil verschlossen war. Wie die Partyräume auf dem Uni-Gelände. Von der Uni zurück zur Religion: Lambert unterscheidet trotz Parallelen strikt zwischen Aufnahmezeremonien und religiösen Übergangsriten. Zu letzteren zählen die Erstkommunion und vergleichbare Traditionen.

Übergang, weil sie nur bereits getauften, beziehungsweise dem Glauben durch mütterliche Abstammung zugehörigen Kindern und Erwachsenen, zugängig sind. Kommunion und Konfirmation markieren im Christentum die erste Glaubensbestätigung nach der Taufe. Ähnlich verhält es sich im vererbten Judentum mit der Bar Mitzwa für Jungen und der Bat Mitzwa für Mädchen. Im Hinduismus ist die Upanayana-Zeremonie ein ähnliches Moment. Wenngleich alle Riten anders gestaltet werden, liegt das Alter der jungen Gläubigen – abgesehen von Erwachsenen, die sich erst später zu einem Glauben bekennen oder zu diesem konvertieren – doch immer unter fünfzehn Jahren. Bei der Erstkommunion und dem hinduistischen Fest sind die meisten zwischen Acht und Zwölf. Den jüdischen Brauch begehen sie in der Regel im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren. Die evangelische Konfirmation mit vierzehn.

Autofahren mit acht? Undenkbar. Offizielle Dokumente unterzeichnen mit vierzehn? Nicht gestattet. Religiöse Mündigkeit erlangen? Kein Thema. Klingt paradox und überspitzt, entspricht aber der Realität. Im Kontext der Übergangsriten ist oft die Rede von religiöser Mündigkeit. Von Reife. Eigenverantwortung. Begriffe, die die Buzzer bei der Tv-Show „Das Familienduell“ nicht aufheulen lassen, wenn sich die Frage nach Eigenschaften von Minderjährigen stellt. Allein, weil sie rein rechtlich gesehen noch der Vormundschaft ihrer Eltern unterstehen. Nicht zuletzt befinden sie sich auch mit zwölf oder dreizehn noch in einer Zeit des sich Findens, des Ausprobierens, des pubertieren, die in Glaubensfragen für viele sogar weit über die Pubertät hinausgeht. Und seien wir ehrlich: Wie viele Kinder sind sich bewusst, was sie mit der Erstkommunion bezeugen und wie viele befolgen schlichtweg den Rat oder Willen ihrer Eltern? Was Mündigkeit überhaupt bedeutet, variiert nicht zuletzt auch von Kulturkreis zu Kulturkreis.

Über die Taufkerze hinaus: Hinduismus & Judentum

Hinduismus
In indischen Kontexten werden die heiligen Schriften dem Initianden, den angehenden Schülern und Schülerinnen, einverleibt: Durch das Sprechen der Mantras im Kontext des Upanayana wird der Körper des Initianden durch die Veden, die heiligen Schriften, rituell zu einem Erwachsenenkörper umgeformt.
Beim Upanayana-Fest zieht der Schüler aus, um von einem Guru (Lehrer) in den heiligen Schriften sowie den Künsten unterwiesen zu werden. Bevor dies stattfindet, wäscht sich der Schüler rituell und wird mit den Insignien seines Standes ausgezeichnet. Dabei trägt er eine heilige Schnur, die ihn als Schüler (brahmacarin) ausweist. Traditionell werden auch Disziplinen wie Lesen, Mathematik, Geometrie sowie andere Fächer unterrichtet. Nach erfolgreicher Ausbildung und der richtigen Ausführung von Ritualen, wie Waschungen und dem Singen von Mantra (heiligen Lauten), wird der Schüler zum dvija, zum Zweimalgeborenen.
Die Upanayana-Zeremonie stellt eine Art Wiedergeburt dar. Eine Wiedergeburt in ein neues, höheres Leben. Diese Zeremonie wird aber nicht immer gleich ausgeführt. Viele Hindus praktizieren sie auch nicht mehr. Das, aus verschiedenen Gründen.
Der Hinduismus, ein Begriff der eigentlich dem kolonialen Diskurs entstammt, ist ein großes und komplexes Sammelsurium von vielen verschiedenen Traditionen, die in einem gewissen Sinne als Hinduismus kategorisiert werden können, aber sehr verschiedenen sind.
In manchen Regionen Südasiens nehmen Mädchen beispielsweise an eigenen Upanayana-Zeremonien teil, wohingegen sie andernorts von den Festen ausgeschlossen werden. Ein Aspekt, der auf die allgemeine Diskrepanz zwischen Unterdrückung und Gleichstellung von Frauen in Indien hinweist.
Auch andere Ungleichheiten und Machtstrukturen kommen beim Ritus zum Ausdruck, wie etwa die soziale und wirtschaftliche Differenzierung. So nehmen die unterste Kaste (Gesellschaftsschicht) und die Kastenlosen nicht an dem Ritual teil.

Judentum
Bar Mitzwa bedeutet übersetzt „Sohn der Pflicht“, Bat Mitzwa „Mädchen der Pflicht“. Das gleichnamige Fest wird in der Synagoge zelebriert. In orthodoxen Synagogen haben Frauen keine Pflichten, daher fällt auch die Feier zur Bat Mitzwa bescheiden aus und sie genießen im Anschluss keine besonderen, religiösen Rechte. In liberalen jüdischen Gemeinden bereiten Jungen und Mädchen sich hingegen gleichermaßen auf die Zeremonie vor.
Rund ein Jahr lang lernen die Jugendlichen jüdische Gebote und Feste kennen. Ebenso die hebräische Sprache sowie die Tora. Dabei beschäftigen sie sich vorwiegend mit der Bedeutung eines Wochenabschnittes, dem Parascha, der beim Gottesdienst ihrer Bar oder Bat Mizwa auf Hebräisch und nach einer besonderen Melodie gesprochen wird. Den letzten Abschnitt dürfen sie selbst vortragen.
Mit Abschluss dieser Handlung zählen sie zum Minjan – einer Gemeinschaft von zehn jüdischen Männern oder Frauen, die zu Lesungen der Tora und zu besonders wichtigen Gebeten zusammen kommen müssen.
Nach der Bar und Bat Mitva unterliegen die Jugendlichen in religiösen Angelegenheiten nicht mehr ihrem Vater, sondern werden als vollwertige Mitglieder und Mitgliederinnen der Gemeinde anerkannt.
In Luxemburg lebten 2015 übrigens um die 1000 Jüdinnen und Juden. Das entspricht etwa zwischen 300 und 350 Familien.

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„Was man unter religiöser Mündigkeit versteht hängt vom kulturellen Kontext ab. Ein Mensch, der in einem von der Aufklärung bestimmten Westen aufgewachsen ist, wird unter Mündigkeit etwas anderes verstehen, als jemand der in einer anders geprägten Gesellschaft aufwuchs“, erklärt Lambert. „Im Westen kann man unter Mündigkeit verstehen, dass ein Mensch reif genug ist eigene Entscheidungen zu treffen. Nach unserem Verständnis kann ein Kind zwischen acht und zwölf Jahren also in der Regel noch nicht mündig sein. Eben das ist einer der Kritikpunkte der Durchführung diese Riten.“

Aber Lambert weiß auch, woher das definierte Alter herrührt: „Man muss bedenken, dass die Lebenserwartung, die Menschen heutzutage in den wirtschaftlich fortgeschrittenen Ländern genießen, historisch gesehen die große Ausnahme ist. Viele der Glaubensgemeinschaften entstanden in Zeiten als die Erwachsenenreife viel früher eintrat. Teilweise auch aus Notwendigkeit.“ Lambert zieht die Konsequenz: „Somit wurden junge Menschen vollständige Mitglieder einer Gesellschaft, da sie heiratsfähig und folglich mündig waren.“

Was Mündigkeit überhaupt bedeutet, variiert nicht zuletzt auch von Kulturkreis zu Kulturkreis.

Interessant ist auch, dass die vermeintlich religiöse mit der körperlichen Reife zusammenfällt. Zumindest dann, wenn die Jugendlichen schon zwölf oder vierzehn Geburtstagskerzen ausgepustet haben. Zufall? „Das Eintreten der körperlichen Reife wird in vielen Kulturen als Krise empfunden, die den Einbruch eines neuen Lebens bezeichnet, das im Sinne der Gemeinschaft geformt und gemeistert werden muss“, denkt Lambert. In religiösen Texten und Literatur nimmt das Zusammenspiel zwischen Sexualität und religiöser oder mystischer Erfahrung schließlich auch eine wichtige Rolle ein. Lambert nennt Beispiele, die er für wegweisend hält: „Am berühmtesten ist hier wohl der Bericht von Theresa von Avilas Begegnung mit dem Engel. In der nicht-dualistischen Philosophie des indischen Denkers und Dichters Abhinavagupta wird die Erfahrung des absoluten Bewusstseins – der Eins-Werdung von niederem Ich und dem universellem Selbst – oft in recht expliziten Begriffen beschrieben. Dies ist ein Argumentationsstrang, der etwa von dem amerikanischen Religionswissenschaftler Jeffrey Kripal verfolgt wird.“

Er selbst nennt diese nur eine von vielen möglichen Erklärungen dieser Gegebenheiten und pocht ein weiteres Mal auf kulturelle Unterschiede: „In vielen Kulturen und Epochen begann das Erwachsenenalter viel früher als heute bei uns im Westen. Das könnte eine einfache Erklärung dieser Verbindung sein.“

Isabel Spigarelli

Ressorts: Wissen, Kultur

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Author: Martine Decker

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