Home » Home » Ausgepiepst?

Ausgepiepst?

Die aus der Vogelberingung gewonnenen Daten liefern wichtige Informationen über Veränderungen im Zuggeschehen.

Um Luxemburgs Brutvögel steht es nicht gut. 2015 wurden 68 Arten als gefährdet angesehen. Und sollte sich in den kommenden Jahren nichts an der Agrarpolitik ändern, wird das Vogelsterben weitergehen.

Patric Lorgé ist kein Schwarzmaler. Trotzdem macht sich der Ornithologe der Centrale Ornithologique (COL) Sorgen. Und zwar um die heimische Vogelwelt. Laut dem Bericht der COL an den European wild bird indicator sind 28 Prozent der Vogelarten in Luxemburg vom Aussterben bedroht. 38 Prozent zeigen eine schwankende oder unsichere Entwicklung, und lediglich 13 Prozent gelten als stabil. Aufgrund dieser besorgniserregenden Zahlen haben die DP-Abgeordneten Lex Delles und Gusty Graas von Umweltministerin Carole Dieschbourg wissen wollen, welche Schutzmaßnahmen möglich seien, um einem weiteren Rückgang der Vogelarten entgegenzuwirken.

Die Einrichtung spezieller Naturschutzprogramme hat die Neuansiedlung bedrohter Arten zwar möglich gemacht – im renaturierten Alzettetal bei Schifflingen brütete der Weißstorch, das Überleben des Wanderfalken und des Uhus ist ebenfalls gesichert –, doch diese Erfolge sind Tropfen auf einem heißen Stein. Weil es sich bei den bedrohten Beständen vor allem um Vogelarten handelt, die auf Weiden oder in Hecken und Obstgärten ihre Nester bauen, könnte nur ein Umdenken in der Agrarpolitik Abhilfe schaffen, so Patric Lorgé. Die grünen, aber nicht mehr bunten Wiesen und Felder Luxemburgs vermitteln nämlich ein falsches Bild. Dadurch, dass seit dem Zweiten Weltkrieg die Landwirtschaft intensiviert und der Einsatz von Kunstdüngern sowie Pestiziden vermehrt wurden, verschwinden immer mehr Vogelarten, die vor drei Jahrzehnten in der Luxemburger Kulturlandschaft noch heimisch waren. Bei der Feldlerche, die offene Landschaften liebt, der Goldammer, die am liebsten am Boden oder in Krautpflanzen brütet, und beim Kiebitz, der vorzugsweise feuchte Wiesen und Sumpfgelände besiedelt, ist die Zahl in den letzten Jahren daher stark zurückgegangen. Braunkehlchen und Grauammer sind vollends verschwunden.

Durch den Einsatz von Maschinen und durch Felderzusammenlegungen wird wertvoller Lebensraum für Vögel vernichtet.

Die Ursachen für diesen Schwund sind bekannt. Das Verschwinden von Biotopen und Streuobstwiesen, das Abholzen von Naturhecken und Baumreihen, die Felderzusammenlegung und der Einsatz großer Maschinen sind schuld am Verlust der Artenvielfalt. Dazu kommen die Verschmutzung von Luft und Wasser, die zunehmende extreme Zersiedlung sowie die globale Klimaerwärmung. Patric Lorgé erwähnt in diesem Zusammenhang den Gelbspötter, dessen Brutgebiet sich in den letzten Jahren aufgrund der steigenden Durchschnittssommertemperaturen nach Norden verschoben hat. Auch andere Brutvögel, die sich einst in Mitteleuropa wohl gefühlt haben, suchen mittlerweile kühlere Orte zum Nestbauen. Der Klimawandel sei jedoch momentan nicht so dramatisch wie die Fehler, die in der industrialisierten Landwirtschaft begangen worden sind und weiterhin begangen werden. „Et ginn an deem Kontext och positiv Initiativen.“

So setzt sich die 2010 im Umfeld der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) gegründete Plattform „Meng Landwirtschaft“ mit einem konkreten Forderungskatalog für eine Neuausrichtung der luxemburgischen Agrarpolitik ein. Dabei geht es u.a. um die Einführung eines Nachhaltigkeitsbewertungssystems, die Förderung der Biolandwirtschaft und die Umorientierung von exportorientierter Milch- und Fleischproduktion hin zu einer Produktionsausweitung im Pflanzenbau. Viele Landwirte würden sich bereits für den Erhalt der Artenvielfalt einsetzen, kommentiert Patric Lorgé das allmähliche Umdenken. Und räumt gleichzeitig ein, dass die ausgewiesenen nationalen Schutzzonen lediglich 13 Prozent der Fläche des Großherzogtums ausmachen – leider nicht genug. Dem Steinkauz, der momentan zu den gefährdetsten Eulenarten zählt, sei aufgrund eines speziellen EU-Schutzprogramms glücklicherweise geholfen worden, aber stattdessen müsse man sich jetzt Sorgen um andere Vogelarten machen. „Op der Place d’Armes ginn et keng Spatze méi, well et keng Splécke méi an den Diecher gëtt, an och d’Schmuewelen hunn hir Stuff verluer, well et ëmmer manner al Bauerenhäff a Ställ gëtt.“

Das neue Naturschutzgesetz, das der Natur mithilfe eines Ökopunkte-Systems einen Wert verleiht und mehr Transparenz verspricht, begrüßt er genauso wie die eingeführte Biodiversitätsprämine für Bauern, die erst nach dem 15. Juni mähen, damit Vögel ungestört brüten und Blumen aussähen können. Trotzdem bleibt noch viel zu tun. Und die gute Nachricht: Jeder kann etwas tun. In dem Buch „Vögel Luxemburgs“ geben Patric Lorgé und Ed. Melchior wertvolle praktische Tipps zu Nisthilfen, der Winterfütterung von Vögeln und wie man mit recht wenig Aufwand die Umgebung seines Hauses naturgerecht und tierfreundlich gestalten kann. Gemischte Hecken aus einheimischen Sträuchern bieten Vögeln, Insekten und Säugern beispielsweise nicht nur eine Nistgelegenheit, sondern auch Nahrung und Unterschlupf. Anstelle von Rollrasen soll man eine Blumenwiese pflanzen. In Gemüsegärten mit biologischen Anbaumethoden sind Giftspritzen und Kunstdünger tabu. Kommt man demnach auch mit kleinen Schritten ans Ziel?

Op der Place d’Armes si keng Spatze, well et keng Splécke méi an den Diecher gëtt, an d’Schmuewelen hunn hir Stuff mat de Bauerenhäff verluer.

Ja und nein. Mit dem Anbringen künstlicher Holzbetonnester kann man den Rauch- und Mehlschwalben, die in asphaltierten Ortschaften immer weniger Pfützen finden, aus denen sie sich Baumaterial für ihre Nester beschaffen können, einen Dienst erweisen, um jedoch an
der Tatsache etwas zu ändern, dass 74 Prozent der Tier- und Pflanzenarten hierzulande gefährdet sind, sind anderen Maßnahmen vonnöten. Patric Lorgé weiß, dass es dauern wird, bis sich beispielsweise die neu ausgewiesenen Natura-2000-Gebiete auf den Vogelbestand auswirken. Dennoch ist er zuversichtlich. Zumal es auch ornithologische Highlights zu verzeichnen gibt, was einzelne Arten betrifft. Der seit den 1950er Jahren als Brutvogel ausgestorbene Kolkrabe, der zum Brüten großflächige und störungsarme Wälder braucht, ist wieder aufgetaucht. 2017 konnte erstmals eine Zwergammer im Schutzgebiet „Schlammwiss“ bei Übersyren festgestellt werden. Und als leidenschaftlicher Vogelbeobachter freut er sich natürlich auch, wenn er einen seltenen Raubwürger oder ein Rebhuhn entdeckt. Bis 1982 durften Rebhühner noch bejagt werden, 1960 gab es sogar 12.000 Abschüsse. Heute ist der Hühnervogel nur noch mancherorts anzutreffen.

Wie Bestandsveränderungen festgestellt werden können? Zum Beispiel durch langjähriges Monitoring oder durch die Beringung, so Patric Lorgé. In Luxemburg werden jedes Jahr bis zu 25.000 Vögel beringt. Anhand dieser Kennzeichnung können u.a. Veränderungen im Zuggeschehen dokumentiert werden. Zudem liefern die Daten aus der wissenschaftlichen Vogelberingung – die COL von „natur&ëmwelt“ arbeitet in diesem Belang eng mit dem „Institut Royal des Sciences Naturelles de Belgique“ zusammen – Naturschützern wichtige Argumente für den Schutz von bestimmten Lebensräumen.

Fotos: Robert Groß, Raymond Gloden (3), Patric Lorgé (2), Patrick Hofmann, Fabrizio Pizzolante (Editpress)

Das Naturschutzgebiet „Dumontshaff“ in Schifflingen ist Teil des NATURA 2000-Gebiets.

Patric Lorgé
Jahrgang 1974, beobachtet seit seinem 10. Lebensjahr Vögel. Zwischen 1998 und 2014 leitete er hauptamtlich die Centrale Ornithologique von „natur&ëmwelt“. Seit mehreren Jahren ist Patric Lorgé verantwortlich für die für die Internetplattform ornitho.lu und für die Luxemburger Homologationskommission für seltene Vogelarten und leitet die Arbeitsgruppen Feldornithologie und Beringung von „natur&ëmwelt“.

Vögel Luxemburgs
Die neunte Auflage stellt die Vogelarten Luxemburgs nach ihren Lebensräumen geordnet vor. Kurze Texte beschreiben alle Brutvogel- und die häufigsten Zugvogelarten. Zudem werden die weniger häufigen Durchzügler und die seltenen Arten aufgelistet. Angaben zum jeweiligen Vorkommen, zum Bestand sowie zur Roten Liste der Brutvögel Luxemburgs und die Vogelnamen in fünf Sprachen vervollständigen den Informationsgehalt. Die Fotos stammen zum Großteil von Naturfotografen aus dem Großherzogtum. Im Shop des Haus vun der Natur auf Kockelscheuer und im Fachhandel erhältlich, 20 Euro.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?