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Balanceakt in den Pyrenäen

Das Ziel ist seit Jahren das Gleiche: nicht Letzter werden. Was dem eingespielten luxemburgischen Team beim Trial der Nationen am Wochenende in Andorra auch gelingt.

Ihm entfährt ein langgezogener Aufschrei: „Yippiiiiiieeee.“ Dabei steckt Christian Daleiden mitten in der achten Sektion. Und noch liegt eine steile Abfahrt vor ihm. Doch die Schlüsselstelle hat der 39-Jährige eben sauber überfahren und der Rest ist Routine, in dieser Schwierigkeit schon tausendfach bewältigt. Stolz zeigt er seine Kontrollkarte vor: „Siehst du, eigentlich eine Reihe Dreier, aber dazwischen zwei Nuller.“

Beim Frühstück zwei Stunden vorher hatte der vierfache Familienvater noch ganz anders geklungen: „In letzter Minute habe ich zuhause zwar noch ein wenig trainieren können. Aber nicht genug für das nötige Gefühl und die Sicherheit.“ So war der Plan, dass er an schwereren Stellen lieber die Füße auf den Boden setzt, aber sich so mit drei Strafpunkten aus der Sektion hilft. Der talentierte 21-jährige Draufgänger und luxemburgischer Meister der letzten vier Jahre, Sven Mousel, hat somit eine Absicherung, wenn er bei der riskanten Suche nach Null Strafpunkten komplett scheitert und die Höchststrafe Fünf kassiert.

Dieses Missgeschick passiert auch den anderen Fahrern Ken Mousty oder Laurent Baatz oft genug. Aber da in jeder Zone nur die drei Besten der Mannschaft gewertet werden, kann im Prinzip immer ein Artist scheitern. Trial ist spektakuläre Motorradakrobatik im Gelände und am Ende gewinnen immer die Katalanen. Die Region ist Hochburg des Trialsports, die meisten Hersteller und Weltmeister stammen von dort. Mit zwei Ausnahmen fährt seit 1998 mehr oder weniger die gleiche luxemburgische Mannschaft zum Trial der Nationen und seit 2004 gewinnt ununterbrochen jedes Jahr das spanische Team.

Dabei fahren die Luxemburger, wie 15 andere Mannschaften die leichteren Sektionen der internationalen Trophäe. Nur Frankreich, Großbritannien, Italien und Norwegen trauen sich noch die deutlich schwereren Varianten der Weltmeistergruppe zu. Dort spielen die Stars der Szene, Repsol-Fahrer Toni Bou und Red-Bull-Profi Adam Raga in einer anderen Liga. 127 von 144 Mal beherrschen die alten und neuen Weltmeister das Spiel von Kupplung, Gas und Bremse mit unglaublichem Gleichgewichtssinn perfekt und streuen verspielt auch mal einen Vorderrad-Wheelie als Leckerli fürs Publikum ein. Die zweitplatzierten Briten kassieren mehr als achtmal soviel Strafpunkte wie deren winzigen elf Punkte.

Auch die luxemburgischen Amateure starten perfekt in den Wettkampf. Anfangs wollte Laurent Baatz gar nicht nach Andorra mitfahren. Der 33-jährige Familienvater hatte aus Zeitmangel Trainingsrückstand und fühlte ein Formtief. Doch kickt der Ehrgeizige als allererster Fahrer an der ersten Sektion seine leichte Beta-Maschine an. Und legt nervenstark eine flüssige und vor allem fehlerfreie Spur vor. Auch Sven Mousel bleibt beim ersten Geschicklichkeitsfahren strafpunktfrei. Ken Mousty und Christian Daleiden kämpfen sich dagegen mit drei Fehlern den steilen, steinigen Hang hoch.

Unter den Anfeuerungen der Suiveurs und Fahrer wiederholt Laurent Baatz gleich an der zweiten Prüfung sein Kunststück, auch die anderen fahren gut: Die Mannschaft erhält nur einen Strafpunkt für einmaliges Füße setzen, fast perfekt. Die Sonne lugt hinter den Bergen hervor und ein erstes Lächeln weicht der angespannten Nervosität der Anfangsphase.

„Jetzt sind wir drin“, schreit Serge Goergen Frank Bintener begeistert zu. Diese fünfte Sektion ist tückisch, eine Null in der internationalen Trophäe selten, doch nach verhaltenem Beginn dreht auch der 32-jährige Ken Mousty auf. „Wir ergänzen uns perfekt, wo einer im Team schwächelt, glänzen andere“, erklärt Frank Bintener. Er ist einer der vier Suiveurs, die motivieren, als Wasserträger auch Essen und häufig benötigte Sturzteile schleppen, sowie gefährliche Stellen und hohen Stufen absichern.
„Es hat wirklich Spaß gemacht“, ist Laurent Baatz nach dem Wettkampf glücklich. Beim Beobachten der Kollegen in der siebten Sektion findet er sogar Zeit für ein Schwätzchen mit einem französischen Sektionsrichter. „Fabuleux“ führe die Verbindungsetappe durch die Pyrenäen. Eine wunderschöne Aussicht würde einen für die Anstrengungen belohnen. Da es neben dem schmalen Weg sogleich 100, 200 Meter in die Tiefe geht, teilen die Suiveurs seine Begeisterung weniger.

In den geselligen Runden am Abend sind die gemeinsamen Abenteuer ein großes Gesprächsthema. Die Suiveurs müssen ihren – an schwierigstes Gelände gewöhnten – Fahrern auf Gedeih und Verderb hinterher und gerade beim Nationentrial kommt es regelmäßig zu kleineren Dramen. Man erinnert sich an frühere Ausgaben, dieses und jenes. Bereits 2008 nahmen dieselben drei Fahrer in Andorra teil. Erst seit 2009 verstärkt das mittlerweile 21-jährige Nesthäckchen Sven Mousel das Team, doch ist er längst in die fröhliche Runde integriert. Am Abend vor dem Wettkampf sitzt man an den zwei geliehenen Campern bei kühlem luxemburgischem Bier aus der Zapfanlage und deftiger Kost vom langjährigen Cateringchef Pier Schmit angeregt zusammen.

Erst beim gemeinsamen Frühstück ist es auffallend still. Die Stimmung pendelt zwischen konzentriert und etwas nervös. Außer Sven Mousel fehlte dem Team sogar die Zeit, um an der kompletten, teilweise in Belgien und Deutschland ausgetragenen, luxemburgischen Meisterschaft teilzunehmen. Ist der Trainings- und Wettkampfmangel durch Routine zu übertünchen? Die Euphorie des guten Auftakts retten sie auch in die schweren letzten Sektionen. Luxemburg ist nach der ersten Runde nicht nur nicht Letzter, sondern liegt auf Platz zwölf von 16. Nur zwei Strafpunkte hinter Lettland und damit in Schlagweite zum Rekord eines fast schon legendären neunten Platzes von 13. Damals, 2001 in La Bresse.

Dabei konnte man sogar den Nachteil wettmachen, die erste Spur legen zu müssen. Auf der zweiten Runde bauen sie aber ab und rutschen auf Platz 13. Vor Portugal, Slowenien und Brasilien. Die gute Laune von Ken Mousty trübt das kein bisschen: „Das war einer der schönsten Trial des Nations, den ich bis jetzt erlebt habe.“ Wie Christian Daleiden zählt der 32-Jährige mit seinen 15 Teilnahmen mittlerweile zu den Top-12-Rekordteilnehmern des Nationentrials. Die zwei alten Hasen huschen schnell unter die Dusche und zischen mit dem Suiveur Tom Bertrand ab nach Barcelona. Denn in vier Stunden geht der Flieger.

Team Lëtzebuerg: Pier Schmit, Serge Goergen,  Frank Bintener, Ken Mousty, Sven Mousel, Christian Daleiden, Laurent Baatz,  Georges Moeser, Tom Bertrand und Teamchef Bernd Schäfer (v.l.n.r.).

Team Lëtzebuerg: Pier Schmit, Serge Goergen, Frank Bintener, Ken Mousty, Sven Mousel, Christian Daleiden, Laurent Baatz, Georges Moeser, Tom Bertrand und Teamchef Bernd Schäfer (v.l.n.r.).

Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

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Author: Philippe Reuter

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