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Bilder gegen das Vergessen

In Argentinien wird massenweise Unkrautvernichtungsmittel versprüht. Schwere Erkrankungen, Fehlgeburten und Missbildungen sind die Folgen. Der Fotograf Pablo E. Piovano erinnert mit seinen Bildern an die Menschen aus den „vergifteten“ Gebieten.

Fabián Tomasi hat immer davon geträumt, Pilot zu werden. Jahrelang hat der Farmarbeiter aus Basavilbaso in der argentinischen Provinz Entre Rios jene Flugzeuge mit Gift beladen, die über die schier endlose Weite der Sojaplantagen fliegen und Substanzen wie Glyphosat versprühen. Das Gift tötet Schädlinge und Unkraut ab. Tomasi arbeitete ohne Schutzkleidung. Alles musste schnell gehen. Die Sprühflugzeuge flogen nicht nur über die Felder der riesige Monokulturen, sondern auch über Schulen und über die Köpfe der Landarbeiter.

Im Jahr 1996 begann der große Soja-Boom in Argentinien. Damals genehmigte die argentinische Regierung den Anbau mit genmanipuliertem Saatgut und erlaubte den Einsatz des Pflanzengifts Glyphosat. Das Gutachten zu dessen Zulassung hatte der Hersteller Monsanto damals selbst verfasst. Seither werden in dem Land glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel eingesetzt. Wo einst riesige Weideflächen waren, dehnen sich heute gigantische Felder aus.

Das Soja machte die Großgrundbesitzer reich, und das Herbizid „Roundup“, in dem Glyphosat Hauptbestandteil ist, wurde zum Verkaufsschlager des US-Konzerns. Ein „Wundermittel“, wie es heißt, gegen das allerdings 95 Prozent des gentechnisch veränderten Sojas und drei Viertel der anderen gentechnisch veränderten Nutzpflanzen wie Mais oder Baumwolle immun sind. Auf Kosten der Menschen, wie Kritiker sagen, zu denen auch jene Ärzte gehören, die eine Forschungsgruppe bildeten, um einen Krankheitsatlas der Regionen zu erstellen.

Glyphosat

Glyphosat ist eine chemische Verbindung und die Hauptkomponente und der bedeutendste Inhaltsstoff Herbiziden. Seit etwa 40 Jahren wird es als Wirkstoff des von dem US-Unternehmen Monsanto unter dem Namen Roundup als Pflanzenschutzmittel bzw. Unkrautvernichtungsmittel verkauft. Allerdings gibt es Glyphosatprodukte von insgesamt mehr als 40 Herstellern. Es wird in der Landwirtschaft ebenso wie im Gartenbau, in der Industrie und in Privathaushalten eingesetzt. Alle damit behandelten Pflanzen sterben ab – außer jene, die gentechnisch verändert wurden. Letztere haben also eine Herbizidresistenz entwickelt.

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Auf der Landkarte ist zu erkennen, dass in den Dörfern zwischen den Anbauflächen die Krankheits- und Sterberaten viel höher sind als anderswo. Die Krebsraten liegen doppelt bis dreimal so hoch wie im Rest des Landes. Festgestellt wurden dort nicht nur Bluthochdruck oder Diabetes, sondern Fehlfunktionen der Schilddrüse. Ebenso sind die Zahlen von Fehlgeburten und Missbildungen, Haut-, Nerven- und Atemwegserkrankungen außergewöhnlich hoch. Die Krankheitsstatistiken sind schreckenerregend.

Heute ist Fabián Tomasi bis auf die Knochen abgemagert. Er kann nicht mehr alleine essen und nichts mehr fest greifen. Tomasi leidet an Muskelschwund und an einer toxischen Nervenkrankheit. „Ich bin nur noch ein Skelett“, sagt er. Aber aufgehört zu kämpfen hat er nicht: gegen die Nutzung der Agrochemikalien. Auch Anita Sosa ist ein Opfer der Besprühung mit Pestizid, der ihre Mutter während ihrer Schwangerschaft ausgesetzt war. Oder der fünfjährige Lucas Techeira, der an einer angeborenen schweren Hautkrankheit leidet, weil seine Eltern auf Plantagen gearbeitet haben, in denen die giftigen Chemikalien verwendet wurden. Oder Alfredo Cerán, dessen Fingernägel wie verbrannt aussehen und der an einer Leberzirrhose leidet, die nicht auf Alkoholismus zurückzuführen ist – Cerán arbeitete neun Jahre lang als Sprüher von Pestiziden. Oder Mónica Gabriela Rais, die schwer behindert ist, weil ihre Mutter einst auf einer Tabakplantage das volle Gift abbekam. Gift wie Endosulfan, DDT oder 2,4D – das einst Bestandteil von Agent Orange war und im Vietnamkrieg eingesetzt wurde. Und nicht zuletzt immer wieder Glyphosat.

Pablo E. Piovano hat Fabián Tomasi und die anderen genannten Personen fotografiert und daraus ein Buch gemacht. Seine Fotos wurden bereits in einigen Ländern ausgestellt, unter anderem vor Kurzem in Luxemburg. Der Argentinier kam auf Einladung von Natur & Umwelt ins Großherzogtum, nicht nur um seine Fotos zu zeigen, sondern um auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die von den chemischen Giften der Pflanzenschutzmittel ausgehen. Piovano ist ein engagierter Fotograf. Er hat viele Jahre für die linke argentinische Tageszeitung pagina/12 (Seite 12) gearbeitet, die bis über die Grenzen des südamerikanischen Landes einen legendären Ruf als investigatives Blatt erlangt hat – im Einsatz für Menschenrechte und gegen Korruption, kritisch und frech, Innovativ und nicht selten im Konflikt vor allem mit rechten Regierungen.

Die Unternehmer kümmern sich nicht um die Gesundheit ihrer Arbeiter.
Pablo E. Piovano

Piovano steht vor dem „Haus vun der Natur“ in Kockelscheuer und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Im Laufe unseres Gesprächs erzählt er von den Konflikten mit manchen Ordnungshütern, mit denen engagierte Journalisten in seinem Heimatland zwangsläufig zu tun bekommen. Der groß gewachsene, kräftige Mann mit dem Pferdeschwanz und melancholischen Blick hebt sein Hemd. Auf seinem Oberkörper sind zahlreiche Narben zu sehen. „Das sind die Spuren von Gummigeschossen“, erklärt er, „die Polizei hat aus ein paar Metern Entfernung auf mich geschossen. Im Laufe einer Demonstration in Buenos Aires.“ Piovano weiß auch, dass Menschenrechtler und Kritiker der rechten Regierung des derzeitigen argentinischen Präsidenten schon mehrmals die brutale Seite der Polizei in seinem Heimatland zu spüren bekommen haben. Manche begeben sich dabei in Lebensgefahr. Auf einem Foto der página/12 ist der Fotograf zu sehen, blutend und übersät mit den von den Gummigeschossen erzeugten Wunden.

Als Piovano vor einigen Jahren auf das Netzwerk der Ärzte in der argentinischen Provinz, die Médicos de Pueblos Fumigados, die Ärzte der „vergifteten Dörfer“, aufmerksam wurde, nahm er sich der Problematik an. Dafür ist er jahrelang durch die Sojaanbauregionen in den Provinzen Entre Rios, Chaco und Misiones im Norden und Nordosten Argentiniens gereist. „Ich wollte die Folgen zeigen, die der massive Einsatz der Gifte für die Menschen hat“, erklärt der 37-jährige Fotograf. „In den argentinischen Medien wird darüber nicht berichtet.“ Piovano weiß auch, dass die argentinischen Anbaugebiete die weltweit höchste Quote an Pestiziden pro Person haben. Seine Bilder zeigen das Leid der erkrankten oder verkrüppelten Menschen. Er hat das Leiden der Menschen dokumentiert. Seine Arbeit geht über die reine Dokumentation hinaus. Die Fotos sind Appelle. Damit Menschen wie Fabián Tomasi und Mónica Gabriela Rais und die anderen Menschen aus den „vergifteten Dörfern“ nicht vergessen werden.

Bei richtiger Anwendung seien die Pestizide ungefährlich, heißt es vom Hersteller Monsanto. „Doch in der Realität funktioniert das nicht“, sagt Pablo E. Piovano. „Die Unternehmer kümmern sich nicht um die Gesundheit ihrer Arbeiter. Der Profit steht im Vordergrund.“ Mehrere Untersuchungen weisen auf einen Zusammenhang zwischen dem Unkrautvernichtungsmittel und den Erkrankungen hin. In der Europäischen Union ist die Anwendung von Glyphosat in der Landwirtschaft trotzdem seit 2002 erlaubt. Dabei kommen die einzelnen Studien, die sich mit den Gefahren des Unkrautvernichtungsmittels befassten, zu unterschiedlichen Resultaten. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) stuft es als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Ebenso Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Andererseits kamen andere Aufsichtsbehörden zu dem Ergebnis, dass von dem Gift keine Gesundheitsgefahr ausgeht. Nachdem sich die EU-Staaten vor zwei Jahren nicht darauf einigen konnten, die Zulassung um weitere neun Jahre zu verlängern, beschloss die EU-Kommission eine befristete Verlängerung um 18 Monate. Die Frist lief Ende 2017 aus.

Interview mit dem österreichischen Biochemiker Helmut Burtscher-Schaden

Giftiger Cocktail

Der österreichische Biochemiker Helmut Burtscher-Schaden beschäftigt sich bei der Umweltschutzorganisation Global 2000 mit den Auswirkungen von Chemikalien auf Menschen und Umwelt.

Herr Burtscher-Schaden, wie kam es zu Ihrem Buch „Die Akte Glyphosat“?
Seit die WHO 2015 Glyphosat als wahrscheinlich für den Menschen krebserregend eingestuft hat – ein Jahr, nachdem die europäischen Behörden einen Persilschein ausgestellt hatten – befasse ich mich mit Glyphosat. Das führte zu meinem Buch und mehreren anderen Publikationen. Ich vertraute schon damals nicht dem Persilschein der EU-Behörden. Diese verstießen bei ihrer Bewertung systematisch gegen die eigenen Regeln. Dabei ist die wissenschaftliche Evidenz recht eindeutig.

Die Glyphosat-Hersteller behaupten, ihre Studien bewiesen das Gegenteil.
Die allerersten Krebsstudien mit Mäusen und Ratten, mit denen Monsanto in den 70er Jahren die Harmlosigkeit seines Pestizids beweisen wollte, stellten sich wenige Jahre später als Fake-Studien heraus. Sie waren nämlich Teil eines Betrugsskandals der zur Schließung des damals größten US-Prüfinstituts führte und für mehrer leitende Wissenschaftler Gefängnisstrafen bescherte. Die Wiederholungsstudien, die Monsanto auf Anordnung der US-Behörde vorlegen musste, zeigten aber dass jene Mäuse, denen Glyphosat unter das Futter gemischt wurde, häufiger an Krebs erkrankten. In der Folge wurde Glyphosat 1985 in den USA als “möglicherweise krebserregend für den Menschen” eingestuft. Diese Krebseinstufung wurde in den Folgejahren vom US-Konzern Monsanto, der hervorragende Beziehungen zu Behörde und Regierung unterhielt, mit allen Mitteln bekämpft. 1991 revidierte die US-Behörde schließlich ihre Krebseinstufung und ebnete damit den Weg zur weltweiten Vorherrschaft Monsantos auf dem Markt für genmanipulierte Pflanzen.

Was sagen andere Studien?
Seither haben zahlreiche weitere Glyphosat-Hersteller Zulassungen beantragt und dafür Krebsstudien mit Mäusen durchgeführen müssen. Jede dieser Studien zeigte statistisch signifikante Zunahmen von Tumoren mit steigender Glyphosat-Dosierung. Für die Krebsforscher der WHO war damit der eindeutige Beweis erbracht, dass Glyphosat bei Mäusen Krebs erzeugt. Solche Stoffe dürfen laut EU-Pestizidgesetz nicht zugelassn werden. Doch die Glyphopsat-Hersteller haben anhand genau derselben Studien behauptet, dass Glyphosat bei Mäusen nicht krebserregend sei. Die EU-Behörden stimmten dem zu.

Kann man von Labormäusen auf Menschen schließen?
Auch bei Menschen, die mit Glyphosat arbeiten, wurde ein Anstieg von Lymphdrüsenkrebs beobachtet. Dies zeigten epidemologische Studien aus den USA, Kanada und Schweden. Eine epidemiologische Studie, mit allerdings geringen Fallzahlen, konnte diesen Zusammenhang nicht nachweisen. Auf diese berufen sich jetzt die Verteidiger von Glyphosat. Doch andererseits zeigten Untersuchungen, dass Bewohner von Gebieten, die aus dem Flugzeugen mit Roundup besprüht werden, nach diesen Spritzungen DNA-Schäden aufweisen. Das kann der erste Schritt zur Entstehung von Krebs sein.

Was ist so gefährlich an Glyphosat?
Glyphosat ist nur der isolierte Wirkstoff. Es gibt aber kein einziges Mittel, das nur aus Glyphosat besteht. Enthalten sind zudem Hilfs- und Beistoffe, die die Wirkung von Glyphosat verstärken, indem sie die Oberfläche der Zelle durchlässiger machen und dem Wirkstoff das Eindringen in die Zelle von Pflanzen, aber auch von Säugetieren und Menschen, erleichtern. Deswegen sind die glyphosathaltigen Pestizide immer wirksamer, aber auch problematischer als das reine Glyphosat. Die Schwäche vieler Studien ist die, dass nur der Wirkstoff untersucht wird, und nicht die gesamte Formulierung. Die WHO hat sich beides angeschaut und kam zu dem Schluss, dass sowohl Glyphosat alleine als auch glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel wahrscheinlich krebserregend sind. Die Zahl verschiedener glyphosathaltiger Herbizide liegt laut WHO allein in den USA bereits bei über 750.

Warum wird an Glyphosat festgehalten?
Die Hersteller betonen immer wieder, welche Entwicklungskosten in einem Wirkstoff stecken. Es kursieren Zahlen von über 200 Millionen Euro. In der Tat ist es nicht möglich, einen Wirkstoff gerade mal so aus der Tasche zu zaubern. Was noch viel schwieriger ist, der harmlos für Mensch und Umwelt ist. Das Gesetz verlangt ja, dass Pestizide bei bestimmungsgemäßer Anwendung weder die menschliche Gesundheit noch die Umwelt schädigen dürfen. Dennoch stehen die Pestizide in Verdacht, einen Beitrag zum Bienen- und auch Vogelsterben zu leisten. Nicht jedes im gleichen Maße. Pestizide sind auch Teil einer landwirtschaftlichen Produktionsweise, die den Lebensraum für viele Arten zerstört.

Die konventionelle Landwirtschaft setzt weiterhin auf Pestizide.
Die Hersteller verkaufen ein Produkt, das ein Problem löst und dabei drei neue schafft. Um wiederum diese zu lösen, können die Hersteller drei neue Produkte verkaufen. Die europäischen Landwirte geraten immer mehr in die Abhängigkeit von Pestiziden. Die Landwirte sind nicht die Täter, aber sie fühlen sich in diese Rolle gedrängt. Gleichzeitig sinken sukzessive die Preise ihrer Produkte. Der Spielraum für alternative Produktionsweisen wird dadurch noch enger.

Wie beurteilen Sie die Zulassung von Glyphosat?
Die Industrie hat sich durchgesetzt. Aber anstelle einer Zulassung für 15 Jahre wurden es nur fünf. Dass die Zulassung nur durch einen Regelverstoß des deutschen Agrarministers möglich war, ist symptomatisch für die gesamte Diskussion. Was ich über das Zulassugsverfahren erfuhr, ist für mich der größte Skandal, den ich in meiner beruflichen Laufbahn erlebt habe. Dabei werden von Behördenseite immer dieselben Argumente wiederholt, die offensichtliche Falschdarstellungen sind. Das deutsche Bundesinstitut sagte 2015 erstmals: Der Grund, weshalb die WHO und sie zu unterschiedlichen Resultaten kamen, sei gewesen, dass die WHO die Aufgabe gehabt hatte, eine Gefahrenbewertung zu machen. In dieser zählt bereits die Stoffeigenschaft, ob es krebserregend ist oder nicht, während die Behörde eine Risikobewertung durchführen musste, in der es darum geht, ob beim Menschen ein Krebsrisiko besteht. Seit 2009 verlangt aber das EU-Gesetz für die krebserregende Wirkung eine Gefahrenbewertung nach dem Muster der WHO.

Der BfR-Bewertungsbericht erwies sich als Plagiat.
Große Teile des Berichts von Monsanto wurden abgeschrieben, was ein Gutachten des Plagiatsprüfers Stefan Weber bestätigte. Zentrale Kapitel, die z.B. von DNA-Schädigung oder Krebsstudien beim Menschen handeln wurden wörtlich übernommen – samt Bewertungen. Wenn eine Kontrollbehörde all ihre Argumente von Monsanto kopiert, ist es kein Wunder, dass diese Behörde zu denselben Schlussfolgerungen kommt. Monsanto behauptet, dass Glyphosat weder krebserregend noch DNA-schädigend sei.

Wie bei dem Betrugsfall in den 70er Jahren.
Wenn die US-Behörden sich damals diese Fake-Studien angeschaut hätten, wäre es nicht soweit gekommen. Doch es ist nicht nur Glyphosat. Die Menschen in Argentinien und Brasilien sind Stoffen ausgesetzt, die bei uns längst verboten sind. Wie Endosulfan und Parathion, die im Verdacht stehen, krebserregend und hormonschädigend zu wirken. Die Leute in den betroffenen Gegenden sind einem Cocktail von Giften ausgesetzt.

Interview: Stefan Kunzmann  Foto: Philippe Reuter

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Schließlich stimmte der deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt im November vergangenen Jahres für die Verlängerung – und schockte damit sogar das deutsche Umweltministerium. Im selben Jahr hatte die europaweite Bürgerinitiative „Stop Glyphosat“ mehr als 1,3 Millionen Unterschriften gegen die Verlängerung gesammelt. Vergeblich. Mit Schmidts Zustimmung wurde die Zulassung um fünf Jahre verlängert, denn damit entschieden sich 18 von 28 Ländern dafür. Luxemburg war dagegen. Auch das geplante Verbot des Pflanzengifts in Frankreich ist vorerst gescheitert. Der französische Präsident Emmanuel Macron wollte es landesweit verbieten. Doch die Nationalversammlung lehnte ein gesetzliches Verbot ab. Sogar Macrons Partei stimmte dagegen. Nun setzt der Staatschef auf die Selbstverpflichtung der Bauern und der Industrie, Glyphosat ab 2021 nicht mehr einzusetzen. In den USA klagen mittlerweile Krebspatienten gegen Monsanto, die Roundup als Verursacher ihrer Krankheit sehen. In Deutschland erregte ein Bericht Aufsehen, der zeigte, dass das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) für einen Glyphosatgutachten wesentliche Angaben von Monsanto übernommen hatte. Seitenweise Textpassagen wurden wörtlich kopiert. Das BfR schlussfolgerte in ihrem Bericht, dass keine Gefahr für den Menschen bestehe, solange das Gift sachgerecht angewandt werde. In eine ähnliche Richtung urteilte auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa).

Ich wollte die Folgen zeigen, die der massive Einsatz der Gifte für die Menschen hat. In den argentinischen Medien wird darüber nicht berichtet.
Pablo E. Piovano

Pablo E. Piovano wirkt nachdenklich. Er verweist auf eine Untersuchung der Universität von Cordoba, die ergab, dass in seinem Heimatland ungefähr 13 Millionen Menschen von dem Pestizid direkt oder indirekt betroffen sind. Und er spricht über die unermüdliche Arbeit der Ärzte, die sich den „pueblos fumigados“ angenommen haben. Die argentinische Landbevölkerung sei zum Objekt eines gigantischen Feldversuches geworden. „Die Gegend ist ein gigantisches Versuchslabor“, sagt Piovano. Mehr noch: Das Pflanzengift ist in der Nahrungsmittelkette allgegenwärtig. Auch als Futtermittel in den Ställen europäischer Landwirte. Doch immer mehr regt sich Widerstand. Erst kürzlich hat der berühmte argentinische Filmregisseur Fernando E. Solanas eine Dokumentation herausgebracht. Allerdings ist die Konkurrenz, der agrarindustrielle Komplex übermächtig. Und ausgerechnet am Tag des Interviews im Haus von der Natur ist der Kauf von Monsanto durch den deutschen Chemie- und Pharmariesen Bayer unter Dach und Fach gebracht worden. Von nun an ist Bayer verantwortlich für die Zerstörung des Lebens in der unendlich erscheinenden Weite Argentiniens.

Fotos: Pablo E. Piovano (3), Philippe Reuter

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Martine Decker

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