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Blame it on the rum

Er gilt als internationaler Kenner und gründete die weltweit größte Plattform für Rumliebhaber. Die Rede ist von Benoît Bail. Warum der 30-jährige Luxemburger ausgerechnet diese Laufbahn einschlug und welchen Stellenwert das Getränk bald bei uns einnehmen könnte, verrät er im Interview.

Fotos: Anne Lommel, Jimmy Damase, Johnny Drejer

Wann haben Sie Rum für sich entdeckt?
Auslöser war ein Urlaub auf den Kapverden vor rund zehn Jahren. Ich hegte schon immer ein gewisses Interesse für Rum, doch die Reise führte dazu, dass ich dieses vertiefen und erweitern wollte. Mich fasziniert nicht nur die Kultur, die dahinter steckt, sondern außerdem Geschichte, Produktion und Geschmack. Das Destillat ist sehr eng mit der Entdeckung Amerikas, der Sklaverei, der Politik und dem Handel verbunden. Rum war damals eine Währung, die teilweise als wertvoller wahrgenommen wurde als Geld. Warum ich mich nicht etwa für Whisky begeistere? Einerseits wegen des Aromas, andererseits weil Rum überall existiert, wo Zuckerrohr wächst und diese Regionen für mich viel attraktiver sind als Schottland – zumindest, wenn es ums Wetter geht (lacht).

Ihr Interesse war geweckt. Wie ging es danach weiter?
Ich bin viel gereist, habe spannende Destillen und Orte entdeckt. 2013 habe ich dann eigene Rum-Infusionen hergestellt und die Facebook-Gruppe „La Confrérie du Rhum“ gegründet, die mittlerweile 28.000 Mitglieder zählt und zum größten Forum der Welt geworden ist. Ich entschloss mich, bestimmte Marken zu vertreten und meine eigene Produktion einzustellen. Da ich das Ganze nebenberuflich machte, war es nicht leicht, alles unter einen Hut zu bekommen. Ich begann für „Rumporter“ zu arbeiten und gründete später sogar ein eigenes Fachmagazin. Inzwischen sind beide doch recht ähnliche Formate miteinander verschmolzen. Seit zwei Jahren führe ich meine Leidenschaft nun hauptberuflich aus.

Wie kann man sich Ihren Berufsalltag vorstellen?
Einen Alltag gibt es eigentlich nicht. Als „Brand-Ambassador“ komme ich sehr viel herum, lerne ständig neue Menschen und Produkte kennen. Jeden Tag erfahre ich mehr über Rum und Alkohol im Allgemeinen. Ich besuche Destillerien vor Ort und lasse mir die Herstellungsweisen genaustens erklären, damit ich das Ganze auch angemessen vertreten kann. Ein besonderes Anliegen ist es, kleinere Marken aus der Martinique und Guadeloupe in Frankreich zu repräsentieren. Der Export ist überaus (zeit-)intensiv und kann schon mal sechs Monate in Anspruch nehmen. Darüber hinaus bin ich als Mitglied bei internationalen Jurys tätig, bei Messen präsent,
leite Konferenzen und Tastings.

„Ich bin davon überzeugt, dass Rum einen ähnlichen Stellenwert wie Whisky einnehmen wird.“

Wie gehen Sie bei den Verkostungen vor?
Das hängt ganz vom Publikum ab. Kennen sich die Teilnehmer bereits mit den Basics aus, gehe ich gerne tiefer. Die Tastings folgen entweder einem bestimmten Motto, beziehen sich auf spezifische Länder und Gegenden oder bringen einem Destillate aus aller Welt näher. Aus Erfahrung nehme ich pro Verkostung maximal 25 Personen an. Vor allem, weil sich die Menschen in kleineren Gruppen eher trauen, Fragen zu stellen. In rund zwei Stunden werden vier bis sechs verschiedene Rums vorgestellt und probiert, was nicht selten zu einer ausgelasseneren Stimmung führt (lacht).

Woran erkennt man einen guten Rum?
Dafür gibt es keine Faustregel. Etwas als gut zu bezeichnen oder als schlecht abzutun, wäre falsch, da jeder Mensch individuelle Geschmacksvorlieben und -kriterien hat. Unter Kennern wird süßer Rum beispielsweise nicht besonders geschätzt. Doch gerade die lieblicheren Varianten bringen viele Neulinge erst dazu, sich mit dem Getränk auseinanderzusetzen und die vielfältige Welt des Rums zu entdecken. Das Produkt ist so breit gefächert. Die Aromen hängen nicht nur vom verwendeten Zuckerrohr ab – weltweit gibt es über 120 verschiedene Arten –, sondern genauso vom jeweiligen Klima, Land, der Herstellung und Lagerung. Cachaça, Grog und Rhum Agricole verfügen über ein komplett unterschiedliches Profil, gehören aber alle zur selben Familie.

Was sind Ihre persönlichen Favoriten?
Schwierige Frage. Sogar wenn ich mich entscheiden könnte, würde ich meine Auswahl aus professionellen Gründen lieber für mich behalten. Verraten kann ich allerdings, dass ich kein großer Cocktailfreund bin und meinen Rum am liebsten pur genieße. Das ist jedoch selbstverständlich Geschmackssache.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Industrie in den vergangenen Jahren?
Der Konsum ist in den letzten 15 Jahren progressiv gestiegen. Anders als etwa beim Gin handelt es sich nicht um eine Tendenz oder einen Trend. Das Interesse wächst ständig weiter, was sich früher oder später leider in höheren Preisen niederschlagen wird. Ich bin davon überzeugt, dass Rum in naher Zukunft einen ähnlichen Stellenwert wie Whisky einnehmen und damit für viele unerschwinglich sein wird. Größter europäischer Markt für Rum ist übrigens Frankreich. Global betrachtet, sind es die USA.

„Etwas als gut zu bezeichnen oder als schlecht abzutun, wäre falsch.“

Sie verfügen bestimmt über eine beeindruckende Privatsammlung?
Das mag Sie jetzt vielleicht überraschen, aber die Antwort lautet nein. Zugegeben, früher hatte ich eine. Als ich nach Berlin gezogen bin, habe ich sie jedoch aus praktischen Gründen verkauft. Natürlich habe ich immer ein paar Flaschen zu Hause stehen. Eine echte Kollektion würde das viele Reisen und Umziehen nur unnötig erschweren.

Benoît Bail

Der 30-Jährige absolvierte diverse Ausbildungen bei der „West Indies Rum and Spirits Producers Association“ (WIRSPA). 2013 lancierte er seine eigene „flavoured rum“-Marke namens „Zwazo“ und baute die „Confrérie du Rhum“ auf. 2016 gründete er das Fachmagazin „Rumgazette“ und ist bis heute für „Rumporter“ tätig. Als Botschafter des Rums vertritt er unter anderem Marken wie „Depaz“.

Françoise Stoll

Journalistin / Gastronomie

Ressorts: Lifestyle, Multimedia

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Author: Martine Decker

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