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Blüten gesucht

Der Imker Laurent Weber wischt immer weniger Mücken von der Frontscheibe und sehnt sich für die Bienen das Ende der Steinwüsten herbei. Doch was hat es eigentlich mit dem Bienensterben auf sich und was können wir dagegen tun? Weber gibt Antworten.

Herr Weber, welchen Stellenwert genießt die Biene in Luxemburg?
Wir erleben landesweit einen Aufwärtstrend, was das Interesse an der Bienenzucht angeht. Letztes Jahr haben sich 60 Leute zu den Anfängerkursen des Verbandes für Bienenzucht, FUAL, angemeldet.

Haben Sie Zahlen zu aktiven Imkern und Imkerinnen?
Die habe ich: 2017 gab es offiziell 365 Imker – das sind rund 20 mehr als noch im Vorjahr – und 5.265 Bienenvölker in Luxemburg. Für die „Marque nationale“ werden jährlich 68.000 Kilogramm Honig in Gläser abgefüllt.

Wer Bienenzucht sagt, denkt unweigerlich auch an das Bienensterben. Dabei behauptet der Bienenforscher Jürgen Tautz, dass es letzteres in dem Ausmaß gar nicht gibt. Er spricht lieber vom Insektensterben.
Das ziehe auch ich vor. Nicht nur um die Bienen steht es schlecht, sondern um Insekten im Allgemeinen. Ein Freund von mir meinte letztens: ‚Das merkst du daran, dass du weniger Mücken an der Frontscheibe deines Autos kleben hast. ‘ (lacht) Da ist was dran.

Ein durchaus überzeugendes Argument. Aber woran liegt es?
Das hat viele, unterschiedliche Ursachen, die zusammenwirken. Natürlich sind Pestizide alles andere als umweltfreundlich, aber nicht sie allein sind schuld daran. Es gibt vor allem immer weniger blühende Randstreifen. Viele Felder werden zusammengelegt. Der Lebensraum der Insekten schrumpft.

Auch in Luxemburg?
In Luxemburg haben Insekten es noch vergleichsweise gut. Unter anderem, weil Landwirte inzwischen vom Staat und der EU subventioniert werden, wenn sie entlang ihrer Felder Blüteflächen einrichten. Das ist nicht nur was fürs Auge, das nützt auch den Insekten.

Der Blumenkasten auf dem Balkon kann der erste Schritt in die richtige Richtung sein! Laurent Weber

Ist das Insektensterben eigentlich ein regionales Problem?
Wie man’s nimmt. Paradoxerweise haben Stadtbienen bessere Überlebenschancen. Dort bieten sich ihnen eine größere Pflanzenvielfalt und Baumalleen. Auf dem Land gibt es Jahreszeiten, in denen fast nichts blüht – das ist suboptimal. So gesehen, hängt das Ausmaß des Insektensterbens also schon mit der Region zusammen, ja.

Tautz behauptet, die Bienenzucht könnte das Insektensterben stoppen. Stimmt das?
Ja, schon allein deswegen, weil durch die Bienenzucht ein allgemeines Bewusstsein für Insekten und die Umwelt entsteht. Wir als Bienenzüchter bemühen uns um das Gespräch über Insekten und über die Zusammenhänge in der Natur.

Was meinen Sie damit konkret?
Uns ist viel daran gelegen, dass mehr Blüteflächen angelegt werden – und das wirkt sich wiederrum auf alle Insekten positiv aus. Mir persönlich geht es immer darum zu zeigen, dass die Natur ein Kreislauf ist, der aufeinander aufbaut.

Trotzdem lässt vor allem der Begriff des Bienensterbens die Leute aufhorchen.
Die Honigbiene ist sozusagen der Reklameträger für Insekten. (lacht) Für die Biene interessieren sich nämlich viele Leute. Das merkt man an der großen Nachfrage nach Honig. Mein Bestand ist, zum Beispiel, schon seit Januar ausverkauft.

Was ist denn der Biene größter Feind?
Die Varroamilbe. Sie befällt die Brut von Bienen und ist einer der Hauptgründe für das weltweite Bienensterben, neben den fehlenden Blüteflächen und den Auswüchsen der industrialisierten Landwirtschaft.

Was kann man gegen die Milbe tun?
Wir behandeln unsere Bienenvölker mit Ameisensäure, aber es wird auch an einer vielversprechenden Zuchtform getüftelt. Ein luxemburgischer Imker hat vor Jahren damit angefangen Bienen zu züchten, die einen besonders regen Trieb verspüren, ihre mit Milben befallene Brut zu öffnen und die Milben auf diese Weise zu vertreiben.

Das hört sich gesünder an, als Bienenvölker mit Säuren zu behandeln.
Das kann man so sagen. Das Forschungsprojekt VHS – Varroa Sensitiv Hygiene – wird seit 2017 vom luxemburgischen Landwirtschaftsministerium finanziell unterstützt. Wir werden europaweit für die Zuchterfolge unserer Imkerkollegen bewundert.

Steht es generell gut um die Zusammenarbeit mit dem Ministerium?
Wir können nicht klagen. Seit drei Jahren gibt es sogar einen Bienenberater, der Vollzeit für die Imker im Dienst ist. Er leitet die Anfängerkurse, berät erfahrene Züchter, aber auch Neulinge auf dem Gebiet. Es ist wichtig auch mal eine neutrale Meinung zu erhalten. Das ist echt eine gute Sache!

Das ist aber nicht die einzige Maßnahme, oder?
Nein, darüber hinaus stellt das Ministerium Hecken zur Bepflanzung zur Verfügung und wir haben die Möglichkeit die Mittel gegen die Varroamilbe, in Zusammenarbeit mit der FUAL, zu bestellen. Durch die Subventionierung vom Staat werden die Mittel für jedermann erschwinglich. Außerdem setzte das Ministerium letztes Jahr einen Grenzwert für die Nutzung von Pestiziden fest, der den Bienenvölkern natürlich auch zu Gute kommt.

Wir erleben landesweit einen Aufwärtstrend, was das Interesse an der Bienenzucht angeht. Laurent Weber

Passiert nur auf nationalpolitischer Ebene was?
Auch die Gemeinden leisten viel. Letztes Jahr konnten wir hier in Vianden die Eröffnung von unserem “Beienhous” feiern, das integral von der Gemeinde finanziert wurde. Dieses nutzen wir für die gemeinsame Honigproduktion und für den Besuch von Schulklassen. Generell ergreifen immer mehr Gemeinden die Initiative, um naturfreundliche Verbände zu unterstützen.

Zur Person: Laurent Weber

Seit 2015 schlägt Laurent Webers Herz für die schwarzgelben Flieger. Der Grundschullehrer aus Vianden beschreibt sich als Naturmenschen – kein Wunder, wenn man neben Bienen auch noch Rinder züchtet. Ein Jahr lang schaute er zu, bevor er seine eigenen Bienenvölker betreute. Der 37-Jährige ist Mitglied im Bienenzuchtverein Vianden.

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Nicht nur die Politik trägt Verantwortung: Welchen Beitrag können Privatleute leisten?
Aufhören, aus ihren Gärten Steinwüsten zu machen. Ein kleiner Grünstreifen, mit ein paar Blüten, reicht schon aus. Wer keinen Garten hat: Ein Blumenkasten tut’s auch. Luxemburgischen Honig von ansässigen Imkern zu kaufen, ist auch eine Möglichkeit, die Bienenzucht zu unterstützen. Hier erhalten Sie ein Naturprodukt von unverwechselbarer Qualität. Ich halte es aber grundsätzlich für wichtig, dass wir umweltbewusster und ressourcenschonend handeln und unserem Nachwuchs ein Vorbild sind. Der Blumenkasten auf dem Balkon kann der erste Schritt in die richtige Richtung sein!

Wir sollen uns also nicht gleich alle in ein Imkerkostüm schmeißen und wild drauf los imkern?
Nein, auf keinen Fall. Ich rate Menschen, die ernsthaft an der Zucht interessiert sind, immer wieder dazu, sich gut zu informieren. Man kauft ja auch nicht einfach Vieh und züchtet dann Rinder. Das geht nicht. Man sollte die Bienenhaltung von der Pike auf lernen. Am besten begleitet man einen erfahrenen Imker über ein Jahr hinweg, besucht die Anfängerkurse der FUAL und informiert sich in der Fachliteratur, bevor man selbst ein Bienenvolk kauft. Ansonsten sind die Bienen zum ersten Winteranfang alle tot – und damit ist nun wirklich niemandem geholfen.

Fotos: Anne Lommel

Isabel Spigarelli

Ressorts: Wissen, Kultur

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Author: Philippe Reuter

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