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Brauchen Kinder Väter?

Anerkennung und stabile Bindungen gehören zu den Grundbedürfnissen jedes Kindes. Wie wichtig männliche Rollenvorbilder für die Sozialisation sind, erklärt Béatrice Ruppert, Leiterin des Zentrums für Familienberatung und Mediation der Fondation Pro Familia.

Fotos: Didier Sylvestre/Editpress, Alekss/Fotolia, Patrizia Tilly/Fotolia

Haben sich Väter verändert?
Auf jeden Fall. Noch vor einer Generation waren die Rollen innerhalb der Familie relativ klar aufgaegliedert. Es war klar, wer was macht und wer wofür zuständig ist. Mittlerweile hat sich das geändert.

Hinkt Luxemburg in dieser Entwicklung trotzdem hinterher?
Ich bin sehr optimistisch, was Luxemburg betrifft. Viele Väter wollen sich mehr engagieren. Aber in einigen Punkten trifft das sicherlich zu. Beispielsweise ist der Anteil der Teilzeitarbeitenden im europäischen Vergleich hoch. Die meisten Teilzeitarbeitenden sind Frauen. So wird natürlich ein klassisches Rollenbild verstärkt, wenn die Frau weniger arbeitet, um sich zu Hause um Familie und Haushalt zu kümmern.

Wo besteht noch Bedarf?
In der Gesetzgebung. Das Scheidungsgesetz müsste dringend reformiert werden, genau wie das Gesetz über das elterliche Sorgerecht. In anderen Ländern wird nach einer Scheidung beiden Elternteilen automatisch das gemeinsame Sorgerecht erteilt. In Luxemburg ist das nicht die Regel. Es kann zwar so praktiziert werden, ist aber nicht gesetzlich verankert.

Gibt es sie noch, die klassische Familie, in der der Mann arbeiten geht und die Frau zu Hause bleibt?
Natürlich gibt es die noch, es gibt Frauen, die nach der Geburt eines Kindes aufhören zu arbeiten, für ein paar Jahre oder auch für immer. Doch es gibt auch immer mehr andere Familienkonstellationen. Diese Lebensmodelle sind wertzuschätzen, egal, welches man für sich selbst wählt. Die Gesellschaft ist auch nicht mehr schockiert, wenn Frauen kurz nach der Geburt eines Kindes wieder arbeiten.

Wodurch hat sich das geändert?
Durch die gesetzliche Gleichstellung von Frau und Mann, durch mehr Bildung und natürlich die Frauenbewegung. Aber auch wenn es uns in Luxemburg gut geht, in den meisten Familien reicht es nicht mehr, einen Haupternährer zu haben. Da müssen beide arbeiten gehen. Deshalb müssen zwangsläufig andere Familienmodelle entwickelt werden.

„Das wichtigste für ein Kind ist emotionale Sicherheit.“

Bringen sich Väter mehr in die Erziehung ein?
Früher gab es die Vorstellung: Vater ist gleich streng und autoritär, Mutter ist gleich fürsorglich, bringt Trost und Liebe. Der Vater trat mit Strenge und Autorität auf, da war wenig Platz für emotionale Nähe zum Kind. Manchen Männern mag das vielleicht gar nicht gepasst haben, aber die Vorstellung war eben so. Mittlerweile verwachsen die Rollenbilder. Dadurch bekommt der Mann erst den Raum, den er braucht, um seine Rolle anders ausführen zu können.

Wie wichtig ist der Vater?
Es steht außer Frage, dass der Vater sehr wichtig ist. Am wichtigsten für die Entwicklung eines Kindes ist, dass das Kind stabile emotionale Beziehungen aufbauen kann zu zuverlässigen Personen. Dann kann sich das Kind entwickeln und Vertrauen zu seiner Umwelt aufbauen.

Das klingt so, als sei es egal, ob es Mann oder Frau ist…
Diese Funktion wird von den Eltern übernommen. Die emotionale Sicherheit ist wichtig. Aber nicht nur zu einer Person. Idealerweise hat das Kind zwei oder auch mehrere Bezugspersonen und Vorbilder. Wir verstehen eine Familie als Triangel, und die beiden Rollenvorbilder Vater und Mutter ergänzen sich dabei.

Müssen das die leiblichen Eltern sein?
Jedes Kind kann starke emotionale Verbindungen zu anderen Menschen aufbauen, aber für ein Kind ist es wichtig, zu wissen, woher es kommt, aus welcher Familie es stammt. Das trifft auch für Kinder zu, die ohne Vater aufwachsen, weil der Vater aus irgendeinem Grund abwesend ist. Wichtig ist dabei, dass nicht abwertend über den Vater gesprochen wird, sondern er wertgeschätzt wird, auch wenn die Eltern sich getrennt haben. Ein Kind, dass nichts über seinen Vater weiß, verbindet damit ein Geheimnis, und das bringt ein schlechtes Gefühl. Wenn die Abwesenheit eines Vaters aber erklärt wird, und der Mann als Vater wertgeschätzt wird, dann kann das Kind eine positive Verbindung zu dem Vater aufbauen, auch wenn dieser gar nicht da ist.

Eine deutsche Studie besagt, dass Kriegswaisen ihren Vater oft als Helden verehren, Scheidungskinder dagegen oft ein schlechtes Vaterbild haben. Woran liegt das?
Es sind die Umstände, unter denen die Trennung stattgefunden hat. Einem Vater, der im Krieg gestorben ist, haftet etwas Heldenhaftes und Unschuldiges an. Ein Vater, der jedoch durch eine hoch konfliktreiche Trennungssituation den Kontakt zu seinem Kind verliert, riskiert mit etwas Negativem behaftet zu sein. Vielleicht wird er sogar zusätzlich noch durch die Mutter oder die Familie abgewertet.

Sorgenfrei aufwachsen: Ein negatives Vaterbild ist für ein Kind schwer vereinbar, es braucht einen guten Vater.

Sorgenfrei aufwachsen: Ein negatives Vaterbild ist für ein Kind schwer vereinbar, es braucht einen guten Vater.

Welche Auswirkung hat das auf das Kind?
Für das Kind ist ein negatives Vaterbild schwer vereinbar, weil es ja einen guten Vater braucht. Das Kind stammt von ihm ab, wenn der Vater also schlecht ist oder schlecht gemacht wird, überträgt sich diese Schlechtigkeit auch auf das Kind, denkt es.

Trifft das vor allem auf Jungen zu?
Es ist ein fundamentales Bedürfnis, beide Eltern zu lieben. Es mag sein, dass Jungen ihre Väter auf anderen Ebenen vermissen als Mädchen, aber generell hat das Geschlecht des Kindes damit nichts zu tun. Es gibt die These, das Väter wichtig sind um eine zu enge Mutter-Kind-Beziehung zu unterbinden.

Was halten Sie davon?
Das klingt, als sei der Vater ein Eindringling. Ich würde den Vater als jemanden betrachten, der andere Möglichkeiten bietet. Dabei geht es auch um die Liebesbeziehung zwischen den Eltern. Die ist wichtig für die Eltern, aber auch für die Kinder, weil sie sehen, dass zwischen den Eltern auch eine andere Bindung besteht als nur sie selbst. Die Beziehung zum Vater ist natürlich auch wichtig, um sich irgendwann von der sehr engen Bindung, die Kinder oft zu ihren Müttern haben, zu lösen. Aus Kindern werden Jugendliche, die müssen irgendwann selbstständig werden und ihr eigenes Leben führen.

Bringen Väter ihren Kindern andere Dinge bei?
Väter und Mütter sind nicht gleich. Der Einfluss beider ist sehr unterschiedlich. Väter verbringen die Zeit mit ihren Kindern anders, viel sportlicher. Außerdem fördern sie eher den Ehrgeiz und die Autonomie ihrer Kinder, Mütter mehr die sozialen Kontakte. Beides ergänzt sich also.

Ist es heutzutage leichter, Eltern zu sein?
Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Es ist viel schwieriger. Der Druck ist sehr groß. Es gibt so viele unterschiedliche Rollenmuster, dass es schwierig ist, sich zurechtzufinden. Viele Erwachsene fragen sich: Was ist ein guter Vater, was ist eine gute Mutter? Wie soll ich die Rolle ausfüllen, damit alles gut läuft? Früher war die Kindererziehung strikt geregelt. Das fing schon bei den Säuglingen an. Die wurden alle vier Stunden gefüttert, nicht alle zwei oder nach Bedarf. Da wurde nicht unbedingt auf die Bedürfnisse des Kindes eingegangen, aber es gab ein Modell, das aussagte, was richtig ist.

Heute fehlen diese Modelle?
Heute ist das alles viel differenzierter. Man bekommt so viele Hinweise darauf, was man machen soll. Es steht in den Medien, es gibt haufenweise Ratgeber, meine Nachbarn machen es anders als meine Mutter es gemacht hat, meine Schwiegermutter sowieso. Das ist natürlich auch Freiheit, weil es kein einziges Richtig mehr gibt, aber es kann auch verunsichern.

Schwimmen Eltern denn oft, weil sie nicht wissen, wie sie sich als Eltern verhalten sollen?
Für jeden, der selbst eine problematische Kindheit hatte mit negativen Rollenvorbildern, wird es sicherlich schwieriger sein, in die eigene Rolle zu finden. Wer in einem lieblosen Elternhaus aufgewachsen ist oder Gewalt oder Missbrauch erlebt hat, muss die eigenen Rollenbilder in Frage stellen und für sich neue finden.

„Ein Vater bietet andere Möglichkeiten.“

Dafür muss aber zuvor eine Reflektion stattfinden, oder?
Sicher, aber in dem Moment, in dem wir Eltern werden, setzen wir uns ohnehin mit unserer eigenen Geschichte auseinander und überlegen, was wir so machen wie unsere eigenen Eltern und was nicht. Das muss gar nicht bewusst passieren. Das können ganz flüchtige Gedanken sein, die einem sagen, dass man jetzt nicht so sein möchte wie der eigene Vater oder die eigene Mutter. Oder Situationen, in denen man plötzlich denkt: ‚Jetzt bin ich genau wie meine Mutter oder mein Vater‘.“

Wie kann man einem Kind, das von einem Elternteil Gewalt erlebt hat, ein positives Bild von dieser Person vermitteln?
Das ist ein sehr komplexes Thema, bei dem es auf die spezielle Form von Gewalt ankommt. Es ist wichtig, dass das Kind versteht, weshalb der Vater oder die Mutter gewalttätig ist. An der Gewalt ist ja nicht das Kind schuld, sondern sie liegt an einem Problem, das die gewalttätige Person hat. Es geht nicht darum, Verständnis zu entwickeln oder gar die Taten zu beschönigen. Die Gewalt muss als solche anerkannt werden. Doch ein gewalttätiges Elternteil kann durchaus auch andere Facetten haben und hat möglicherweise schon sehr gute und schöne Momente mit dem Kind verbracht.

Eine australische Sterbebegleiterin hat ein Buch geschrieben über „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“. Eins davon war, dass sie zu viel gearbeitet und zu wenig Zeit mit der Familie verbracht haben. Was halten Sie davon?
Das ist natürlich fatal, weil es in dem Moment einfach mal zu spät ist. Aber es klingt nach einer Ur-Reue, einem Gefühl, nicht alles richtig gemacht zu haben und nicht der perfekte Vater oder die perfekte Mutter gewesen zu sein. Aber mal im Ernst: Wer ist schon perfekt? Das kann es gar nicht geben, allein deshalb, weil Kinder diesen Wunsch brauchen, etwas anders machen zu wollen als ihre eigenen Eltern. Den muss man ihnen doch lassen.

Zur Person: Béatrice Ruppert

11.11Die diplomierte Sozialwissenschaftlerin und Familientherapeutin leitet das Zentrum für Familienberatung und Mediation der Fondation Pro Familia in Düdelingen. Ziel der Stiftung ist es, Kinder, Paare und Familien in schwierigen Situationen sowie in psychischen oder sozialen Notlagen zu betreuen und zu unterstützen. Pro Familia wird vom Familien- und vom Erziehungsministerium unterstützt.

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Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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