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Briefe aus der inneren Emigration

Die Corona-Pandemie hat unser Leben verändert. In dieser Serie geben revue-Mitarbeiter Einblicke auf ihren Alltag während der Krise.

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Moka Express

Gegen 6:30 Uhr wache ich auf. Die Armbanduhr, die seit 2002 zu meinem Handgelenk gehört wie eine Tätowierung, ist weg. Nach dem endlosen Händewaschen wegen Covid-19 in den vergangenen Tagen habe ich sie gestern zum ersten Mal in unserem Leben zu zweit freiwillig abgelegt. Es fiel mir nicht leicht.
Es war, um genau zu sein, wie wenn der Leiter eines Erschießungskommandos in einem Sergio-Leone-Film mir, dem mexikanischen Freiheitskämpfer, die Augenbinde anbietet und ich sie nach kurzem Zögern nehme. Man weiß, es ist den Umständen entsprechend wohl das beste, macht die Sache irgendwie leichter, aber man hätte dem Schergen lieber ins Gesicht gespuckt, ihn den Sohn einer räudigen Hündin geschimpft und ihm geraten, er solle seine verfluchte Binde doch am besten dorthin stecken, wo die Sonne nicht scheint. Okay, ganz so dramatisch war es am Spülstein meiner Küche nicht, aber Sie verstehen hoffentlich worauf ich hinaus will.

Normalerweise streife ich sie nur dann über meine Hand, wenn der Juwelier,
der sie mir damals verkaufte, eine neue Batterie einbaut. Also alle paar Jahre. Sie ist derart zuverlässig, dass wir beide, der Juwelier und ich, mittlerweile so eine Art „Running Gag“ entwickelt haben, beteuert er doch immer, dass er längst bankrott gegangen wäre, hätte er in seiner Laufbahn nur derart „unkaputtbare“ Geräte zum Schleuderpreis verkauft. Ich fand damals, dass 900 Euro (minus zehn Prozent) einen großen Haufen der gerade eingeführten neuen Währung darstellten. Er hatte prustend abgewinkt: „Pfff, jeder Hosenscheißer kriegt heute eine Uhr von zweieinhalb bis drei Riesen für die erste Kommunion geschenkt, also mach dir mal nicht ins Hemd.“

Ich weiß noch, dass ich damals schnurstracks in die Stammkneipe gestiefelt war und den entblößten linken Unterarm diskret – aber demonstrativ genug – auf den Tresen gelegt hatte, in der Hoffnung, dass mich jemand darauf ansprechen würde. Der Wirt sagte prompt: „Na, hast ne neue Uhr, wie ich sehe“. Darauf ich: „Jo, jetzt eben gekauft.“ „Und?“ „Geht noch immer.“ Ich versuchte das so lässig wie nur irgendwie möglich auszusprechen, es sozusagen aus dem Handgelenk zu schütteln, wie einer, der jeden zweiten Tag eine 810-Euro-Uhr kauft und sich nichts darauf einbildet. In Wirklichkeit wären mir fast die Knöpfe vom Hemd geflogen, so stolz war ich auf meine Errungenschaft. Ich kam mir vor, als hätte ich gerade die USS Nimitz gekauft. Dann erst erspähte ich die riesige Breitling am Handgelenk des Wirts, wie er geistesabwesend seine Gläser abtrocknete. Dort glitzerte gerade der Wert von drei Kommunionkindern im Dickicht, das hätte mir auf ein Haar den Tag versaut, doch dann sprach er: „Komm, ich geb einen aus, dann trinken wir auf deine neue Uhr, bist ja jetzt eh pleite.“

Halbzeit

Kommen wir also zur Kanne. Wie erwähnt, normalerweise wache ich jeden Tag zwischen sechs und halb sieben auf, und zwar noch bevor der Wecker klingelt. Das ist jetzt vorbei. Nach einer Woche in der inneren Emigration komme ich nur noch schlecht aus den Federn, die die Traumwelt bedeuten. Der Weckton aus dem Telefon ist so eine Art Klingelton einer Geisha, wie sie zehn Häuser weit weg auf einer einsaitigen Laute zupft, so aufdringlich wie ein Goldfisch, der nach Luft schnappt. Das bringt mich jetzt nicht mehr auf Trab. Jetzt muss ein Drill Sergeant her, der ins Zimmer stürmt und mit 120 Dezibel brüllt, während er dabei wie ein tollwütiger Schimpanse mit einer Schöpfkelle auf einem Blechtopf hämmert. Als mir das endlich bewusst wird, fällt mir ein, dass ich keine Kaffeemaschine mehr besitze. Das bereue ich jetzt sehr bitter.

Aber das Schicksal meint es gut, denn als ich bei meinem ersten fast beschämten Ausgang, brav Abstand haltend, ein paar Lebensmittel einkaufe, sehe ich sie aus der Distanz im oberen Regal funkeln. Eine kleine rote „Moka Express“, die legendäre Espressokanne, die der Industriedesigner Alfonso Bialetti 1933 im „Art déco“-Stil erfand: elegant achteckig, simpel und einfach genial. Sie besteht aus vier Teilen: einem untersten, achteckigen Kessel aus Metall, in dem ein runder, gelochter Trichter sitzt, darauf eine Kanne, ebenfalls aus Aluminium, in die ein schwarzer Griff aus Plastik eingefügt ist. Ich kaufe sie laut jauchzend, dazu eine Kilotüte Kaffeebohnen, so schwarz und mysteriös wie die Augen von Omar Sharif in Lawrence von Arabien. Auf dem Weg zurück in die Schlange, sage ich deutlich hörbar: „Mat Gedold a Spocka, fängt een sech eng Moka“. Jetzt rede ich schon mit mir selbst. 24 Stunden am Tag zu Hause sitzen, das nagt an der Hirnrinde.

Aber egal, daheim wird sofort aufgebrüht. Im Internet lese ich, dass der Sohn des Erfinders sogar in einer Moka-Urne begraben wurde, und dass es noch andere Modelle gibt, eine Mukka mit Kuhmuster, eine Kremina, vermutlich für ein Schäferstündchen mit Putin, eine Chicca, eine Brikka und eine Italian Lover für drei Tassen. Eine Espressokanne für die Verliebten, die in Italien anscheinend immer zu dritt sind. Was für ein wundervolles Land! Am nächsten Tag sitze ich um drei Uhr morgens am Salontisch und tippe diese Zeilen. Ich habe mindestens zehn Mal am Tag hintereinander aufgebrüht und kann überhaupt nicht mehr schlafen.

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

Author: Martine Decker

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