Home » Home » Bring out the GRIMP!

Bring out the GRIMP!

Seit 1990 besitzt die Luxemburger Berufsfeuerwehr eine Spezialeinheit für Höhen- und Tiefenrettung, die auf den Namen GRIMP hört. Das steht für „Groupe de reconnaissance et d’intervention en milieu périlleux“. Es klingt irgendwie nach Quentin Tarantino.

Immer wenn ein GRIMP aus der Tiefe aufsteigt, dann geht es so oder so um die sprichwörtliche Wurst. Vor einigen Wochen übte diese Einheit den Ernstfall am derzeit höchsten Baukran auf dem Kirchberg. Sie wollte das Stahlgerüst erklimmen, anschließend in einer ersten Phase den verletzten Kranführer nach einem Herzinfarkt oder ähnlichem Missgeschick aus dessen Kabine in luftiger Höhe bergen und danach, in einer zweiten Übung, sich selber von der vorderen Spitze des Ablegers in 115 Meter Höhe abseilen. Nur, es gab ein logistisches Problem.

Dieses bestand darin, dass der sympathische Kranführer an dem Morgen bei eitel Sonnenschein und kaum Wind quietschfidel in seiner Glaskanzel saß und absolut keinerlei Anstalten machte, für den guten Zweck der Simulation einen kapitalen Infarkt zu bekommen. Schließlich musste zu jedem Zeitpunkt ein Kenner der Materie an den Hebeln sitzen, denn Sicherheit geht besonders im Baugewerbe, dazu noch in solch schwindelnder Höhe, bekanntlich vor, also musste Ersatz für den Mann herbei, so eine Art Potemkinscher Kranführer. Aber woher nehmen und nicht stehlen?

Vor einigen Wochen übte die GRIMP den Ernstfall am derzeit höchsten Baukran auf dem Kirchberg.

Die entscheidende Schicksalswendung war eine Stunde zuvor eingetreten, als meine Wenigkeit inmitten uniformierter Einsatzkräfte in einem prall gefüllten Raum der zum Corps grand-ducal d’incendie et de secours (CGDIS) gehörenden Kaserne, nur einen Steinwurf vom Josy Barthel Stadion entfernt, an der route d’Arlon saß und eifrig Notizen kritzelte: Überwechseln vom Gebäude auf den Kran auf Höhe des fünfzehnten Stockwerks, dann über die Leitern im Innern im Zickzack-Kurz bis zum Querträger, ein zweites 200 Meter langes Seil als Back-up an der vorderen Spitze fixieren, sich ein Bild der Situation vom Dach des 25-stöckigen Rohbaus aus machen… usw. usf.

Als er mit seinen detaillierten Ausführungen über den Tageseinsatz abgeschlossen hatte, blickte Einsatzleiter André Chelius zu mir herüber, beugte sich leicht nach vorne und schaute mich über eine imaginäre Lesebrille hinweg an. „Jetzt bräuchten wir eigentlich nur noch einen Patienten…“ Die eineinhalb Dutzend Feuerwehrmänner im Saal schauten alle zu mir herüber und mir schien, als könnte ich den einen oder anderen zuckenden Mundwinkel ausmachen. Da, jetzt fingen einige an fast schamlos zu grinsen. Wie in Trance hörte ich meine eigene Stimme erklingen, wie sie unter einer hermetischen Käseglocke heraus gedämpft proklamierte: „Sieht so aus als ob ich das bin“. Es roch nach einer Mixtur aus Hypnose und Verschwörung. Kurze Zeit später waren wir am Hochhaus angekommen. Als wir aus dem 15. Stockwerk über eine schmale Brücke aus galvanisiertem Blech zum Kran überwechselten und dann die endlos vielen Sprossen in Angriff nahmen, seufzte die Stimme aus der Käseglocke: „Was machst du Schwachkopf überhaupt hier? Du hast sie ja nicht mehr alle.“

Oben angekommen, entpuppte sich die allgemeine Stimmung plötzlich als viel entspannter, als das im Parterre zu erwarten gewesen war. Die gut gelaunten Feuerwehr-Alpinisten brachten ihre Karabinerhaken und Haltegurte an, mich legten sie kurzerhand in eine Art Tragetasche mit integrierten Scheuklappen, die sie dann wie eine Kohlroulade verschnürten. „Ein Verletzter soll nicht unbedingt miterleben, wohin die Reise geht, der hat in dieser Situation nämlich schon Stress genug“, erklärte einer der Rettungskünstler und versicherte mir, dass die zwei Seile, an denen er und ich hängen sollten, eigentlich viel mehr Gewicht tragen könnten, als das jetzt von ihnen verlangt wurde. Dann hoben sie mich zu dritt oder viert, so ganz genau konnte ich es in meinem engen Nylon-Kokon nicht beurteilen, über die Brüstung und den Handlauf zum Abseilen. Und schon war es passiert, eine Traghalterung an der Seite der Bahre verhedderte sich am Geländer und meine Mumie kippte um 180 Grad, so dass ich mit dem Gesicht nach unten am Querträger über dem Abgrund baumelte. Die Männer in Dunkelblau nahmen es eher gelassen und behoben das Problem äußerst schnell und dennoch in aller Ruhe. Zu meiner eigenen Überraschung verspürte ich selbst auch keinerlei Unruhe. Irgendwie schienen meine Begleiter dermaßen unaufgeregt, dass ich zu mir selbst sagte: „Wenn die Feuerwehr meinen A… jetzt nicht retten kann, wer dann?“

Nach circa acht Stunden glitt ein harter Einsatztag am Schwenkgrill in Richtung Feierabend.

Das Abseilen an sich dauerte nur knapp zehn Minuten. An meiner Seite weilte ein Begleiter, der mir die Situation „live“ kommentierte, derweil zwei seiner Kollegen von der Straße aus die Trage an zwei weiteren Seilen weg vom Schaft des Krans bewegten, so dass die ganze Prozedur sanft und gleichmäßig ablief. Untern angekommen, boten mir die GRIMPs an, noch einmal mit ihnen zusammen emporzusteigen, um dann über den Querträger mit bis zu dessen Spitze zu laufen. Ich lehnte dankend ab, bis jetzt hatte ich – für meine Verhältnisse – einen einigermaßen souveränen Eindruck hinterlassen, hatte entgegen allen anderen Protagonisten kein schweres Gerät schleppen müssen, war demnach nichts ins Schwitzen gekommen, und das sollte gefälligst jetzt auch so bleiben. Auf der letzten Zielgerade noch mit zittrigen Knien auf halbem Weg zur Kranspitze verkrampfen und kläglich um die Mutti weinen, nein, das musste wahrlich nicht sein.

Nach circa acht Stunden glitt ein harter Einsatztag am Schwenkgrill in Richtung Feierabend und ich konnte ein paar Fragen zur Herkunft der Truppe stellen. Wie so oft in diesen Fällen, wurde die Gruppe aus der Not heraus geboren, als am 13. April 1989 ein Kranführer verunfallte und mit einer schweren Rückenverletzung aus seiner misslichen Lage gerettet werden musste. Es gab damals einen Toten und auch zwei Verletzte, und es keimte schnell das Bewusstsein, dass die urbane Entwicklung in Luxemburg sich früher oder später wie die anderer Städte in die Höhe bewegen würde. Zwar konnte die Rettungsaktion damals weitgehend ohne Seiltechnik und Absicherung erfolgreich beendet werden, aber in Zukunft wollte man sich und die Patienten nicht mehr in einer derart abenteuerlichen Manier in Gefahr bringen. Das von der Feuerwehr zu der Zeit eingesetzte Material erwies sich schnell als unzureichend, also inspirierte sich die junge Spezialeinheit an den Sportkletterern, so dass Beckengurte, Kernmantelseile und so genannte Achter – eine Abseilhilfe in Form einer Acht – schnell zur Standardausrüstung der ersten zwölf Höhenretter Luxemburgs gehörten, wie uns Yves Barthel später am Lagerfeuer erklärte. Barthel, ein Mann der schon etwas länger zum Team gehört und im Hintergrund vermutlich auch kräftig Schützenhilfe geleistet hatte, als wir diese bizarre Klettertour von der Einsatzleitung absegnen ließen und dann fast wie ein Eigentor einlochten.

Nachdem 1990 noch einige kleinere Einsätze in der Höhenrettung anstanden und die Retter im Umgang mit der Seiltechnik immer besser wurden, ward die Luxemburger Höhenrettung unter dem Namen „GRIMP“ endlich ganz offiziell gegründet. Seit diesem Tag folgten unzählige Rettungseinsätze auf Kränen, in Höhlen, wurden widerspenstige Füchse aus Erdlöchern gezerrt und anderes mit Zähnen und Klauen bewaffnetes Getier aus Bäumen oder von Hausdächern geborgen, kamen regelmäßige Schulungen und Fortbildungen in Anstalten wie dem Institut für Brand- und Katastrophenschutz (IBK) im sächsischen Heyrothsberge hinzu. Aber der Einsatz hat bekanntlich nicht nur seine romantischen Seiten. Wie der Feuerwehrmann (oder die Feuerwehrfrau) mit dem Erlebten persönlich zurecht kommt, da waren sich alle Befragten einig, das muss jeder für sich selber regeln. Als Faustregel gilt: „Am besten den Arbeitsalltag in der Kaserne lassen und nicht mit nach Hause nehmen“, wie es ein Kandidat lapidar formulierte. Etwas anderes habe ich allerdings auch gelernt: Die Ausbildung zum Höhenretter erfordert einiges an Disziplin, präzise Vorkenntnisse der möglichen Szenarien, einen scharfen und auch schnellen analytischen Geist, Nerven wie Drahtseile und wohl auch eine Menge Überwindungskraft, je nach Höhe, Tiefe oder unterirdischem Durchmesser des Einsatzortes. Es handelt sich bei dieser ganz offensichtlich solide zusammengeschweißten Truppe im Endeffekt um Sanitäter einer höheren Ebene, im wahrsten Sinne des Wortes: Florence Nigthingale am fliegenden Trapez, sozusagen. Sanitäter, die dorthin gehen, wo Sanitäter eigentlich nicht hingehen, und die einen Grad körperlicher Fitness dorthin mitbringen müssen, wo Journalisten sich aus ganz genau dem gleichen Grund (und vielen anderen) ebenfalls nicht mehr tummeln. Es war ein Privileg, einen ganzen Tag mit diesen Leuten verbringen zu dürfen. Und eine Erleichterung, dass keine zwei draus wurden.

Fotos: André Chelius, Jules Klein, Mirco Bonetti

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

Martine Decker

Login

Lost your password?