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Bröckelnde Identität

Die Gleichgültigkeit, die die ehemalige Kulturministerin Maggy Nagel dem Schutz historischer Bauten entgegenbrachte, zeigt, wie stiefmütterlich der Denkmalschutz in Luxemburg behandelt wird. Ob Xavier Bettel in seinem neuen Amt als Kulturminister daran etwas ändern wird?

Text: Anina Valle Thiele (anina.vallethiele@revue.lu) / Foto: Tania Feller/Editpress

Denkmalschutz hat in Luxemburg keine große Lobby. Wenn durch den Erhalt von Gebäuden keine Touristenscharen zu erwarten sind, hören Politik und Öffentlichkeit kaum auf ihre Argumente. Die mittlerweile geschasste Kultur- und Denkmalschutzministerin Maggy Nagel brachte ihrer eigentlich ureigenen Aufgabe so wenig Verständnis entgegen, dass böse Zungen ihr gar Zerstörungswut attestieren. An der Bewahrung des nationalen Erbes zeigte sie während ihrer Amtszeit jedenfalls wenig Interesse. Oder trug die Kollision ihrer Ämter dazu bei? Als Wohnungsbauministerin stand sie unter Druck, Wohnungen zu bauen, während sie in ihrer Funktion als Kulturministerin zugleich Gralshüterin des nationalen und kulturellen (Bau-)Erbes sein sollte – eine eher unglückliche Ämtervereinigung. Denn letztlich stand der Schulterschluss mit Investoren für Nagel an erster Stelle. Es galt die Devise: Profitable Neubauprojekte haben Vorrang vor dem Schutz historischer Gebäude.

„Eine letzte Ohrfeige für Nagel“, titelte Anfang letzter Woche das Luxemburger Wort und berichtete, dass Mitte Dezember das Verwaltungsgericht Luxemburg einen Beschluss der Ex-Kulturministerin nachträglich annulliert hatte, in dem diese sich gegen die Unterschutzstellung von fünf historisch wertvollen Sozialwohnhäusern in Diekirch ausgesprochen hatte. Nagels Beschluss, der den Weg für ein Wohnungsbauprojekt der Societé Nationale des Habitations à Bon Marché (SNHBM) vor Ort ebnete, hatte schließlich zur Abrissgenehmigung der Gemeinde für vier der fünf Häuser geführt, von denen mittlerweile schon zwei abgerissen wurden.

Der Haken: Die Ministerin hatte sich bei ihrer Entscheidung offenbar über ein Gutachten der nationalen Denkmalschutzorganisation hinweggesetzt, die sich 2012 einstimmig für die Aufnahme des Häuserensembles ins Zusatzinventar der nationalen Denkmäler ausgesprochen hatte. Das Übergehen dieses fachlichen Votums rechtfertigte Nagel bereits Anfang 2014 mit den Worten, die Häuser seien in einem so schlechten Zustand, dass eine kostspielige Sanierung nicht gerechtfertigt wäre. Am Ende wurde dann nur eines der Häuser offiziell als erhaltenswert eingestuft. Keine Ausnahme, sondern nur ein Beispiel unter vielen, das paradigmatisch dafür ist, welchen niedrigen Stellenwert der Denkmalschutz in der Amtszeit Nagels eingenommen hat.

Stehen Investoren bereit, um größere Projekte zu verwirklichen, so hat der Deal mit ihnen häufig Priorität vor Überlegungen wie denen, ob ein Gebäude einen Seltenheitswert oder etwa eine architektonische, historische oder kunstgeschichtliche Relevanz hat. Die Rechtfertigung folgt einem Standardschema: Die Sanierung der betroffenen Gebäude ist zu kostenaufwendig oder die Planung der Bauprojekte schon zu weit fortgeschritten, heißt es dann von Seiten der politisch Verantwortlichen.

So wie vor gut einem Jahr beim alten Ettelbrücker Bahnhof. In einer parlamentarischen Anfrage hatte sich selbst Nagels Parteikollege André Bauler gegen die ehemalige Kulturministerin gestellt. Ob der eventuelle Abriss des 1862 gebauten Bahnhofgebäudes keine Verarmung des historischen Erbes der Stadt darstelle, wollte er wissen.

Ein sanfter Versuch, den Abriss des historisch wertvollen Bahnhofs zu verhindern. Das geplante Bauprojekt, ein multimodaler Umsteigebahnhof mit einem mehrstöckigen Park & Ride-Gebäude, sei schon zu weit fortgeschritten, so Nagels Antwort. Zudem verwies sie darauf, dass bereits ihre Amtsvorgängerin Octavie Modert sich während ihrer Amtszeit gegen den Erhalt des Gebäudes ausgesprochen hatte.

„Die Mechanismen des Denkmalschutzes in Luxemburg stellen sich leider als unwirksam heraus“, stellt die Asbl. „Ettelbréck 21“ in einem Pressekommunikee wenig später lakonisch fest. Zusammen mit anderen Denkmalschutzvereinigungen wie den „Lampertsbierger Geschichtsfrënn“ forderte sie ein „wissenschaftliches Vorgehen, losgelöst von allen politischen Interessen und Einflussnahmen“ sowie eine „einheitliche und kohärente Vorgehensweise“ für das ganze Land.

Damit historische Gebäude nicht abgerissen werden, braucht Luxemburg ein zeitgemäßes Denkmalschutz-gesetz.

Und auch in der Hauptstadt ist es in den letzten Jahren vermehrt zu Abrissen von Jugendstilhäusern gekommen. Der geplante Abriss von zwei Belle-Epoque-Häusern in der hauptstädtischen Avenue de la Gare erzürnte im vergangenen Sommer so die Asbl. „Sauvegarde du Patrimoine“. „Die Zerstörung von historischen Bau-Kulturgütern in der Hauptstadt hat eine neue Geschwindigkeit erreicht“, stellte der Verein Anfang Juni 2015 fest.

So scheint der nationale Denkmalschutz weder irgendeine Relevanz für die amtierende Regierung zu haben, noch einer klaren Linie zu folgen. Legt man die Granada-Konvention – das wichtigste internationale Abkommen zum Schutz des architektonischen Erbes, das Luxemburg nun nach 30 Jahren endlich ratifizieren wird – zugrunde, so müssen Denkmalschutzvereinigungen und Zivilgesellschaft bei allen Planungen und Maßnahmen einbezogen werden. Bisher ist das in Luxemburg jedoch die Ausnahme.

Bislang ist der „Service des Sites et Monuments Nationaux“ in Luxemburg für den Denkmalschutz zuständig, der jedoch nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten hat, wirklich für den Schutz eines denkmalwürdigen Baus zu sorgen. Ob er überhaupt seiner Aufgabe gerecht werden kann, den nationalen Bestand unter der Vormundschaft des Kulturministeriums zu erhalten, oder nur noch ein zahnloser Tiger ist, wie viele meinen, ist unklar. Bereits im letzten Jahr hatte der LSAP-Abgeordnete Franz Fayot in der Chamber einen Vorstoß gewagt, indem er vorschlug, die Verwaltung wegen mangelhafter Funktion aufzulösen, weil die Institution keine klare Mission mehr habe.

Stattdessen schlug er vor, eine eigene und effizientere Institution zu schaffen sowie mit einem nationalen Aktionsplan und Maßnahmen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit in puncto Denkmalschutz voranzukommen. Tatsächlich ist vielen Eigenheimbesitzern in Luxemburg nicht bewusst, dass sie bei einer historischen Restaurierung ihres Hauses sowohl Beratung beim „Service des Sites et Monuments Nationaux“ erhalten als auch eine Finanzierungshilfe beantragen können.

Verglichen mit anderen europäischen Ländern hat Luxemburg auf dem Feld des Denkmalschutzes enormen Nachholbedarf. Weniger als ein Prozent (0,7%) der Gebäude im ganzen Land sind überhaupt geschützt. In anderen Ländern beläuft sich der Schutz auf zwei bis sieben Prozent. Die Denkmalschutzorganisationen „Luxembourg Patrimoine“, „Sauvegarde du Patrimoine“ und „Lampertsbierger Geschichtsfrënn“ pochen denn auch darauf, dass das wichtigste und drängendste Projekt des neuen Kulturministers ein Kulturschutzgesetz sein wird. Dieses Gesetz soll erstmals den Schutz von Denkmälern, archäologischen Stätten, beweglichen Objekten (Gemälden, Skulpturen, Möbel) und immateriellem Erbe (wie der luxemburgischen Sprache) sicherstellen.

Ein entsprechender Gesetzesentwurf sollte bereits im Dezember 2015 ausgearbeitet sein und ist seit über 15 Jahren geplant. Nun drängen die nationalen Denkmalschutzorganisationen darauf, dass der Entwurf zumindest im ersten Quartal 2016 vorliegt. Denn damit historische Gebäude im Land nicht dem Boden gleichgemacht werden, braucht Luxemburg ein zeitgemäßes und konsistentes Denkmalschutzgesetz. Über Ästhetik lässt sich gewiss streiten, doch sind einige Bauten in Luxemburg längst so symbolträchtig, dass sie das Land prägen, wie einige der Arbed-Gebäude.

Ohne den Versuch, anhand objektivierter Kriterien wie Authentizität, Architektur- und Baugeschichte und historischer Bedeutung zu bestimmen, was nicht der Mode oder wirtschaftlichen Interessen zum Opfer fallen soll, wird es nicht gehen. Nur wer sich dem Wert der eigenen Baukultur bewusst ist und diese geschichtsbewusst für spätere Generationen erhält, zeigt eine Wertschätzung für das eigene nationale Bau-Erbe.

Andernfalls schmäht man die Geschichte, besteht das Land irgendwann nur noch aus charakterlosen Neubauten und hat zumindest anhand seines Stadtbildes keinerlei Identität mehr. Da hilft dann auch kein Nation Branding mehr. In anderen Worten ausgedrückt: Alte, schöne Häuser abzureißen, die zu Luxemburgs Geschichte gehören, „ass net an der Reih“!

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Author: Philippe Reuter

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