Home » Politik & Wirtschaft » Reportagen » Brücken schlagen

Brücken schlagen

Vor siebzig Jahren wurde Luxemburg durch die Amerikaner vom Naziregime befreit. Chamberpräsident Mars Di Bartolomeo spricht über die Wichtigkeit, solche Jubiläen zu begehen und über die Bedeutung, die diese Ereignisse heute noch haben.

Vor 70 Jahren wurde Luxemburg befreit. Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, solche Jubiläen gebührend zu begehen?

Sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen ist in meinen Augen extrem wichtig. Im Zweiten Weltkrieg ging es für unser Land schlichtweg um seine Existenz. Tatsache ist auch, je weiter solche Ereignisse zurückliegen, umso größer ist die Tendenz, sie zu vergessen. Dies passiert unter anderem, weil es in Europa mittlerweile Generationen gibt, die zum Glück nie einen Krieg erlebt haben. Dass es in Europa seit 70 Jahren keinen Krieg gege- ben hat, ist dabei nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Auch deshalb ist es wichtig, an die über 10.000 Luxemburger Zwangsrekrutierten, an die Opfer der Wehrmacht, die Verbrechen in den Konzentrationslagern, die Verschleppungen und die zivilen Opfer zu erinnern, ohne die Resistenz vieler Luxemburger gegen die Besatzer zu vergessen.

Reichen Erinnerungsfeiern in Bezug auf diese Kriege aus?

Der Erste und der Zweite Weltkrieg sind zwei Dramen, bei denen es insgesamt rund 70 Millionen Tote gab. Um es bildlicher auszudrücken: Bei den Konflikten wurde einmal die Bevölkerung Frankreichs oder sogar zweimal die der Benelux-Staaten ausgelöscht. Es ist deshalb nicht nur wichtig, sich an diese Kriege zu erinnern, sondern sich auch mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen. So lange liegt dies nämlich alles nicht zurück. Hundert Jahre seit dem Beginn des Ersten Weltkriegs oder siebzig Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, das ist in dem einen Fall gerademal die Dauer eines Menschenlebens, und beim Ersten Weltkrieg das Anderthalbfache. Noch heute hat fast jeder in seiner Familie eine Person, welche in irgendeiner Form Opfer während des Zweiten Weltkriegs war.

Wird in Sachen Erinnerung genug getan. Vor allem auch in Bezug auf die Jugend?

Eigentlich kann man nie genug machen. Es gibt immer Facetten, welche noch nicht ausgeleuchtet wurden, die aber ihre Wichtigkeit haben. Zum Beispiel werden mittlerweile zaghaft die Unterschiede zwischen den zwei Weltkriegen aufgearbeitet. In beiden Fällen stand die Existenz des Landes auf dem Spiel, allerdings gibt es einen Unterschied in der Art und Weise. Der Zweite Weltkrieg war weitaus brutaler und menschenverachtender, insbesondere was Luxemburg betrifft. Heute wird ein demokratischer Meinungsbildungsprozess als normal angesehen, vor siebzig Jahren waren alle demokratischen Grundprinzipien außer Kraft gesetzt. Die Abgeordnetenkammer wurde direkt zu Beginn des Krieges aufgelöst und damit die Demokratie auf diktatorische Art und Weise abgeschafft.

Das Eingreifen im Krisenfall hat sich in meinen Augen bewährt.

Kann man Schlüsse auf das hier und jetzt ziehen?

Jubiläen sind in dreierlei Hinsicht wichtig. Ers- tens für das kollektive Gedächtnis, zweitens in Bezug auf das Verständnis für das Friedensprojekt Europa und drittens, um zu verstehen welches Schicksal heute Hunderttausende von Menschen erleiden. Die aktuellen Kriegsgebiete sind, und auch das muss man sehen, nicht so weit entfernt. Sie spielen sich an den direkten Grenzen zu der Europäischen Union ab. Wenn man die Lage in den aktuellen Krisenherden wie der Ukraine, dem Nahen Osten oder auch den Konflikten im afrikanischen Raum sieht, ist es extrem wichtig bei solchen Feierlichkeiten, wie die der 70 Jahre Befreiung, Brücken zu schlagen zwischen der Vergangenheit und aktuellen Dramen. Daraus sollte man auch die nötige Motivation ziehen, Konflikte zu lösen und Menschen in Not zu helfen und bei sich aufzunehmen. Sowie zehntausende Luxemburger zu Beginn des 2. Weltkriegs, nach der Evakuierung aufgenommen wurden. Zusätzlich sollte alles drangesetzt werden, Konflikte zu verhindern und zu stoppen. Es darf nicht sein, dass sich hinter Entschuldigungen und fadenscheinigen Argumenten versteckt wird, um zu erklären, weshalb man nur zuschaut oder sich sogar ausrechnet, was einem wirtschaftlich mehr bringt.

Wenn die Erinnerung an die Gräueltaten des 20. Jahrhunderts so wichtig sind, ist es dann nicht kontraproduktiv, die angedachte Ausstellung über den Ersten Weltkrieg zu kippen?

Die Ausstellung hätte ich persönlich auch begrüßt, allerdings steht die Verpflichtung über andere Wege dieselben Ziele zu erreichen. Der Erste Weltkrieg dauerte vier Jahre, diese Zeit – also bis zum hundertjährigen Jubiläum des Endes des Ersten Weltkriegs – bleibt, um gezielte Maßnahmen und die nötige Sensibilisierung durchzuführen.

Wäre in Ihren Augen ein Krieg inner- halb Europas noch denkbar?

Ich kann es mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Durch die Europäische Union wur- den ehemalige Feinde zu Partnern. Sicherlich gibt es die eine oder andere Unstimmigkeit in Europa, aber Kriege entstehen meistens dann, wenn man nicht mehr untereinander diskutieren will oder kann. Die Europäische Union ist der Garant, dass diese Diskussionen geführt werden, gemeinsame Projekte ausgearbeitet werden und untereinander verhandelt wird.

Die Union sollte auch deshalb erweitert werden?

Man kann natürlich darüber debattieren, ob zu viele Länder in der Europäischen Union sind. Wenn man die Europäische Union allerdings als Friedensprojekt ansieht, dann kann man das Argument von zu vielen Ländern nicht gelten lassen, schließlich stärkt jedes zusätzliche Land mit seiner Mitgliedschaft die Friedensgarantie und entfällt damit als potenzieller Kriegsherd. Statt einer NATO in der aktuellen Form könnte ich mir deshalb auch eine Art globale NATO mit allen Ländern, die es ernst mit dem Frieden meinen, vorstellen. Auch wenn solch eine Idee nicht so schnell umgesetzt wird, in Bezug auf Friedensprojekte können die Ziele gar nicht ehrgeizig genug sein.

Amerika galt lange Zeit als Weltpolizist. Müssen oder sollen die USA diese Rolle heute noch ausfüllen?

Ein Land, welches mit einem Fingerzeig einen Krieg stoppen könnte, gibt es nicht. Umso wichtiger ist es, dass zum Beispiel das Regelwerk der Vereinten Nationen eine gewichtige Rolle spielt. Bei der UNO spielt die ganze Gemeinschaft eine Rolle und muss Verantwortung übernehmen. Das Eingreifen im Krisenfall hat sich in meinen Augen bewährt. Der Konsens einen Kriegstreiber an den Pranger zu stellen, müsste allerdings verstärkt werden. Krieg mit Krieg zu bekämpfen ist zwar keine Lösung, aber ein Kriegsverursacher müsste wissen, dass er von der Gemeinschaft zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Mars Di Bartolomeo 

Der gebürtige Düdelinger arbeitete lange Zeit als Journalist bevor er 1987 für die LSAP erstmalig in den Düdelinger Gemeinderat einzog. 1989 wurde er zum ersten Mal ins Parlament gewählt. 1994 wurde er Bürgermeister der „Forge du Sud“. Der langjährige Gesundheitsminister ist seit Dezember 2013 Chamberpräsident.


Text: Hubert Morang 

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Georges Noesen

Login

Lost your password?