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„Chemo hat mich kaputt gemacht“

Wäre er zur Darmkrebsvorsorge gegangen, hätte er sich die Krankheit wahrscheinlich erspart,
weiß Richard. Doch er hat Glück im Unglück: Als sein Tumor entdeckt wird, ist er zwar schon groß, hat aber noch nicht gestreut. Seine Geschichte.

Foto: Leaf (Dreamstime)

An den Sommer 2014 erinnert er sich genau. Nicht, weil das Wetter da besonders schön war oder er eine aufregende Reise gemacht hat. Nein, es war der Sommer, in dem die Bauchschmerzen begannen. Schon morgens früh im Bett ging es los. Und dann zogen sie sich über den Tag hin. Sie kamen und gingen, immer wieder, mehrmals am Tag.

„Es waren keine kurzen Krämpfe, sondern eher starke Schmerzen, die plötzlich da waren und nach 30 bis 60 Minuten langsam verschwanden“, erzählt er heute. Hätte er damals schon gewusst, was ihm bevorstand, wäre er vielleicht verzweifelt. Doch wirklich damit gerechnet, ernsthaft krank zu sein, hatte er nicht. Obwohl ihm eine befreundete Ärztin bei einer Gartenparty schon riet, sich untersuchen zu lassen, er sähe nicht gesund aus. „Aber das war außerhalb meiner Vorstellungskraft. Ich wusste gar nicht, was Kranksein ist.“

Richard B. ist Anfang Sechzig, ein sympathischer Mann mit offenem Blick und Sinn für Humor. Dass er in Wirklichkeit anders heißt, ist ihm wichtig, er möchte seine Anonymität wahren. „Es soll hier nicht um mich gehen, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen und anderen klarzumachen, wie wichtig es ist, zur Vorsorge zu gehen. Wäre ich mit Anfang, Mitte Fünfzig zur Darmkrebsvorsorge gegangen, hätte der Arzt vielleicht einen kleinen Polypen entfernt, und es wäre gut gewesen.“

So aber, Jahre später und nach etlichen symptomatischen Schmerzperioden, findet der Arzt einen Tumor, fünf mal sechs Zentimeter groß. „Gigantisch“, sagt Richard. „Der Arzt hat bei der Darmspiegelung sofort von Krebs gesprochen. Nachdem das Gewebe untersucht worden war, hat sich das auch bestätigt. Ich war wie vor den Kopf geschlagen und wusste zuerst gar nichts damit anzufangen.“

Was dann folgte, rattert er herunter, als hätte er es auswendig gelernt: Scanner, Ultraschall, Biopsie, Lunge, Leber – er wird völlig durchgecheckt. Die Ärzte wollen so viel wie möglich über den Tumor wissen: Wie groß er ist, wo er liegt, ob er gestreut hat und wenn ja, wie weit. Richards Tumor sitzt im Enddarm, zwölf Zentimeter vom Schließmuskel entfernt. Platz genug also, um das Geschwür herausschneiden zu können, ohne den Schließmuskel zu beschädigen, was lebenslange Inkontinenz und einen permanenten künstlichen Darmausgang zur Folge hätte. Trotzdem bekommt Richard zuerst eine kombinierte Radio- und Chemo-Therapie. Erst dann wird operiert.

Die Ärzte halten sich an die internationalen Richtlinien. Die besagen, dass Karzinome in diesem Bereich immer zuerst bestrahlt und zusätzlich mit einer Chemo behandelt werden sollen. Die Therapie soll den Tumor verkleinern und eventuelle Metastasen verhindern. Bei Geschwülsten in anderen Teilen des Darms wird hingegen immer sofort operiert.

[…] zwei Wochen vor der OP bekam ich regelrechte Panikzustände.

Die Bestrahlung empfindet Richard als Klacks, er muss zwar fünf Mal die Woche in die Escher Klinik fahren, doch die Behandlung an sich macht ihm nichts aus. Anders verhält es mit der Chemotherapie: „Die ersten drei Wochen gingen noch, aber ab der vierten Woche war es richtig schlimm. Die Chemo hat mich kaputt gemacht. Ich konnte gar nichts mehr, mich nicht mehr bewegen, mir war kotzübel, ich hatte zu nichts mehr Lust.“ Und psychisch? „Das ging. Ich hatte großes Glück, dass ich darüber reden konnte. Mit meiner Frau und mit Freunden. Ich konnte da sehr viel ablassen. Ich habe erst mal allen gesagt, dass sie unbedingt zur Darmkrebsvorsorge gehen müssen.“

Sechs Wochen dauert die Behandlung, er braucht mehrere Wochen, um sich davon zu erholen. Dann steht die Operation auf dem Programm. Und Richard bekommt Angst. „Bis dahin war es mir eigentlich gut gegangen. Ich hatte immer gedacht, ich schaffe das. Doch zwei Wochen vor der OP bekam ich regelrechte Panikzustände. Ich bin nachts klitschnass aufgewacht. Und dann habe ich erst einmal alle Papiere in Ordnung gebracht, für den Fall, dass es schiefgeht.“

Doch es geht gut. Richard übersteht die Operation. 40 Zentimeter Darm werden ihm entfernt, er bekommt vorübergehend einen künstlichen Darmausgang, damit die Wunde in Ruhe verheilen kann. Und als ihm zwei Wochen später sein behandelnder Arzt sagt, dass er an diesem Krebs ganz gewiss nicht sterben wird, geht es auch psychisch wieder bergauf. „Das war wie ein Sechser im Lotto“, sagt er.

Der Befund nach der Operation bestätigt, was die Vorab-Untersuchungen schon ergeben hatten: Der Tumor hatte die Darmwand noch nicht durchbrochen, ein T3-Stadium, wie die meisten der neu diagnostizierten Darmkarzinome. Es hatte keine Metastasen gegeben. Glück für ihn, eine weitere Chemotherapie muss er deshalb nicht machen. Der Arzt empfiehlt es ihm zwar, drängt ihn aber nicht dazu. „Wenn der Arzt gesagt hätte, ich soll das unbedingt machen, hätte ich das auch durchgezogen. Aber es war kein Muss, also habe ich keine gemacht.“

An den künstlichen Darmausgang gewöhnt er sich schnell. Im Gegensatz zu vielen anderen Patienten mit einem „Anus Praeter“, wie er in der Fachsprache heißt. „Klar ist dieses Ding erst einmal unangenehm. Doch es ist eigentlich kein Problem. Man muss sich halt drum kümmern, es ordentlich sauber halten und aufpassen, dass man die Tasche regelmäßig entleert“, erklärt Richard. Er genießt vor allem, endlich keine Bauchschmerzen mehr zu haben.

Knappe zwei Jahre ist die Operation jetzt her. Nach sechs Monaten wurde der künstliche Darmausgang entfernt und Darm und Schließmuskel wieder daran gewöhnt, eigenständig zu arbeiten. Seitdem muss er aufpassen, was er isst. Fette Speisen, zu viel auf einmal und Alkohol führen zu heftigen Durchfällen. Alle sechs Monate muss er zur Kontrolle, bei der nicht nur der Darm, sondern auch Lunge und Leber auf Metastasen untersucht werden. Bislang wurden keine Auffälligkeiten entdeckt.

Richards Leben hat sich durch den Krebs verändert. Zum einen positiv: Er bringt insgesamt zehn Kilo weniger auf die Waage und hat somit sein Idealgewicht erreicht. Außerdem hat er gleich nach der Diagnose aufgehört zu rauchen, was ihm guttut, weil er sich gesünder und fitter als früher fühlt.

Ein paar negative Auswirkungen gab es auch: Sein Freundeskreis hat sich verändert. Einige Leute konnten mit seiner Krankheit nicht gut umgehen. „Ich habe immer gedacht, dass die zu 500 Prozent auf meiner Seite sind, und dann wenden sie sich ab. Ein paar haben mir nicht einmal mehr die Hand gegeben, die hatten wahrscheinlich Angst, sich anzustecken.“ Doch es gab auch andere. Menschen, von denen er nie erwartet hätte, so mitfühlend und hilfreich zu sein. Menschen, die dadurch Freunde geworden sind.

Was ihm bleibt, ist die Hoffnung, den Krebs überstanden zu haben. Und gemeinsam mit seiner Frau noch viele gute Jahre zu erleben. Seine Voraussetzungen sind gut, sie wären besser gewesen, wenn er zur Vorsorge gegangen wäre. Mit Fünfzig, so wie es in Luxemburg empfohlen wird.

Link: Interview mit Dr. Nikolaus Zügel des CHEM über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Darmkrebs.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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