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CinéCritique “Ad Astra”

Auf der Suche nach seinem Vater reist Brad Pitt in „Ad Astra“ tief ins All. Und in seine Seele. Ein grandioses Weltraum-Kammerspiel.

Roy McBride ist eigentlich gar kein Mensch. Denn Menschen machen Fehler. Er funktioniert indes wie eine Maschine. Nie geht sein Puls schneller als 80 Schläge pro Minute. Die psychologischen Checks übersteht er alle souverän. Ist stets auf das Wesentliche konzentriert. Und weil er sich derart unter Kontrolle hat, überlebt er in der Anfangsszene des Films auch den kilometertiefen Sturz von einer Weltraumantenne auf die Erde. Schuld an der plötzlichen Strahlenexplosion soll ausgerechnet der Vater des perfekten Astronauten sein, der vor Jahrzehnten auf seiner Suche nach außerirdischem Leben verschollen und nun nicht – wie offiziell behauptet wurde – tot ist, sondern weiterhin im Geheimen forscht.

Also wird der Sohn in die Galaxie losgeschickt, um den mittlerweile alten Mann wieder zur Vernunft und gegebenenfalls nach Hause zu bringen. Ähnlich wie in Joseph Conrads Erzählung „Herz der Finsternis“ und Francis Ford Coppolas Verfilmung „Apocalypse Now“ beschreibt James Grays „Ad Astra“ die Reise eines Mannes ins Ungewisse. Hin zu einem krankhaft Besessenen, den er retten soll. Clifford McBride (Tommy Lee Jones), die Legende, ist tatsächlich noch am Leben. Seine meuternde Crew hat er umgebracht. Sein früheres Leben will er auf keinen Fall zurück. Er würde sich in der Zivilisation nicht mehr zurechtfinden. Er ist der Mr. Kurtz des Films. Doch seine Figur hat auch etwas Gutes. Sie wird den unsicher gewordenen Roy McBride von seinen Dämonen befreien und ihm das Fühlen beibringen. Aus dem einsamen Roboter wird am Ende wieder ein Mensch.

Ad-Astra-Kritik-KopieHollywood-Star Brad Pitt spielt diesen Mann mit einer Mischung aus Melancholie und Liebe, die großartig ist. Obwohl man sich hin und wieder wünscht, seine inneren Monologe aus dem Off wären weniger aufdringlich, wird man nicht müde, ihn auf seiner Odyssee zu begleiten. Und dabei festzustellen, dass die Flucht auf den Mond und andere fremde Planeten gar keine Flucht vor Kriegen und Krisen oder einer konsumgesteuerten Gesellschaft ist. Denn auch im Sonnensystem kämpfen Kolonisten um förderbare Ressourcen, werden Shoppingmalls errichtet, möchten Bewohner und Gäste auf keinen Luxus verzichten. Was die Forschung betrifft, fügt Regisseur James Gray kurze Horrorszenen ein: blutrünstige Menschenaffen. Astronauten, die leblos durch den Raum treiben. Tödliche Stille. Die Vision der Zukunft in „Ad Astra“ bietet kaum Hoffnung. Die Technik wird den Menschen zwar weit führen, aber das Menschsein wird dabei auf der Strecke bleiben.

Optisch ist das Weltraum-Kammerspiel geradezu grandios. Brad Pitts meeresblaue Augen haben noch nie zuvor so traurig gestrahlt. In Schwerelosigkeit gedrehte Nahkampfszenen ähneln einem zeitgenössischen Ballett. Die im Innern des Shuttles schlafenden Astronauten hängen wie Insekten in einem Kokon. Die Bilder von Wiesen, Wasserfällen oder Wäldern an den Wänden der Ruheräume erinnern an die unmittelbare Schönheit von Planet Erde. „Ad Astra“ ist ein Film, den man unbedingt auf der großen Leinwand sehen muss. Dass die Frauenrollen darin astronomisch klein sind, weil sich alles um den NASA-Ingenieur und dessen kompliziertes Verhältnis zum Vater dreht, darf kein Kritikpunkt sein. Sogar die simple Botschaft des Films, dass man nicht ins Weltall reisen muss, um nach Außerirdischen zu suchen, da man selbst ein Außerirdischer ist, ist angesichts der spektakulären Bilder und der zutiefst beeindruckenden Entwicklung des Protagonisten verzeihlich. Ob Roy McBride weiterhin im All forschen wird? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Es ist nicht wichtig. Wichtig ist etwas ganz anderes. In der Schlussszene sieht er seine Frau (Liv Tyler) nicht mehr nur in Gedanken, sondern in Echt. Endlich.

AD ASTRA ★★★★
Regie: James Gray, mit Brad Pitt, Tommy Lee Jones, USA 2019, 122 Minuten, Kinepolis

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Philippe Reuter

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