Home » Autorevue » Clift Cleft

Clift Cleft

All jenen, die behaupten, es sei früher alles besser gewesen, sei gesagt: Fragen Sie doch mal Montgomery Clift, aus dem Zeitalter vor dem Airbag. Neulich habe ich einen sehr schlecht gealterten Film mit Marlon Brando als blondem Wehrmacht-Offizier und Montgomery Clift als gequälten, jüdischen Intellektuellen gesehen – The Young Lions. Außer Dean Martin, der (wie immer) einen versoffenen italo-amerikanischen Sänger spielte, waren alle Darsteller krass fehlbesetzt, Marlon plapperte auf Deutsch mit amerikanischem Akzent, dann Amerenglisch mit einem aufgesetzten deutschen Akzent, dann – im besetzten Paris – Französisch mit einem Mix aus so ziemlich allem außer Esperanto: Bonjour Madame, on va arrester votre fils, oh c’mon on, let go, halt! Schulze schießen… oder so ähnlich. Als er über Oswald Spengler sinierend (er ist ein Anti-Militarist) von Dino „Volare“ Crocetti über den Haufen geballert wird, purzelt er theatralisch den Abhang hinunter, bleibt an einem Baumstumpf wie „Roadkill“ liegen, fasst sich ein Herz, steigt über das Hindernis und stirbt ein zweites Mal, und zwar diesmal ein bisschen fotogener. Cut!

In der gleichen Schmonzette firmierte auch Montgomery Clift, in den Fünfzigern gehandelt als der Über-Beau aus „Tinseltown“ schlechthin und eventuell der dritte, vierte oder siebzehnte Gemahl von Elizabeth Taylor. Doch daraus wurde nix, denn Monty hatte zwei Negativ-Asse in seinem Ärmel: Erstens war er schwul – obwohl er dies über den Sarg hinaus bis in die Siebziger verbarg – und zweitens hatte er einen Autounfall am 12. Mai 1956, der seine Nase, seinen Kiefer und seine rechte Gesichtshälfte brach, was dazu führte, dass er den gequälten Introvertierten noch besser spielten konnte als vorher.

Nach einer Party bei Liz Taylor kraxelte er in seine Mühle, fuhr vom Acker und knallte in einen Baum. Anscheinend war Liz „ein Zwerg mit Titten“ (dixit Richard Burton, ihr fünfter und sechster Ehemann) als erste zur Stelle, um zwei Schneidezähne aus der Zunge zu ziehen und ihn damit vor dem Ersticken zu retten. Doch gerettet wurde er nicht, denn er zelebrierte fortan den „längsten Suizid der Geschichte“, über zehn Jahre hinweg mit Schmerztabletten und „Schnorry“, bis er endlich ausging wie eine Kerze. Clift war „cleft“.

2004 belebte der damalige Obduktionsarzt die Debatte als er der „New York Post“ den „winzigen, nicht beschnittenen Penis“ von Monty beschrieb, eine Information, die die Zeitung nur widerwillig aber im Einklang mit der Maxime des Volkes, das anscheinend ein Recht auf Information hat, kolportierte. Aber da lag das Kind schon längst im viel besungenen „Pëtz“, denn dessen Gemahlin hatte ein Jahr zuvor bereits den „kleinen und verschrumpelten“ Piepmatz des Schauspielers vor Journalisten kommentiert. Manchmal fragt man sich, ob es nicht besser ist, wenn der Airbag nicht aufgeht.

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Georges Noesen

Login

Lost your password?