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Dance Palace

Wer hat heute noch Angst vor zeitgenössischem Tanz? Niemand. Und das ist vor allem der beispielhaften Arbeit des TROIS C-L und dem Engagement seines künstlerischen Leiters Bernard Baumgarten zu verdanken.

Es gibt aufwändiger restaurierte Kulturstätten als die Banannefabrik in Bonneweg. Doch wer hier ein paar Stunden verbringt, begreift die Magie des Ortes, an dem Tag für Tag an Tanz- und anderen Kreationen gearbeitet wird. Seit 2007 leitet der Choreograf Bernard Baumgarten das Centre de Création Choréographique luxembourgeois, kurz: TROIS C-L, das sich seit seiner Gründung zu einer immer erfolgreicheren und ernst zu nehmenden Tanzschmiede entwickelt hat.

Love me tender (Lea Tirabasso) Foto: Bohumil Kostohryz

Love me tender (Lea Tirabasso)
Foto: Bohumil Kostohryz

Herr Baumgarten, wenn Sie auf die vergangenen neun Jahre zurückblicken, welchen Moment würden Sie als den wichtigsten in der noch jungen Geschichte des zeitgenössischen Tanzes in Luxemburg bezeichnen?
Es gibt mehrere Etappen. Als ich im Kulturjahr 2007, nach dem grandiosen Publikumserfolg von „Dance Palace“ gefragt wurde, ob ich bereit sei, die künstlerische Leitung des TROIS C-L zu übernehmen, sagte ich zu mir selbst: Gut, jetzt ist Schluss mit der ewigen Herumnörgelei, dass nicht genug in Sachen zeitgenössischer Tanz getan wird, nun hast Du endlich die Möglichkeit, etwas zu bewegen, also nutze diese einmalige Chance…

Damals wollten Sie lediglich ein Jahr bleiben, und nun sind es neun Spielzeiten geworden.
(lacht) Und es gibt nach wie vor eine Menge zu tun. Die Frage, die ich mir anfangs immer wieder gestellt habe, lautete: Was will ich? So begann ich, eine Liste mit möglichen Projekten, Vorstellungen, Veränderungen… zu erstellen, und dann ging es ums Abhaken. Ich habe die Liste kürzlich wiedergefunden – es waren 20 Seiten!

„Wir bemühen uns, Luxemburger Tanzstücke auf den internationalen Markt zu bringen.“ Bernard Baumgarten

Und auf die Verwirklichung von welchem Projekt sind Sie besonders stolz?
Mir war es stets wichtig, dass das TROIS C-L- ein offenes Haus ist. Nicht nur für Künstler, sondern vor allem für das Publikum. Die Leute sollen sehen, wie ein Tanzstück geboren wird, wie es sich entwickelt, wie es schließlich reif für eine Aufführung wird. Es ging also darum, sowohl die Grenze zwischen Zuschauerraum und Kulissen aufzuheben als auch die zwischen Konsument und Produzent.

Secrets (Giovanni Zazzera) Foto: Bohumil Kostohryz

Secrets (Giovanni Zazzera)
Foto: Bohumil Kostohryz

Und das ist Ihnen gelungen?
Mit grandiosem Erfolg sogar. Als wir die Veranstaltung „Le 3 du trois“ in der Banannefabrik einführten (an jedem dritten Tag eines Monats werden die aktuellen Projekte Luxemburger Choreografen oder die Arbeiten der Tanzcompagnien präsentiert, die gerade im TROIS C-L zu Gast sind, Anm. der Reaktion) haben wir nicht damit zu rechnen gewagt, dass das Interesse eines Tages derart groß sein würde, dass wir Leute nach Hause schicken müssten, was aber immer öfter der Fall ist.

Tanz in Luxemburg

Die Kunst der Choreografie kann in Luxemburg auf keine nennenswerte Tradition zurückgreifen. In den 1970er und 1980er Jahren ist Tanz auf professioneller Ebene eine reine Importangelegenheit der hauptstädtischen Theater. Die eingeladenen Gastchoreografen tragen zwar berühmte Namen, tragen jedoch kaum zur Entwicklung der einheimischen Tanzszene bei. 1985 rufen Marc Olinger, damaliger Leiter des Kapuzinertheaters, Christiane Eiffes, Tanzdozentin am hauptstädtischen Musikkonservatorium, und Normando Torres, Begründer des Brüsseler „Festival de la Grand’Place“, das Festival „Cour des Capucins“ ins Leben und geben jungen Choreografen die Möglichkeit, das traditionelle Tanzvokabular zu hinterfragen und eine andere Form der choreografischen Kunst darzubieten. Zaghaft werden auch Luxemburger Tanzstücke in das Festivalprogramm aufgenommen, so dass sich das Publikum nach und nach mit Tanz „made in Luxembourg“ vertraut machen kann.

1994 entsteht schließlich das „Théâtre Danse et Muet“ (TDM), eine Art Dachverband, der die Interessen von Tanzverbänden, Konservatorien, privaten Tanzschulen und Festivals vertritt – mit dem Hauptziel, Synergien zwischen den einzelnen Entscheidungsträgern des zeitgenössischen Tanzes und des Bewegungstheaters zu schaffen. Die Choreografen Malou Thein, Jean-Guillaume Weis und Bernard Baumgarten spielen in den ersten Produktionen des TDM von 1995 bis 2000 eine wegweisende Rolle. Die nächsten Jahre sind vor allem durch das steigende Ansehen der Tanzkünstlerin Sylvia Camarda, der in Luxemburg lebenden finnischen Choreografin Anu Sistonen und der Nachwuchstänzer Gianfranco Celestino, Tania Soubry und Anne-Mareike Hess geprägt. Zehn Jahre nach seiner Gründung hat sich das TDM zu einem Zentrum für choreografische Kreation und Produktion entwickelt, betreut Künstler in Residenz, präsentiert und verwaltet ein eigenes Veranstaltungsprogramm und dient als Informations- und Anlaufstelle für alle Tanzschaffende.

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Von ähnlichem Erfolg ist das Projekt „Les Emergences“ gekrönt, bei dem die Förderung junger und noch unbekannter Nachwuchstalente im Mittelpunkt steht…
Genau! Das Projekt wurde ins Leben gerufen, da wir wiederholt mit der Frage konfrontiert wurden: Wo bleibt die neue Generation? Es gibt hierzulande eine Reihe namhafter Choreografen und Tänzer, die regelmäßig im GTVL oder auf anderen Bühnen auftreten und auch international bekannt sind. Und es gibt zudem viele junge Leute, die ihre Studien im Ausland abgeschlossen haben, nach Luxemburg zurückkommen und nach einer Möglichkeit suchen, ihr Talent unter Beweis zu stellen. Dass ihnen nicht sogleich ein Solo-Auftritt angeboten wird, versteht sich von selbst.

Woraus genau besteht das „Les Emergences“-Projekt?
Es handelt sich um eine Art Begleitprogramm. Die Bewerber müssen die Choreografie, die sie erarbeiten wollen, zunächst einer Jury unterbreiten. Mit dem entsprechenden Budget, einer ersten Simulation und einem Modell. Das ist schon recht viel verlangt. Wird das Projekt angenommen, erhält der Kandidat 6.000 Euro für dessen Verwirklichung. Daraufhin kann er seine Kreation unter professionellen Bedingungen im TROIS C-L einzustudieren. In diesem Jahr haben wir den acht Teilnehmern sogar eine persönliche Beraterin zur Verfügung gestellt. Anne-Mareike Hess‘ Aufgabe bestand darin, einen Blick von außen auf die einzelnen Tanzstücke zu werfen und den Künstlern in theoretischer und praktischer Hinsicht zur Seite zu stehen. Darüber hinaus gab es wichtige Tipps, was die richtige Beleuchtung, die passende Kostümwahl, Dramaturgie und Autorenrechte betrifft. Und mit der Aufführung ist der Schaffensprozess dann abgeschlossen.

„Das TROIS C-L soll ein offenes Haus sein. Nicht nur für Künstler, sondern auch für das Publikum.“ Bernard Baumgarten


Und dann stehen den jungen Künstlern die Türen internationaler Bühnenhäuser weit offen?

(lacht) Wobei wir bei einer weiteren Mission des TROIS C-L wären: die Vermittlung. Wir funktionieren zwar nicht wie eine Künstleragentur, aber wir bemühen uns trotzdem, Luxemburger Tanzstücke auf den internationalen Markt zu bringen. Es reicht nämlich nicht mehr, nur mehr hierzulande aufzutreten. Darüber hinaus haben unsere Choreografen und Tänzer ein sehr hohes Niveau und sind durchaus wettbewerbsfähig.

Bei all diesen Aufgaben als künstlerischer Leiter des TROIS C-L kommt Ihre eigene choreografische Arbeit mit Sicherheit viel zu kurz, oder?
Stimmt, aber das ist halt eine Entscheidung, die man treffen muss. Meine persönlichen Projekte müssen hinten anstehen. Was allerdings nicht sehr schlimm ist, weil mir meine Arbeit als künstlerischer Leiter des TROIS C-L unglaublich viel Spaß macht. Und weil es wichtig ist, Kontakte im Ausland zu knüpfen, bin ich eben viel auf internationalen Tanzmessen und Festivals unterwegs, was erklärt, dass ich nicht mehr die Zeit habe, an eigenen Choreografien zu arbeiten.

fest (Georges Maikel Pires Monteiro, Piera Jovic) Foto: Bohumil Kostohryz

fest (Georges Maikel Pires Monteiro, Piera Jovic)
Foto: Bohumil Kostohryz

Bedauern Sie eigentlich, dass es in der choreografischen Landschaft Luxemburgs kein nationales Tanzensemble gibt?
Nein, denn wer soll bei einem solchen Ensemble mitmachen? Nur Tänzer aus Luxemburg? Geht nicht. Und wer wird Choreograf? Eine noch schwierigere Frage. Und woher kommt das Geld? Ein nationales Tanzensemble würde mehr kosten als die ganze Arbeit des TROIS C-L. Was ich mir stattdessen vorstellen könnte, ist eine Juniorcompagnie. Ein Ensemble, das sich aus Auszubildenden aus Luxemburg und der Großregion zusammensetzt, die noch keine Erfahrung haben und von verschiedenen Choreografen betreut werden. Ein solches Projekt wäre auch nicht gerade billig, aber falls man mit mehreren Partnern zusammenarbeiten würde, könnte es zu verwirklichen sein.

Zur Person: Bernd Baumgarten

Bernard-Baumgarten11964 in Luxemburg geboren, studierte Tanzpädagogik am hauptstädtischen Musikkonservatorium und an diversen Tanzzentren in Frankreich. Von 190 bis 1993 war Bernard Baumgarten Mitglied beim S.O.A.P. Tanztheater Frankfurt. Ab 1993 arbeitet er als unabhängiger Tänzer und Choreograf, gründet 1995 die Kompagnie UnitControl. Seit Oktober 2007 ist er künstlerischer Leiter des TROIS C-L.
Foto: Dominique Gaul

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Im Jahr 2005 haben Sie mehrere Monate als Gastprofessor an der nationalen Kunsthochschule in Seoul gearbeitet und Tagebuch für die „revue“ geführt. Erinnern Sie sie noch gern an diese Zeit zurück?
Oh ja. Es war eine grandiose Zeit. In Korea wird anders gearbeitet als hier. Ich hatte Schüler, deren technische Perfektion alles übertraf, was ich bisher kannte. Was ihnen jedoch fehlte, war die Fähigkeit, eigenes Schrittmaterial zu entwickeln. Sie tanzten Pina Bausch, sie tanzten William Forsythe, aber sie gingen so gut wie nie aus sich heraus. Auch gefühlsmäßig nicht. Viele konnten ihre Partner nicht mal richtig in den Arm nehmen.

Wo sehen Sie sich und das TROIS C-L in fünf oder zehn Jahren?
Nun, so toll die Banannefabrik auch ist, es handelt sich um ein Provisorium, in dem wir mitunter an unsere räumlichen Grenzen stoßen. Dazu kommt, dass der Boden der Bühne zu hart ist. Eigentlich müsste jetzt schon konkret darüber überlegt werden, was in fünf Jahren aus dem TROIS C-L wird, wenn wir ausziehen sollen. Die Gründung eines gut konzipierten „House of dance“ wäre die Lösung. Wir brauchen mehr Platz und professionellere Bedingungen. Schließlich reift ein Stück, je öfter es aufgeführt wird. Momentan gehen bis zu 90 Tänzer und Choreografen im TROIS C-L ein und aus. Aus der Hip Hop- und Breakdance-Szene wollen auch immer mehr Leute integriert werden. Die Bühne ist jedoch nicht für 365 Tage Tanz im Jahr geeignet. Demnach wäre ein neues Tanzzentrum kein Luxus. Andererseits gibt es Leute, die nicht auf einer konventionellen Bühne performen wollen, sondern die Banannefabrik mit ihren 60 Sitzplätzen einer größeren Einrichtung vorziehen. Wie dem auch sei, der Weg, den wir bislang zurückgelegt haben, ist zwar weit gewesen, aber noch sind wir nicht am Ziel angekommen. Es gibt immer noch viel zu tun, und daher wäre es schade, wenn wir gerade jetzt stehen bleiben würden.

Mehr Infos auf: www.danse.lu

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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