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Das Gleichgewicht ist aus den Fugen

Politik und Landwirtschaft tragen die Verantwortung am Vogelsterben, weiß Patric Lorgé von der Centrale Ornithologique von „natur&ëmwelt“. Aber auch der einzelne Mensch kann viel für die Rettung der Vögel tun.

Herr Lorgé, Sie haben schon mehrfach auf die Gefährdung zahlreicher Arten in der Kulturlandschaft aufmerksam gemacht und ein Umdenken gefordert. Hat sich seither etwas getan?
Politisch hat sich hierzulande noch nicht viel getan, weil auch die neue Regierung nicht den Mut fasste, den Themenbereich Landwirtschaft, Biodiversität und Naturschutz nachhaltig zu verändern. An die Europäischen Union gerichtet, gibt es die Forderung, mehr Arten- und Landschaftsschutz in die Agrarpolitik einfließen zu lassen und auch das Prämiensystem zu überdenken. Trotzdem wird in Luxemburg über die Prämien noch sehr viel Geld an die Landwirte verteilt, ohne dass dies an Natur- oder Artenschutz gekoppelt ist.

Sie fordern also vor allem ein Umdenken in der Agrarpolitik. Sind die Bauern schuld am Artensterben?
Die rezenten Statistiken des Pan-European Common Bird Monitoring Scheme (PECBMS) belegen, wo in Europa die Bestände sehr vieler Vogelarten rückläufig sind; vor allem die Arten in der Kulturlandschaft, also der landwirtschaftlich genutzten Flächen, sind am stärksten gefährdet. Dort werden die stärksten Rückgänge von bis zu 57 Prozent in ganz Europa verzeichnet. Manche Arten sind sogar vom Aussterben bedroht. Das ist auf eine nicht angepasste Landwirtschaftspolitik auf europäischer Ebene zurückzuführen. Viele Landwirte beteiligen sich an Biodiversitätsprogrammen und sorgen sich um den Erhalt unserer Kulturlandschaft und des Artenreichtums, seitens der Verbände und der Politik fehlt dieses Verständnis oft.

Mit der 2013 beschlossenen Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) sollte die Landwirtschaft in Europa ökologischer und nachhaltiger werden. Reichte das nicht aus?
Das war absolut zu wenig. Das von den Naturschutzverbänden geforderte Greening fand nicht statt, wie es erwartet worden war. Die Diskussionen über die neue Ausrichtung der europäischen Landwirtschaftspolitik werden richtungsweisend sein. Jetzt muss etwas geschehen.

Was kann auf nationaler Ebene getan werden?
Luxemburgs Landwirtschaft wird bei der EU nach wie vor als „landwirtschaftlich benachteiligtes Gebiet“ anerkannt. Wieso immer noch? Die hiesige Landwirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark verändert, die Verteilung der für viele Betriebe oft überlebenswichtigen Prämien nicht. Diese Politik der Prämienverteilung sollte jedoch viel stärker an der Nachhaltigkeit geknüpft sein als nur: Produktion und landwirtschaftliche bearbeitete Fläche. Biodiversität sollte einen höheren Stellenwert bekommen und durch Agrarpolitik besser gefördert werden. Dann könnte vieles erreicht werden.

Es gibt aber auch Schutzmaßnahmen, die getroffen wurden. Welche gibt es?
Wir haben hier in Luxemburg zwei verschiedene Programme, die in der Landwirtschaft in puncto Biodiversität angewandt werden können: Das eine sind die sogenannten Umweltagrarprogramme vom Landwirtschaftsministerium, und es sind die Biodiversitätsprogramme des Umweltministeriums. Erstere sind oft an weniger hohe Auflagen gebunden und beinhalten höhere Prämien. Die Landwirte müssen also weniger tun, um mehr Geld zu bekommen. Weshalb sie diese Programme bevorzugen. Es gibt aber eine ganze Reihe von Maßnahmen, die ergriffen werden können, wie zum Beispiel das Verbot von Pestiziden. Das Bienen- und Insektensterben ist ein großes Thema. Es betrifft uns alle. Blühstreifen sollten hierzu vielleicht angelegt werden, und Maisanlagen für die Biogasproduktion weniger gefördert werden. Es gibt also eine ganze Reihe von möglichen Maßnahmen, die ergriffen werden können, um die Biodiversität stärker zu fördern und in den Vordergrund zu rücken. Viele Landwirte wären bereit, aber es fehlt an der staatlichen Guideline. Das Budget für solche Programme im Umweltministerium ist viel kleiner als andere Budgets im Landwirtschaftsministerium. Da besteht ein Ungleichgewicht.

Vögel brauchen eine Stube, um ihr Nest zu bauen. Und sie brauchen eine Küche, um Futter zu finden.

Wurde seitens des Umweltministeriums zu wenig unternommen?
Das Umweltministerium hat in den letzten fünf Jahren positive Impakte gesetzt, so konnte auch sein Budget erhöht werden, um Schutzprogramme zu fördern. Letztere zeigen, dass sie etwas bewirken und dass sich Bestände verschiedener Arten wieder erholen können. Es gibt eine ganze Reihe guter Beispiele. Jeder sollte den positiven Naturschutzgedanken in den Vordergrund stellen und konsequent daran arbeiten, das Artensterben zu stoppen, anstatt immer zu jammern und das Verschwinden der Insekten und Vögel zu beklagen.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Insekten- und Vogelsterben?
Vögel brauchen eine Stube, um ihr Nest zu bauen. Und sie brauchen eine Küche, um Futter zu finden. Wenn in der Kulturlandschaft Hecken und andere kleinparzellige Lebensräume verschwinden, haben die Vögel keinen Platz mehr zum Brüten. Wenn die Felder intensiver bewirtschaftet werden, haben Bodenbrüter keine Zeit, um ihren Nachwuchs großzuziehen. Wenn es keine Blumen gibt, gibt es keine Insekten und die Vögel haben nichts mehr, um ihre Jungen zu füttern. Mittelfristig gehen dadurch die Bestände zurück. Auch andere Insekten fressende Tierarten wie zum Beispiel der Igel sind vom Insektensterben gleichermaßen betroffen.

Gibt es zu wenige Schutzzonen?
Die Naturschützer fordern die Ausweisung von Schutzzonen. Es wurden noch nie so viele ausgewiesen wie in den vergangenen fünf Jahren. Andererseits wurde durch einen Gerichtsbeschluss das großherzogliche Reglement zur Ausweisung von sechs EU-Vogelschutzgebieten gekippt. Diese müssen nun dringend erneut ausgewiesen werden.

Wie sieht es aus mit der Wiederansiedelung von Arten, die hier verschwunden waren?
Es geht nicht darum, Tiere hier wieder anzusiedeln, indem man sie an einem Ort aussetzt. Die Philosophie des Ministeriums ist klar die Wiederherstellung der Lebensräume und deren Schutz, damit diese Arten wieder von selbst zurückkehren. Ein Beispiel ist der Weißstorch, der in Luxemburg nie gebrütet hat, weil für ihn geeignete Lebensräume fehlten. Durch die Renaturierung der Alzette zwischen Schifflingen und Noertzingen (Dumontshaff) auf fast zwei Kilometern wurden neue Lebensräume geschaffen und landwirtschaftlich nutzbare Flächen erhalten. Mittlerweile brütet der Weißstorch in dem Gebiet. Das zeigt, dass wenn man Lebensraumschutz betreibt, bedrohte Vogelarten sich wieder ansiedeln und langfristig überleben können.

Welche Arten sind dies?
Arten, die in den 70er und 80er ganz stark vom Aussterben bedroht waren wie Uhu, Wanderfalke, eben der Weiß-, aber auch der Schwarzstorch oder der Graureiher, diese Arten wurden durch die Vogelschutzrichtlinie aus dem Jahr 1979 europaweit geschützt. Dank der Ausweisung von Schutzgebieten und gezielter Schutzprogramme haben sich die Bestände der allermeisten dieser Arten erholt. Uhu und Wanderfalke sind beispielsweise auf der Roten Liste nicht mehr als bedroht eingestuft.

Und welche Arten sind besonders bedroht?
In den letzten zehn Jahren sind einst häufige Arten wie Feldlerche, Kiebitz, Rauchschwalbe oder Haussperling im Bestand rückläufig, sie sind mittlerweile auf der Roten Liste zu finden. Das zeigt, dass allgemein in der Landschaft das Gleichgewicht aus den Fugen geraten ist. Das bereitet vielen Leuten Sorgen.

Der Mensch muss also eingreifen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen?
Wir benutzen unseren Lebensraum und unsere Ressourcen viel zu stark. Der Overshoot-Day, jener Tag, an dem wir in Luxemburg unsere natürlichen Ressourcen für ein Jahr aufgebraucht haben, ist mittlerweile schon im Februar. Wir haben hier einen enormen Landverbrauch. Wir bauen Straßen, Industriezonen

…zugleich besteht der Druck im Wohnungsbau…
…und der Lebensraum der Tiere wird immer geringer. Ebenso die landwirtschaftlich nutzbare Fläche. Der Druck auf die Landwirte nimmt ebenfalls stark zu. Durch eine in meinen Augen falsche Förderung führt dies zu einer intensiveren Nutzung. Wenn man den Lebensraum für die Natur und für die Landwirtschaft erhält, entsteht eine Win-Win-Situation. Das können die öffentlichen Stellen so steuern, dass Landwirtschaft und Naturschutz miteinander Hand in Hand gehen und jeder Einzelne von uns kann dazu beitragen.

Was empfehlen Sie dem einzelnen Bürger? Was kann er für den Vogelschutz tun?
Indem er beim Einkaufen auf lokale Produkte achtet oder auf welche aus der biologischen Landwirtschaft zurückgreift. Wenn er einen Garten hat, kann man diesen auf natürliche Art erhalten und pflegen, denn fährt man durch die Dörfer, sieht man viele moderne Residenzen mit Steingarten vor dem Haus ohne jegliches Grün. Wenn wir wollen, dass die Obstwiesen um unsere Dörfer erhalten bleiben, müssen wir das Obst und können so dafür sorgen, dass der Lebensraum für Mensch und Natur erhalten bleibt.

Fotos: Patric Lorgé, Philippe Reuter

Patric Lorgé
Jahrgang 1974, beobachtet seit seinem zehnten Lebensjahr Vögel. Zwischen 1998 und 2014 leitete er hauptamtlich die Centrale Ornithologique von „natur&emwelt“. Seit mehreren Jahren ist er unter anderem verantwortlich für die Internetplattform ornitho.lu und leitet die Arbeitsgruppen Feldornithologie und Beringung. Lorgé ist zudem Co-Autor des Buches „Vögel Luxemburgs“.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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