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Das Leben ist bunt

Schwarz mag wohl die beliebteste Farbe für Modekollektionen und Autokarosserien sein, aber Kinderbuchautorin Mireille Weiten-de Waha zieht Knalliges vor – sehr zur Freude ihrer jungen Leser.

s gibt immer mehr Menschen, die sich weigern, irgendwann endgültig erwachsen zu werden. „Na und?“, würde Mireille Weiten-de Waha wahrscheinlich fragen. Nur wer sich die Neugier und eine gewisse Naivität der Kindheit bewahrt, ist für die Zukunft gerüstet. Zwar trägt die Kinderbuchautorin schon lange keinen Strampelanzug mehr, und dass sie Verantwortung übernehmen kann, hat sie als zweifache Mutter und ehemalige Präsidentin des „Lëtzebuerger Schrëftsteller Verbands“ (LSV) ausreichend bewiesen, trotzdem kann man sie sich zur Faschingszeit in einem Bugs-Bunny-Kostüm vorstellen.

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Als sie mit Tochter Chiara schwanger geht und zwei Monate lang wegen Frühwehen das Bett hüten muss, beginnt Mireille Weiten-de Waha mit dem Schreiben ihres ersten Märchens. Doch nach der Geburt verschwindet die Geschichte des kleinen Löwen, der sich im Schloss seiner Eltern zu Tode langweilt, unbedingt fliegen lernen möchte, sich mit einer hinterlistigen Krähe auf einen dummen Handel einlässt und fast ums Leben kommt, in der Schublade ihres Schreibtischs. Erst vier Jahre später kramt die Autorin das in Versform geschriebene Manuskript wieder hervor, schreibt die Geschichte in Prosa um und bittet ihren Mann Marco Weiten, die Abenteuergeschichte zu illustrieren. „Klenge roude Léiw“ kommt 2006 im Eigenverlag heraus, wird mit dem Kinder- und Jugendliteraturpreis „De Fiischen“ ausgezeichnet, in mehrere Sprachen übersetzt – kurzum: ein toller Erfolg.

„ Ech loossen ëmmer nees Situatiounen a meng Geschichten afléissen, aus deenen d’Kanner eppes léiere kënnen.“ Mireille Weiten-de Waha

Seitdem ist Mireille Weiten-de Waha, die bereits im Normalzustand über mindestens drei Mal mehr Energie und Arbeitswut verfügt als ein ganz gewöhnlicher Mensch, kaum noch zu bremsen. Es folgen „Kouhandel mat der Wiederhex“, „Starallüren um Krautmaart“, „Op der Sich no der Mëllechstrooss“ und „Schwamm mat de Séipäerd“. Was sämtliche Geschichten gemein haben: Fantasie. Damit trifft die 1967 in Bettemburg geborene Autorin genau den Nerv junger Leser.

Kinder wollen nicht von jemandem mit erhobenem Zeigefinger unterhalten werden, Kinder möchten in Welten eintauchen, in denen sie Purzelbäume schlagen dürfen. Dennoch sind Mireille Weiten-de Wahas Erzählungen pädagogisch wertvoll. „Ech loossen ëmmer nees Situatiounen afléissen, aus deenen d’Kanner eppes léiere kënnen.“ Dass, zum Beispiel, nicht alles Gold ist, was glänzt. Oder dass nicht alles entweder schlecht oder gut, niemand perfekt und vieles eine Frage der Perspektive ist. Klingt in den Ohren von Erwachsenen ziemlich klischeehaft, aber Fünf- bis Neunjährige denken halt anders. Für sie ist es keine Selbstverständlichkeit, dass auf Regen Sonnenschein folgt oder dass die besten Freunde nicht immer diejenigen sind, die den schönsten Rucksack besitzen oder am lautesten brüllen können. Werte wie Vertrauen und Hilfsbereitschaft zu vermitteln, ist Mireille Weiten-de Waha ungemein wichtig. „Ech ginn dacks a Schoulklasse virliesen.“ Dort erlebt sie „live“, wie die Kinder auf ihre Geschichten reagieren, was ihnen gefällt, worüber sie am meisten lachen. Nach einer solchen Begegnung fühlt sie sich wie neugeboren. „E Kand, dat begeeschtert ass, ass am Fong dee schéinste Merci.“ Besonders stolz ist die Autorin natürlich auch auf das Schloss, das vor fünf Jahren im Bettemburger Märchenpark eingeweiht wurde und die Geschichte des „Klenge roude Léiw“ nicht nur nacherzählt, sondern auf einmalige Art und Weise auch unsterblich macht.

Ob sie gelegentlich auch mal einen Gang tiefer schalten kann? Mireille Weiten-de Waha lacht. „An der Vakanz.“ Dann darf sie nicht schreiben und ihr Mann nicht zeichnen. Zuhause sei das Abschalten, wenn man im Team arbeitet, eben schwierig. Oft wird schon am Frühstückstisch über Details diskutiert. Sogar Tochter und Sohn reden mit. Eine neue Geschichte wartet derzeit auf einen Verleger. „Et geet ëm d’Chrëschtkëndchen, dat streikt.“ Weil es nicht länger mitansehen möchte, wie Eltern ihren Kindern alles Mögliche, nur keine Zeit schenken. Wäre doch eher eine Geschichte für Erwachsene, oder? Die Autorin zuckt mit den Achseln. Eigentlich sind alle ihre Märchen auch für ältere Leser bestimmt. „Elo si mir nees bei der Saach mam Kand sinn a Kand bleiwen.“ Richtig. Erich Kästner hat Recht gehabt mit seiner Behauptung: „Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.“

Mireille Weiten-de Waha

1967 in Bettemburg geboren, besucht Mireille de Waha das Lycée Hubert Clement und das Lycée technique in Esch/Alzette. Nach diversen Erfahrungen im administrativen Bereich arbeitet sie derzeit in Teilzeit in einem Altenheim und widmet sich in ihrer freien Zeit der Schriftstellerei. Das Amt der LSV-Präsidentin legt sie 2014 ab. Mireille de Waha ist mit dem Illustrator und Maler Marco Weiten verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder und lebt in Differdingen.

Fotos: Alain Rischard/Editpress

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Georges Noesen

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