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Das Stigma muss ein Ende haben

Stigmatisierung und Diskrimination gehören für viele HIV-positive Menschen zum Alltag. Sie sind oft die Folge von Ignoranz und der Tabuisierung des Themas. Nur durch Aufklärung ist eine Veränderung des gesellschaftlichen Bildes möglich.

Fotos: Anne Lommel, seekeaw (Fotolia)

„Woher hast du es?“ Das war die erste Frage, die seine Mutter ihm am Telefon stellte, als der damals 31-jährige Steve* ihr unter Schock die HIV-Diagnose mitteilte. „Anschließend rannte sie zum Hausarzt. Sie war schockiert, aber nur weil sie Angst hatte, selbst infiziert worden zu sein. Was ja absolut unrealistisch ist.“ Heute findet der 40-Jährige die Situation einfach nur lächerlich. Damals stand er alleine da. „Nicht ein einziges Mal hat sie gefragt, wie es mir geht.“ Von ihm abgewandt hat sich seine Familie zwar nicht. Aber das Thema bleibt ein Tabu oder zumindest etwas, über das nur wenig gesprochen wird. Steve hat den Schritt gewagt und sich für ein HIV-Outing entschieden. „Ich war in Panik. Ich musste mit jemandem reden“, erinnert er sich. „Ich erhoffte mir ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Leider war dem schlussendlich nicht so.“

Viele HIV-positive Menschen leiden heute eher an den Folgen ihrer Diskriminierung als an der Infektion selbst. „Ja, HIV-Phobie gibt es noch immer bei einigen“, betont Sandy Kubaj, chargée de direction bei der HIV Berodung der Croix-Rouge luxembourgeoise. Die Angst, ausgegrenzt und abgestoßen zu werden, mit einem glühenden Eisen für immer gebrandmarkt zu werden, ist so groß, dass manche sich regelrecht eine Art Doppelleben aufbauen. „Meine Kinder wissen nichts“, verrät die 41-jährige Sandra*. „Ich habe Angst vor ihrer Reaktion.“ Erst vor anderthalb Jahren hat sie von ihrer Infektion erfahren. Schnell wurde ihr allerdings bewusst, dass Schweigen für sie die beste Lösung ist – und das obwohl ihr Lebenspartner auch HIV-positiv ist. „Es wird von den Leuten schlecht aufgenommen. Das hat mich enttäuscht und ich habe entschieden, nicht mehr darüber zu reden.“ Heute leben die elf- und zwanzigjährigen Kinder bei Sandras Mutter. Auch diese weiß nicht Bescheid. Zu groß bleiben die Unsicherheit und die Angst. „Ich traue mich nicht, ihr davon zu erzählen, aus Angst sie könne meinen Kindern ein schlechtes Bild von mir vermitteln.“

Eine Studie der Deutschen AIDS-Hilfe aus dem Jahre 2012 beweist, dass 77 Prozent der Befragten Diskriminierungen erlebt haben. Das reicht von Beleidigungen bis hin zu tätlichen Angriffen. Erschreckend. Auch hier in Luxemburg ist es nicht immer einfach sich zu outen. „Manche finden, dass es hierzulande besonders kompliziert ist“, verrät Laurence Mortier, Psychologin bei der HIV Berodung der Croix-Rouge luxembourgeoise. „Wir leben hier in einer Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt. Es ist also nicht einfach darüber zu reden.“

Der 51-jährige Chris* ist seit 26 Jahren HIV-positiv und hat kein Problem, darüber zu reden. Ablehnung hat er nur wenig verspürt, doch er gibt zu, sich einen Schutzpanzer angeeignet zu haben. „Ich kann verstehen, dass manche nicht darüber reden wollen“, sagt er, „aber schlussendlich ist es eine geistige Entlastung.“ Ganze fünf Jahre hat es gedauert, bis er sich seinen Eltern anvertraute und sie über seine Infektion aufklärte. Das war aber nicht der schwierigste Punkt. Wenn es um Liebesbeziehungen geht, zeigt sich der eher taffe Chris viel zurückhaltender. „Ich verrate es nicht systematisch. 26 Jahre lebe ich jetzt mit dem Virus, aber wenn es um Liebesbeziehungen geht, fällt es mir schwer darüber zu reden. Am Anfang der Beziehung auf jeden Fall.“ HIV-positive Menschen und Liebesbeziehungen sind meist kein unkompliziertes Thema. „Manche möchten lieber eine Beziehung mit einem HIV-positiven Partner aufbauen. Andere nicht. Da gibt es keine Regel“, weiß Laurence Mortier. „Die meisten Paare kommen aber mit der Situation gut zurecht.“ Liebe kennt bekanntlich keine Grenzen. In der Arbeitswelt sieht das ein bisschen anders aus. Hier sollte man vor allem Richtiges von Falschem unterscheiden können.

„Es besteht absolut keine gesetzliche Verpflichtung, eine HIV-Infektion seinem Arbeitgeber mitzuteilen“, möchte Sandy Kubaj klarstellen. „In einer Vertrauensbeziehung kann man offen darüber reden. Es gibt aber auch Fälle, in denen Personen nach einem Outing von ihrem Arbeitgeber entlassen wurden. Natürlich unter einem falschen Vorwand.“ Das ist schwer nachzuweisen. Die Betroffenen ziehen sich häufig lieber zurück, als dass sie für ihre Rechte kämpfen. Es besteht übrigens auch keine Pflicht, eine HIV-Infektion dem Betriebsarzt zu verraten. Das Antidiskriminierungsgesetz verbietet den Arbeitgebern, einen HIV-Test einzufordern. In den Köpfen vieler Menschen ist der HI-Virus immer noch eine tödliche Krankheit und sind Infizierte höchst ansteckend. Andere sind überzeugt, dass Menschen mit HIV generell häufiger krank sind als ihre Kollegen, verschiedene Berufe nicht ausüben können oder dürfen.
„So ein Quatsch“, meint Steve*. „Ich bin nicht krank und auch nicht ansteckend.“ Er trägt zwar den HI-Virus in seinem Körper doch dank der richtigen Therapie ist er nicht ansteckend. Ein Wissen, das in der Gesellschaft noch kaum verbreitet ist, obwohl es medizinisch seit 2008 bekannt ist. „Grundsätzlich sind HIV-positive Menschen nicht krank“, möchte Laurence Mortier klarstellen. „Sie leben mit einem Virus. Man spricht von einer chronischen Infektion. Bei einer erfolgreichen Therapie befindet sich die gemessene Virenmenge im Blut unter der Nachweisgrenze“, weiß die Psychologin. „Das bedeutet, der Virus kann sich nicht mehr verbreiten. Er ist wie eingesperrt. Das heißt, dass dann keine Ansteckung möglich ist.“

Auch im medizinischen Bereich erleben Menschen mit HIV-Infektion Diskriminierungen und Ablehnung. Manche Ärzte reagieren mit unnötigen Risiko- und Hygiene-Maßnahmen. „Uns hat eine Person erzählt, ein Zahnarzt hätte ihr einen Besuch in seiner Praxis verweigert, weil sie HIV-positiv ist“, verrät Sandy Kubaj von der HIV Berodung. Der Psychologin Laurence Mortier sind andere Fälle bekannt, wo HIV-Patienten grundsätzlich den letzten Termin des Tages erhielten. „Unglaublich! Die Standardhygienemaßnahmen, die bei allen Patienten notwendig sind, reichen völlig aus.“

Alle diese Diskriminierungen sind heute noch Realität. In vielen Lebensbereichen und auf vielfältige Weise werden HIV-positive Menschen immer noch als Bürger zweiter Klasse behandelt. In verschiedenen Ländern gibt es sogar Einreisebeschränkungen für Reisende mit HIV, anderswo werden Leute aufgrund der Übertragung von HIV zu Haftstrafen verurteilt. Und immer noch gibt es Vorbehalte und Schuldzuweisungen. Fortschritte gab es in den letzten 30 Jahren in Sachen Prävention viele, aber es gibt noch viel zu tun, um Vorurteile komplett abzubauen.

Mehr Informationen: www.aids.lu
hivberodung@croix-rouge.lu
Tel.: HIV Berodung Croix-Rouge: 2755-4500

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

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Author: alommel

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