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Das süße Leben er-fahren

„Dolce Vita“ – unter diesem Motto radelten fünf Luxemburger von der Toskana bis in die Ewige Stadt. Ein Erfahrungsbericht.

Mit dem Rad von Siena nach Rom über den legendären Pilgerweg „Via Francigena“. 305 Kilometer über größtenteils unbefestigte Straßen. Fünf Tage im Sattel mit einem Schnitt von rund 60 Kilometern pro Tag, gewürzt mit durchschnittlich 930 Höhenmetern. Diese Reise wollte ich schon immer mal angehen und mit etwas Training und dem Verlust von einigen Kilos müsste dieses Unterfangen doch zu schaffen sein.

Als das Vorhaben im Bekanntenkreis die Runde machte, fanden sich schnell genug Gleichgesinnte, vor allem weil diese Reise im Vorfeld äußerst verlockend klang: Entspannt frühstücken, dann losradeln. Grandiose Landschaften, Land und Leute im Ferienmodus aufsaugen. Reichlich Espresso-Pausen einlegen. Pasta-Stops nutzen, um den Kohlenhydratspeicher aufzufüllen und wieso nicht das ein oder andere „Gelato“ verspeisen. „Dolce Vita“ eben.

Der historische Pilgerweg „Via Francigena“ führt auf seiner ganzen Länge von England über Frankreich und die Schweiz nach Italien.

Dass ich mich kurz vor Abreise bei einem Sturz Prellungen an Knie und Ellbogen zuzog, machte die Sache nicht einfacher. Prophylaktisch ließ ich das traditionelle Mountainbike zuhause. Mein Elektro-unterstützte Mountainbike würde den angenehmen Nebeneffekt haben, dass mir das Fotografieren während der Reise leichter fallen würde. Für das Abfahren der Strecke muss die zugesandte GPX-Datei ausreichen, denn einen lokalen Tour-Guide haben wir nicht gebucht. Einige Erfahrung mit dem Abfahren von Strecken via Navigationsgerät hatte ich im Gepäck und nicht zuletzt weiß der Volksmund, dass eh alle Wege nach Rom führen.

Tag 1 : Siena – San Quirico (63,7 km – 1.048 Höhenmeter)

Bei angenehmen (noch trockenen) 20 Grad verlassen wir Siena. Zu unserem Mini-Peloton gehören 2 Gravel Bikes und 3 E-Mountainbikes. Yvette und Rom (Namensvetter) haben sich für pure Muskelkraft auf ihren Querfeldeinrädern entschieden. Wim will sein E-MTB nur mit absolut minimaler Batteriehilfe nach Rom (die Stadt) bewegen. Martine, aus Gesundheitsgründen, fährt zu 100% Elektro. Ja und ich? Am ersten Tag verlasse ich mich ganz auf meine Batterie, das Knie schmerzt und das anspruchsvolle Terrain wäre für mich ganz ohne E-Hilfe nicht zu schaffen. Außerdem sagt der Wetterradar einen mehr als ungemütlichen Tag, samt Gewitter und Starkregen, voraus.

F91A1648-2Kurz nach dem Start müssen wir die „Piazza del Campo“, den Dom samt wunderschöner UNESCO-Altstadt links liegen lassen, denn das eigentliche Rad-Abenteuer beginnt am Stadtrand. Endlose „Strade Bianche“, diese legendären, unbefestigten, staubigen, weißen Straßen, die durch das traditionelle „Eroica Event“ und UCI Profirennen mittlerweile weltweiten Ruhm erlangt haben, werden uns so manches abverlangen. Der historische Pilgerweg „Via Francigena“ führt auf seiner ganzen Länge von England über Frankreich und die Schweiz nach Italien. Geschichtsträchtiger Boden, denn der Frankenweg ist identisch mit der alten Römerstraße „Via Cassia“ – an einigen Stellen nutzen wir sogar das gleiche Pflaster, wie die Römer vor zweitausend Jahren.

Landschaftlich wird die Gegend durch sanfte, oft karge Hügel, Olivenhaine, Haselnussplantagen, Felder und lichte Laubwälder bestimmt. Dass vulkanische Aktivität das Aussehen dieser Gegend mitbestimmt hat, merkt man an den heißen Quellen und Vulkanseen, die wir passieren. Der Regen an den vorangegangen Tagen hat den Staub und die Steinchen in eine braune klebrige Masse verwandelt, Rutschgefahr inklusive. Zudem kommen kurze hochprozentige Steigungen ohne Grip mit halsbrecherischen Abfahrten dazu. Nach den ersten knappen fünfzehn Kilometern zwingen uns bedrohliche Wolken zu einer kleinen Streckenabweichung ein. Ein schützender Unterschlupf muss schnellstens her. Kurzes Handygespräch und wir steuern die „Casa Bolsinina“, ein kleines Landhotel oberhalb Monteroni, das ich seit 20 Jahren bei meinen Urlaubsaufenthalten als „Basislager“ für meine ausgedehnten Mountainbike Touren nutze, an.

F91A1088Wir werden pausenlos, trotz modernster Federung und Technik, kräftig auf den waschbrettartigen Staub-Matsch-Pisten durchgeschüttelt. Nach einer Stunde weiß man nicht mehr so recht, wie und wo man den Lenker noch greifen soll, die Finger werden zusehends tauber. Der Anstieg zur Casa ist steil, mit Regenfurchen und Bodenwellen durchzogen und das Hinterrad findet nur schwer Halt. Kaum haben wir die überdeckte Terrasse erreicht, da scheint die Welt unterzugehen. Die Temperatur fällt ruckartig und der Regen prasselt mit Getöse nieder.

Maria Pia und Marcello, die Hotelbetreiber, verwöhnen uns mit leckeren lokalen Spezialitäten. Die angeregten Gespräche und gute Stimmung lassen uns Zeit und Unwetter vergessen. Wir müssen aber weiter, ob wir wollen oder nicht, schließlich gilt es noch 40 Kilometer bis San Quirico zu bewältigen.

Wir nutzen eine kurze Regenpause, um wieder in den Sattel zu steigen. Keine 10 Kilometer weiter im pittoresken Buonconvento erwischt uns die nächste Regenfront. Von jetzt an heißt es nur noch durchkommen, der Regen peitscht dermaßen auf uns ein, dass man nichts mehr von der Landschaft sieht, nur noch versucht die Route auf dem Garmin zu entziffern, dem Hinterrad des Vorausfahrenden zu folgen. Was kommen musste kommt, Yvette rutscht weg, stürzt ins hohe Gras, kullert eine Böschung hinunter, bleibt nach drei Metern an einem querliegenden Baum hängen. Sie versichert uns zwar, dass alles in Ordnung sei, doch ihr schmerzverzerrtes Gesicht lässt mich anderes vermuten.

Erst nach zwei Stunden hört der Regen ruckartig auf, die Temperatur steigt, Nebelbänke wabern über den Tälern, fast wie in den Tropen. Meine Foto-Ausrüstung ist feucht, ich habe Bedenken, ob sie diese Rüttelpartien und Nässe überstehen wird. Dann kommt die letzte lange Steigung bis zum Hotel. Mein GPS zeigt nur noch zwei Kilometer an und dann mit einem Ruck ist die Batterie leer. Absteigen und zu Fuss gehen so kurz vor dem Ziel ist keine Option für mich. Also kämpfe ich mich Meter für Meter mit meinem „Panzer“ die letzte Rampe hoch. Da nützt auch die tolle Szenerie in San Quirico nichts mehr, ich will nur noch so schnell wie möglich unter die Dusche.

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Tag 2: San Quirico d’Orcia – Proceno (60 km – 1.381 Höhenmeter)

Heute sieht die Welt schon anders aus. Die Sonne scheint, es ist zwar noch recht frisch, aber mit etwas Glück war es das mit dem Regen für den Rest unserer Reise. Das vorzügliche Abendessen und die geruhsame Nacht lassen mich heute recht euphorisch an den Start gehen. Ich bin fest entschlossen, das Missgeschick vom Vortag zu vermeiden und regele den Batterie-Sparmodus runter.

F91A1433Auch die Landschaft entlohnt für die Mühen vom Vortag. Hinter jeder Kurve, hinter jedem Hügel, entdecken wir spektakuläre Aussichten. Postkartenmotive egal wo man hinschaut, das Val d’Orcia hat es wahrlich in sich.

Die meisten Höhenmeter sammeln wir heute nach Radicofani hinauf. Als das mittelalterliche Proceno, unser Tagesziel, am späten Nachmittag in der Ferne auftaucht, bin ich heilfroh, dass noch ein Licht an meinem Batterie-Display leuchtet. Wir übernachten zentral in der Dorfmitte, einem restaurierten Schloss mit angeschlossenem Gastronomie-Restaurant. Sichtlich erleichtert kehre ich heute die Reihenfolge um, erst das Bier, dann die Dusche.

Tag 3: Proceno – Viterbo (60,6 km – 843 Höhenmeter)

Los geht es mit einer langen, schnellen und kurvenreichen Abfahrt bis wir urplötzlich vor einem steilen Berg stehen, der uns alles abverlangt. Auf dem falschen Fuß erwischt könnte man sagen, ich fahre im Zickzack, um nicht umzukippen und mein Elektromotor bedankt sich mit hohem Summton. Ansonsten Stille. Ich schäme mich ein bisschen, als ich in hoher Trittfrequenz an Yvette vorbei kurbele. Sie ringt nach Atem und ihre Rippen scheinen immer noch vom Sturz am ersten Tag zu schmerzen. Der Anstieg wird auch mit den E-Bikes zur Bewährungsprobe. Oben angekommen, warten wir, bis wir wieder vollzählig sind. Ein Prozedere, das sich an diesem Tag mehrmals wiederholt.

F91A2087Der Lago Bolsena ist nochmals ein echtes Highlight. Danach werden die Wege zusehends schlechter. Des Öfteren wechseln wir auf die Überlandstraßen mit ihrem dichten Verkehr, um den nächsten Offroad-Abschnitt zu erreichen. Der Originalweg ist stellenweise keine Option, weil es nicht mehr ist als ein ausgewaschener Esels-Trampelpfad. Weiter geht es durch endlose Industriezonen und Ausfallstraßen ins Zentrum von Viterbo, wo unser Hotel liegt. Der nervige Lärm verschwindet erst, als sich die Zimmertür hinter mir schließt. Unter der Dusche bemerke ich, dass ich mich mittlerweile beschwerdefrei bewegen kann und das Knie kaum noch schmerzt. Die abnehmbare Batterie vom E-Bike verrät mir, dass ich noch ausreichend Reserve gehabt hätte. Also werde ich morgen versuchen mit 50 Prozent Manpower zu fahren.

Tag 4: Viterbo – Campagnano di Roma (68,8 km – 957 Höhenmeter)

Die Anfangskilometer aus Viterbo raus sind nicht gerade sexy. Etliche Umleitungen wegen Baumfällarbeiten zwingen uns über matschige Feldwege entlang der Autobahn Florenz-Rom. Es gibt nicht viel zu sehen, wenigstens stimmt die Richtung.

F91A2327Endlose Schlaglöcher, gefüllt mit Riesenpfützen, werfen immer wieder die Frage auf: „Soll ich durchfahren oder mich doch lieber am Schlammrand durchwuseln“. Zügig kommen wir nicht voran und Rom und Yvette haben ihre liebe Müh, die Gravel-Bikes auf Kurs zu halten, denn das Profil der schmalen Reifen verklebt im Nu. Nachdem Yvette das Vorderrad wegrutscht und sie im Gras landet, haut es Rom in der folgenden tiefen Sandpassage vom Rad.

Wir sammeln Vetralla, Capranica, Sutri, Campagnano ein. Alles Ortschaften, an denen der Zahn der Zeit sichtlich genagt hat und die nur noch wenig Charme versprühen. Diese Region, wie so viele in Italien, wurde mittlerweile abgehängt. Die anhaltende Wirtschaftskrise ist hier auf Schritt und Tritt sichtbar, was aber nicht heißen will, dass die Menschen hier unfreundlich oder nicht hilfsbereit wären. Im Gegenteil. Die Via Francigena ähnelt hier in weiten Teilen einer Enduro-Strecke, voll gepflastert mit entsorgtem Bauschutt. Mal kleine, mal große Splitterteile. Immer heimtückisch spitz und scharf. Kein Wunder also, dass die Defekthexe zuschlägt. Wim hat es erwischt. Doppel-Platten. Und kaum sitzen wir wieder im Sattel, trägt es mich in einer Steilabfahrt komplett aus der Kurve mit einem Platten als „Belohnung“ obendrauf. Wenigstens stimmt das Wetter.

Und wie soll ich den heutigen Zielort Campagnano di Roma beschreiben? Na ja, alles an dieser Stadt, sogar ihre Einwohner, haben schon bessere Zeiten gesehen. Gut, dass wir nur zum Schlafen hier sind. Doch wie so oft, wenn man rein gar nichts erwartet, kommt es zu einer positiven Überraschung: Hinter einer unscheinbaren und desolaten Fassade erwartet uns ein hervorragendes Restaurant mit leckerem Essen. La Vita è bella!

Tag 5: Campagnano di Roma – Roma (47,5 km – 440 Höhenmeter)

SIENA-ROMA-CARTEDer Ton im Frühstücksraum ist rau, das Angebot ebenso. Nichts hält uns hier länger als nötig. Die Wettervorhersage verspricht mit um die 30 Grad einen heißen Tag. Schöner kann es wohl kaum werden, um Ende September in Richtung Rom zu rollen. Zuerst müssen allerdings (wieder einmal) giftige Anstiege gemeistert werden. Als wir dann auf Betriebstemperatur sind, kommt das große Vergnügen: nonstop bergab und dann nur noch flach. Eine Sprintetappe könnte man meinen.

F91A2643Auf dem wunderschönen Radweg vor den Toren von Rom bewege ich mein Bike fast batterielos und schmerzfrei. Den gemächlichen Tiber entlang geht es entspannt hinein in die Ewige Stadt. Die Gebäude werden größer und imposanter, der Verkehr chaotischer und die Touristenscharen zusehends unüberschaubarer. Ich bin erstaunt, wie flott wir durch die quirlige Mega-City gelotst werden. Allerdings müssen wir kurz vor dem Vatikan den sicheren Radweg verlassen. Den Petersdom schon in Sicht, zücke ich mein Handy und filme meine Einfahrt auf die Piazza San Pietro… ein breites Grinsen im Gesicht.

Text & Fotos: Rom Helbach

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Author: Philippe Reuter

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