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Das V-Wort

Lange Zeit wurden Veganer für ihren Lifestyle belächelt. Das Medienecho spricht jedoch mittlerweile eine andere Sprache: Der Verzicht auf Tierisches scheint auch hierzulande zunehmend auf Zustimmung zu stoßen.

Als Federica Faber aus Aspelt eine Fernsehdokumentation über die Massentierhaltung in den USA sah, war sie so entsetzt, dass sie einen spontanen Entschluss fasste: Fortan wollte sie vegan leben. Fünf Jahre ist das jetzt her und ihren Schritt hat die heute 27-Jährige nie bereut. „Ich kann mir gar nichts anderes mehr vorstellen“, sagt sie. Beruflich verschlug es sie ebenfalls in diese Richtung. So betreibt sie die vegetarisch-vegane Bäckerei „Babette Bakery“, die sich zurzeit auf einen online-Bestelldienst beschränkt. Doch die Planungen für einen Shop laufen.

„ Natürlich ist es eine Umstellung. Man kann nicht von heute auf morgen vegan kochen.“, Natalie Muller

Ihr Ehemann Tobias war nicht ganz so spontan. „Ich war erst einmal dagegen. Ich bin in einer Familie mit Jagdtradition aufgewachsen und bin sogar selbst mit auf die Jagd gegangen. Bei uns gab es daher immer viel Fleisch“, erzählt der 27-jährige Jurist. Nach zwei Monaten schloss er sich seiner Frau dann doch an. „Sie hat zu Hause vegan gekocht, da konnte ich nicht rausgehen und Fleisch essen, ich hätte mich wie ein Idiot gefühlt.“ Mittlerweile kann er sich nicht einmal mehr daran erinnern, wie sich Fleisch im Mund anfühlt und schmeckt.

Danny Jannizzi, Präsident der VSL

„ Wenn die Familie merkt, dass der Entschluss ernst gemeint ist, akzeptiert sie es auch.“ Danny Jannizzi, Präsident der VSL

Man mag Menschen, die sich für eine alternative Ernährung entscheiden, nachsagen, was man will. Doch eine Sache haben sie den meisten sicherlich voraus: Sie machen sich Gedanken um das, was sie täglich essen. Der 26-jährige Ingenieur Danny Jannizzi hatte sich nie Gedanken ums Essen gemacht. In seiner italienischen Großfamilie wurde gegessen, was auf den Tisch kam. Das änderte sich erst, als der gebürtige Kayler Anfang 20 seine Ehefrau kennenlernte, die sich vegetarisch ernährte. So wurde aus dem Allesesser in kürzester Zeit ein engagierter Veganer, der die „Vegan Society Luxembourg“ (VSL) präsidiert, eine Organisation, die sich für die Förderung des Veganismus einsetzt.

„Meine Familie fand das gar nicht witzig, die waren fast beleidigt“, erinnert sich Jannizzi. Wenn es um Ernährung geht, enden viele Gespräche schnell in unerfreulichen Diskussionen. Vor allem dann, wenn Menschen freiwillig auf etwas verzichten, das andere für ein Grundnahrungsmittel halten. „Es fängt immer mit Spott und Witz an, dann verkracht man sich und irgendwann wird es besser. Wenn die Familie merkt, dass der Entschluss ernst gemeint ist, akzeptiert sie es auch“, weiß Danny Jannizzi.

Natalie Muller

Natalie Muller

„Die meisten Veganer verzichteten aus ethischen und gesundheitlichen Gründen auf tierische Produkte“, so Camille Muller aus Asselscheuer, Sekretär der VSL und Umweltberater im Oekozenter Pafendall. Er selbst lebt seit sechs Jahren vegan, war zuvor aber bereits 20 Jahre lang Vegetarier. Für den 44-Jährigen stünden aber auch ökologische Faktoren im Vordergrund. Allein der hohe energetische Aufwand, der für die Viehzucht betrieben wird und all die klimaschädlichen Methangase, die durch die Blähungen der Tiere erzeugt würden, sollten für jeden Grund genug sein, in sich zu gehen und zu überlegen, wie viel Fleisch man wirklich braucht.

„Doch die VSL will niemanden überreden, sondern lediglich mit Veranstaltungen wie dem veganen Brunch oder der Präsenz auf diversen Messen zeigen, dass es machbar ist. Wir freuen uns bereits, wenn die Leute auch mal eine vegane Mahlzeit einbauen“, erklärt Muller. Klingt einfach, doch für einige Konsumenten hierzulande dürfte dies bereits ein Meilenstein sein. Schließlich wird laut  FAO, der „Food and Agriculture Organization“ der Vereinten Nationen, in Luxemburg so viel Fleisch wie nirgendwo anders in Europa vertilgt: 107,9 Kilogramm pro Kopf im Jahr. Das sind fast 300 Gramm am Tag. Was etwa einem riesigen Steak entspricht. Täglich. Das ist mehr als doppelt so viel, wie noch vor fünfzig Jahren. „Und viel zu viel“, sagt Camille Muller.

Die meisten Veganer verzichteten aus ethischen und gesundheitlichen Gründen auf tierische Produkte. Camille Muller, Sekretär der VSL und Umweltberater im Oekocenter Pafendall

Die meisten Veganer verzichteten aus ethischen und gesundheitlichen Gründen auf tierische Produkte. Camille Muller, Sekretär der VSL und Umweltberater im Oekocenter Pafendall

Mit dieser Idee steht er nicht alleine. Zwar gibt es keine Statistiken in Luxemburg, die belegen, wie viele Menschen sich ohne tierische Produkte ernähren, doch wenn man die Statistiken der Nachbarländer heranzieht, müssten etwa 15 Prozent der Bevölkerung vegetarisch oder überwiegend vegetarisch leben, davon etwa ein Prozent völlig vegan. So war dann auch der Stand der VSL auf der diesjährigen hauptstädtischen Braderie erneut gut besucht. „Wir haben viele interessante Gespräche geführt und unsere Snacks kamen ebenfalls gut an“, berichtet Muller. Obwohl die Mitglieder der VSL eher Verfechter einer vollwertigen biologischen Ernährung sind, boten sie dort neben Kuchen und Salaten auch veganes Junk-Food an. „Das ist nun einmal das, was die Leute bei solchen Veranstaltungen erwarten und dieser Nachfrage müssen wir nachkommen“, so Muller weiter.

Richtigen Veganern geht es nicht nur um das Steak auf dem Teller, sondern um jede Art der Ausbeutung von Tieren. Also weder Milchprodukte, noch Leder in Kleidung und Schuhen, und auch keine Tierversuche bei Kosmetika. Nur bei den Medikamenten machen die meisten eine Ausnahme. „Wir probieren sie auf ein Minimum zu reduzieren, doch in Notsituationen geht es nicht anders“, sagt Muller.

Laut FAO wird in Luxemburg so viel Fleisch wie nirgendwo anders in Europa vertilgt: 107,9 Kilogramm pro Kopf im Jahr.

Nach der Geburt ihres dritten gemeinsamen Kindes hatten er und seine Ehefrau Natalie beschlossen, völlig auf vegan umzustellen. „Unser jüngstes Kind hat eine Milch- und Eiweißallergie, deshalb mussten wir nach Alternativen suchen“, erzählt die 43-Jährige. Für den Allergiker extra zu kochen, kam nicht in Frage. So wurde die ganze Familie vegan. „Wir haben das von Anfang an ohne Zwang gemacht und wollten trotzdem, dass unsere Kinder auf nichts verzichten müssen“, sagt sie. Hamburger, Kuchen, Schokopudding – geht alles auch ohne tierische Zutaten.

Federica Faber, Betreiberin der vegetarisch-vegane Bäckerei „Babette Bakery“

„ Ich kann mir gar nichts anderes mehr vorstellen.“ Federica Faber, Betreiberin der vegetarisch-vegane Bäckerei „Babette Bakery“

„Natürlich ist es eine Umstellung. Man kann nicht von heute auf morgen vegan kochen. Das dauert schon einige Zeit. Doch dafür kocht man automatisch viel frischer“, sagt Natalie Muller. „Und diese Frische spürt man auch. Seit ich vor anderthalb Jahren auf vegan umgesattelt habe, fühle ich mich deutlich fitter. Außerdem habe ich viel abgenommen und meine zahlreichen Lebensmittelallergien sind seither besser geworden“, berichtet Kim Anh Nguyen aus Beles, ebenfalls Mitglied der VSL. Nach der Trennung von ihrem damaligen Freund, durch den sie einen hohen Fleischkonsum hatte, trennte sich die 24-jährige Buchhalterin auch von allen tierischen Produkten. „Ich war regelrecht vom Fleisch angeekelt“, erinnert sie sich.

Die Gründe für eine vegane Lebensweise sind demnach unterschiedlich – ob privat, gesundheitlich, ökologisch oder ethisch motiviert – der internationale Trend scheint auch in Luxemburg angekommen zu sein.

„Ganz gesunde Ernährungsweise“

Wer tierische Produkte gänzlich von seinem Speiseplan streicht, ernährt sich in der Regel bewusst und gesund. Ernährungsberaterin Céline Genson erklärt warum.

Worauf sollte man achten, wenn man auf eine vegane Ernährung umstellt?

Im Vorfeld sollte man sich ausführlich darüber informieren. Als Veganer muss man sich bewusster ernähren, denn je mehr man in seiner Ernährung weglässt, desto mehr muss man aufpassen, dass die dadurch fehlenden Nährstoffe komplementiert werden. Die Nährstoffe aus tierischen Produkten können durch pflanzliche Produkte ersetzt werden, die die entsprechenden Nährstoffe ebenfalls enthalten, beziehungsweise damit angereichert sind. Eine Alternative sind Nahrungsergänzungsmittel.

Welche Nährstoffe können denn fehlen?

Es gibt verschiedene Nährstoffe, die bei Veganern etwas kritisch sind wie Calcium, Eisen, Zink, Vitamin D, Vitamin B2 und B12, Omega-3-Fettsäuren und Jod. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Veganer grundsätzlich Mangelerscheinungen hat. Ein erhöhtes Risiko besteht in Bezug auf Vitamin B12, da dieses überwiegend in tierischen Produkten enthalten ist. Allerdings kann der Körper es über mehrere Jahre speichern und benötigt davon auch nur eine kleine Quantität. Besonders für Langzeitveganer ist es dennoch wichtig, es zu komplementieren. Im Allgemeinen wird Veganern geraten, den Gehalt der verschiedenen Nährstoffe jährlich anhand einer Blutanalyse zu kontrollieren.

Wer sollte sich nicht vegan ernähren?

Es gibt gewisse Risikogruppen wie Säuglinge, Kinder in der Wachstumsphase, stillende Frauen und ältere Menschen. Da sie größere Mengen von verschiedenen Nährstoffen brauchen, ist eine vegane Ernährung für sie etwas heikler, aber nicht unmöglich. In diesen Fällen muss akribisch dafür gesorgt werden, dass der Körper ausreichend versorgt wird.

Leben Veganer gesünder?

Das würde ich so global nicht sagen. Feststeht allerdings, dass es eine ganz gesunde Ernährungsweise ist. Das zeigt sich auch daran, dass Veganer im Allgemeinen ein adäquates Gewicht und bessere Blutfettwerte haben. Außerdem belegen Studien, dass sie besser vor den sogenannten Wohlstandskrankheiten geschützt sind. Wer etwas für seine Gesundheit tun möchte, muss jedoch nicht unbedingt ganz vegan leben. Es wäre bereits ein erster Schritt, wenn man seinen Fleischkonsum reduziert und mit pflanzlichen Lebensmitteln kompensiert.

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Céline Genson

Die Ernährungsberaterin und Mindful eating-Trainerin Céline Genson, 37,  ist als freie Mitarbeiterin im Zitha „Gesondheetszentrum“ tätig, wo sie neben Sprechstunden auch Kochkurse und Mindful eating-Kurse (individuell und in der Gruppe) anbietet. Mitte September wird sie zudem eine Praxis in Differdingen übernehmen.

 

Verzicht auf alles Tierische

Der Entschluss ist schnell gefasst: Ich werde es ausprobieren. Kann ja so schwierig nicht sein, für ein paar Wochen auf Fleisch, Fisch, Milch, Käse, Eier und sonstige tierische Lebensmittel zu verzichten. Meine zwölfjährige Tochter ist auch gleich Feuer und Flamme. Schließlich hat sie schon vor Monaten beschlossen, nur noch Bio-Fleisch zu essen, um die Massentierhaltung nicht mehr zu unterstützen.

Veganer Selbstversuch

Veganer Selbstversuch

Also dann: Essen wir vegan. Ich gehe einkaufen. Kein Fleisch zu besorgen, stört mich nicht weiter. Es gehört ohnehin nicht zu meinen Favoriten. Und Gemüse, Hülsenfrüchte und verschiedene Getreidesorten sind in unserem Vorratsschrank sowieso ständige Gäste. Die Umstellung wird sich also in Grenzen halten. Nur bei den Milchprodukten sieht es ganz anders aus, denn vegan ist bei uns gar nichts. Milch, Joghurt, Quark und Käse aus Kuhmilch gehören sozusagen zur Grundausstattung unseres Kühlschranks. Zwar gibt es genügend Alternativen wie Soja-Joghurt, Haselnuss- und Mandelmilch, veganen Käse und vieles mehr. Doch da ich keine Ahnung habe, kaufe ich einfach, was mir im Bioladen in die Finger kommt. Der Anfang läuft gut. Mein erster Soja-Joghurt schmeckt ein wenig nach Papier, so wie die kleinen Kügelchen, die wir früher in der Schule durch die Kugelschreiberhüllen gepustet haben. Macht aber nichts, ist trotzdem lecker. Vor allem mit Obst und Müsli. Meine obligatorische Jumbotasse mit schwarzem Tee und reichlich Milch und Zucker, die ich am Morgen zum Wachwerden trinke, schmeckt auch mit Haselnussmilch ziemlich gut.

Dann backe ich den ersten veganen Kuchen und knete einen Mürbeteig aus Mehl, Sojamargarine und pürierten Datteln. Später kommen ein Himbeermus und dann ein Mix aus frischen Him- und Blaubeeren darauf. Alles ziemlich easy. Und es schmeckt. Zwar habe ich den Teig im Ofen etwas zu hart werden lassen, doch selbst mein Mann, der weder vegan noch Datteln mag, ist hin und weg.

Es tut gut, sich mal wieder ein paar Gedanken ums Essen zu machen. Denn genau diese kommen im arbeitsreichen Alltag mit Job und Familie leider oft zu kurz. Da ist Routine angesagt und nebenbei stopft man sich die Sachen rein, die man kennt, mag und immer schon gegessen hat. Regelmäßig Nudeln mit irgendeiner Soße, ab und zu auch mal die Tiefkühlpizza. Ist ja auch so schön einfach: Die ganze Sippe wird satt und es gibt keine Diskussionen. Doch ob das alles wirklich so gut ist, was wir essen?

Ich merke wieder, wie gut doch frisches Gemüse schmeckt. Und wie viel Spaß es macht, es zuzubereiten. Und dass ein Brot mit Tomaten und Zwiebeln unglaublich lecker ist. Und dass ich eigentlich diese ganzen Wurst- und Fleischwaren ohne weiteres aus meinem Essensplan streichen könnte. Auch ohne auf einen Ersatz wie Soja umzusteigen, das mir eh nicht gut bekommt. Nur auf Käse, Fisch und Meeresfrüchte möchte ich nicht verzichten. Dafür mag ich das alles viel zu gerne. Hin und wieder wenigstens.

 

Veganer Speiseplan

Zum Frühstück: Kaffee mit Mandel- oder Haselnussmilch, Sojajoghurt, selbstgemachtes Müsli (z.B. mit gepufftem Amaranth, Buchweizenflakes, Hirseflocken, Kokosflocken, Obststückchen, gehackten Nüssen) mit Soja- oder Reismilch, Vollkornbrot aus Sauerteig mit veganen Aufstrichen (z.B. Avocado, Kichererbsen, Olivenpaste, weiße Mandelcreme, Marmelade)

Zum Mittagessen: Linsensuppe mit Kokosmilch und Mandelmus, Babyspinatsalat mit gerösteten Süßkartoffeln und Pilzen, Wokgemüse mit Quinoa und Erdnuss-Sesam-Sauce

Snacks für zwischendurch: Obst (frisch oder getrocknet), Reiswaffeln, Amaranth- oder Rohkostriegel, vegane Schokolade, Dinkelbrezeln, Fruchtsmoothie

Abendessen: Fenchel mit Möhrenpüree oder gefüllte Auberginen mit Sojabolognese

Nützliche Adressen

Montage-def-18-19Vegane Geschäfte

Happy Vegan Store & Restaurant,
3, rue des Romains, L-7264 Walferdingen, Tel.: 26 33 40 15, www.happyvegan.lu

Vegan Life Shop, 21 Dikrecherstrooss, L-8523 Beckerich,
Tel. 691 798 493, www.veganlife.lu

Vegane Restaurants

Happy Vegan Store & Restaurant,
3, rue des Romains, L-7264 Walferdingen,
Tel.: 26 33 40 15, www.happyvegan.lu

Anabanana – Vegane Fusion Küche,
117, rue de la Tour Jacob, L-1831 Luxemburg,
Tel.: 691 925 256, www.anabanana.lu

Vegetarisch-vegane Restaurants

Babette Bakery – Online Catering/Partyservice, Tel.: 621 245 913,
www.facebook.com/babettebakery

Cafeteria «Am 14», 38 rue du Marché-aux-Herbes, L-1728 Luxemburg, Tel.: 4796-4500,
www.mhvl.lu/de/NEU/CAFETERIA.html

Nirvana Café – Indisches Restaurant,
1, avenue de la Gare, L-1611 Luxemburg,
Tel.: 691 866 745

• Restaurant Mëtschekescht,
9, Esplanade L-5533 Remich, Tel.: 26 66 48 56

Internetseiten

www.happycow.net/europe/luxembourg

www.vsl.lu

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Georges Noesen

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