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Den Kopf im Sand

Zum 14. Mal lädt die Schankemännchen-Truppe zum Freilichttheater nach Grosbous ein. Einstudiert wurde die Tragikomödie „Raten“ von Gerhart Hauptmann. Clod Thommes spielt darin den stets wegschauenden Theaterdirektor August Faxmeier.

Clod Thommes ist – er wird mir den Ausdruck verzeihen – ein alter Hase. Seit den 1980er Jahren steht er in unterschiedlichen Rollen auf der Bühne. Oder zieht als Regisseur die Strippen. Nicht immer ist alles leicht. Nicht für ihn, der seine Sache stets so gut wie nur möglich machen will. Wir sitzen zusammen in der Bouneweger Stuff und trinken Bio-Limonade. Ausnahmsweise habe ich die Einladung zu einer Probe der neuen Schankemännchen-Produktion abgelehnt. Weil ich den Mann, der sich seit über 25 Jahren für das Freilichttheater in Grosbous engagiert, (noch) etwas näher kennenlernen möchte. Draußen ist es heiß, die Terrassengäste schwitzen trotz Schatten. Und Clod Thommes kommt gerade von einer Versammlung in der Banannefabrik. Seit ebenfalls einem Vierteljahrhundert ist er nämlich auch noch Mitglied im Künstlerkollektiv Maskénada.

„Ech sinn zënter anerhallwem Joer an der Pensioun“, erzählt der langjährige Beamte der Gemeinde Wahl. Doch zum sich Treiben lassen hat er bislang keine Zeit gehabt. Vor allem nicht in den letzten Tagen und Wochen, der Vorbereitungszeit des neuen Spektakels im Prommenhaff. Gespielt wird „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann. Ein Drama in fünf Akten, das Jemp Schuster frei ins Luxemburgische übersetzt und auf hiesige Verhältnisse zugeschnitten hat. Die Geschichte der in ärmlichen Verhältnissen lebenden Putzfrau, die sich nichts sehnlicher als ein zweites Kind wünscht und schließlich das eines ungewollt schwanger gewordenen Dienstmädchens kauft, spielt demnach weder zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch in einer ehemaligen Berliner Kaserne, sondern in dem heruntergekommenen Hotel Bon Repos und in der Gegenwart. Mit Ratten sind auch keine Nager, sondern Flüchtlinge gemeint.

Parallel zur Muttertragödie erzählt „Raten“ von einem arroganten Ex-Theaterdirektor, der im Hotel Bon Repos groteske Proben leitet.

Es gäbe dennoch deutliche Parallelen, so Clod Thommes. Schließlich stünde in beiden Fassungen das Thema Armut und Unterdrückung im Vordergrund. Zudem seien Ratten Tiere, die sich jeder Umgebung anpassen können und überall überleben. An den Wänden des engen Raumes, in dem die Migranten untergebracht sind, hängen Schwimmwesten, die tatsächlich getragen wurden. In Lampedusa, wo Flüchtlingshelfer der Wiltzer Coopérations vor Ort gewesen sind und die Westen mit nach Luxemburg gebracht haben. „Ech spillen am Fong och guer net d’Haaptroll.“ Jedenfalls nicht in der Muttertragödie, die von einem Lügennetz zusammengehalten wird und recht kompliziert zusammenzufassen ist, da so oft geschwindelt und betrogen wird, dass man als Zuschauer oder Leser am Ende nicht mehr wirklich weiß, wessen Baby stirbt und welches Kind zum Waisen wird.

In dem entgegengesetzten Handlungsstrang, der weitaus lustiger ist, schlüpft Clod Thommes in die Haut eines ehemaligen Theaterdirektors, der im Hotel Bon Repos seinen Fundus aufbewahrt und mit ein paar Schauspielern Friedrich von Schillers Klassiker „Willem Tell“ probt. „Hien ass kee gudde Mënsch.“ August Faxmeier ist in der Tat ein Rassist. Noch dazu arrogant und scheinheilig. Was um ihn herum passiert, interessiert ihn nicht im Geringsten. Er lebt in seiner Welt, und in dieser Welt gibt es wenig Platz für Flüchtlings- oder andere gesellschaftliche Probleme. Es wird in „Raten“ viel gestritten. Mal wegen des Kinderhandels, mal wegen unterschiedlicher Vorstellungen von Schauspielerei, dann wiederum wegen einer verbotenen Liebelei, mitunter auch wegen Kleinigkeiten. Es kommt sogar zu einem Verbrechen. Die junge Ukrainerin Olga wird im Affekt getötet. Darf trotzdem gelacht werden? „Selbstverständlech“, beteuert Clod Thommes. Gerhart Hauptmanns Drama beruht zwar auf einem wahren Fall von Kindesentführung, der seinerzeit für viel Aufsehen gesorgt hat, Jemp Schusters Version beinhaltet derweil – wie könnte es anders sein – etliche Seitenhiebe auf Luxemburger Missstände. Die Immobilienbranche steht genauso in der Kritik wie der Kulturbetrieb.

Bereits fünf Mal wurde „Die Ratten“ verfilmt. Mit bekannten Schauspielern wie Emil Jannings, Curd Jürgens und Günter Lamprecht. Der Literaturhistoriker Hans Mayer nannte das Drama den vielleicht wichtigsten Beitrag Gerhart Hauptmanns zum modernen Welttheater. Dass dieses Meisterwerk nun in Grosbous aufgeführt wird, ist ein Wagnis, oder? Clod Thommes bleibt gelassen. Es sei schwierig, Stücke zu finden, die sich für eine Freilichtbühne eignen. Gleichzeitig wird es auch immer schwieriger, die Laiendarsteller bei Laune zu halten. Es kommt schon vor, dass Proben verpasst werden. Das sei früher anders gewesen. Nicht besser, anders halt. „Mir hunn nach ëmmer immens vill Leit, déi matmaache wëllen, mee Theaterspillen ass net nëmme Spaass hunn. Et ass virun allem Aarbécht.“ Er liebt diese Arbeit. Andernfalls würde er sich ein anderes Hobby suchen. Stattdessen nimmt er sogar Schauspielunterricht am Konservatorium.

„Mir hunn nach ëmmer immens vill Leit, déi matmaache wëllen, mee Theaterspillen ass net nëmme Spaass hunn. Et ass virun allem Aarbécht.“ Clod Thommes

im Fuchsberger das Leben mit einem Hindernisrennen. Ein kluger Jockey hat nicht schon beim Start Angst vor jeder Hürde. Schließlich kennt er den Parcours. Den Sprung setzt er trotzdem erst im allerletzten Moment an. Und fliegt er aus dem Sattel und landet im Dreck, steht er wieder auf und denkt an ein Lied von Nat King Cole: „Get yourself up, dust yourself off and start all over again.“ Es gibt allerdings auch Momente im Leben, in denen einem sein dickes Fell nicht hilft. Clod Thommes gibt zu, dass er hin und wieder müde ist. Im Kopf, versteht sich. Daher zieht er das Schauspielern dem Inszenieren derzeit vor. Man trägt weniger Verantwortung. Gleichzeitig juckt es ihn, sich einzumischen. Das berühmte Pfefferkornbeigeben ist immer eine Versuchung.

Themawechsel: Wie geht es der Familie? Max, der Schauspieler und Musiker, lebt weiterhin in Berlin und kommt lediglich sporadisch nach Luxemburg, um hier an diversen Projekten mitzuarbeiten, zuletzt in „Kafkas Cave“. Ben, Barbesitzer des „Gudde Wëllen“, ist gerade Vater geworden. „Endlech hu mir e Meedchen an der Famill.“ Sorgen macht er sich keine. „Meng Jonge sinn alles, mee net liddereg.“ Frau Christiane Bach ist, seit sie 2017 zur Bürgermeisterin von Wahl gewählt wurde, viel beschäftigt. Langweilt Clod Thommes sich etwa? Nein. Immerhin geht er mehrmals in der Woche joggen und bei schönem Sommerwetter zum Schwimmen an den Stausee. Den kommenden Urlaub wird das Paar auf einer Mountainbike-Tour in Namibia verbringen. Training für den kommenden Ironman-Triathlon? Clod Thommes lacht. „Op kee Fall.“

Um 17 Uhr beginnen die Proben in Grosbous. Er will pünktlich sein. „Ee Gleck, datt d’Nordstrooss awer gebaut gouf“. Ist wohl eher ironisch gemeint. Einst haben er und sein Freund Carlo Schneider mit selbstgebastelten Plakaten gegen den Bau der Schnellstraße protestiert. Heute ist er froh, dass Grevels lediglich eine halbe Autostunde von Luxemburg-Stadt trennt. Wir verabschieden uns. Ob das Kabarä Feierstëppler bald wieder auftritt? Darüber hätten wir auch noch eine Weile reden können. Ein andermal.

Fotos: Mireille Gereke

Premiere ist am 18. Juli um 21 Uhr im Prommenhaff in Grosbous.
Weitere Vorstellungen am 19., 20., 23., 24., 25., 26. & 28. Juli um 21 Uhr
Kartenvorbestellung: 671 222 224
www.schankemaennchen.lu

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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