Home » Home » Den Weg des Bogens erforschen

Den Weg des Bogens erforschen

Kyudo ist die älteste Kampfkunst-Sportart überhaupt. Als Student hat Ralph Schroeder das japanische Bogenschießen für sich entdeckt und später nach Luxemburg gebracht.

Text: Nico Tedeschwilli (revue@revue.lu) / Fotos: Georges Noesen (3), Ralph Schroeder (2)

Kyudo ist bei uns eher unbekannt. Auch Ralph Schroeder hatte noch nie vom japanischen Bogenschießen gehört, bevor er als Student der Soziologie in Lüttich durch ein Merkblatt auf die Sportart aufmerksam wurde. Der heute in der Jugendpolitik des Bildungsministeriums Beschäftigte hatte auf Mannschaftssportarten wie Fußball oder Tischtennis, die er als Jugendlicher ausübte, keine Lust mehr. Doch damals habe er gemerkt, dass er mehr als nur Gehirntraining benötige, erzählt er. „Ich war schon immer an der japanischen Kultur interessiert, habe mir dann Kyudo angesehen und bin dabei geblieben.“

Anstatt nach seiner Rückkehr nach Luxemburg immer wieder nach Lüttich zum Training fahren zu müssen, gründet er 1999 kurzerhand einen eigenen Klub. Inzwischen in Mersch wohnhaft, findet er dort schnell einige Verbündete und Gehör bei den Gemeindeverantwortlichen, die dem neuen Verein Trainingsmöglichkeiten bieten. Den Kontakt zu seinem Lehrmeister Jean-Pierre Vlasselaer, Präsident des belgischen Verbandes, hat Ralph Schroeder bis heute aufrecht erhalten. Man organisiert regelmäßig gemeinsame Lehrgänge und Seminare in Belgien und in Luxemburg.

Kyudo---039

Perfektion: Auf Körperhaltung und mentale Stärke legt Michel Pilz großen Wert

Perfektion: Auf Körperhaltung und mentale Stärke legt Michel Pilz großen Wert

Zum Einstieg braucht man keine besonderen körperlichen Voraussetzungen. Was man jedoch mitbringen sollte, sind Neugierde, Geduld und Interesse an der japanischen Kultur, wo Höflichkeit und Respekt groß geschrieben werden. „Du kannst mehr lernen bei einer Niederlage als bei einem Sieg“, sagt ein Sprichwort. Im Land der aufgehenden Sonne ist Kyudo Schulsport. Anders als bei uns, wird dort nicht viel erklärt, weil man annimmt, dass ein Schüler die Aufgaben mit den Augen aufnimmt. Zuschauen und mehrmals das wiederholen, was man sieht, sind die Voraussetzungen um besser zu werden. Beim Kyudo, den man nicht als klassischen Wettkampf bezeichnet, den es um jeden Preis zu gewinnen gilt, lernt man nie aus.

Beim Training fällt besonders der langsame Bewegungsablauf der Schützen ins Auge. Ein Mann sticht besonders hervor: Michel Pilz. Der 70-Jährige, geboren in Bad Neustadt/Saale, beeindruckt durch seine positive Erscheinung und durch seine Treffsicherheit. Der Jazzmusiker machte erstmals in den 1970er Jahren auf einer Tournee Bekanntschaft mit der japanischen Kultur. Mit einer Luxemburgerin verheiratet, ist er fast von Anfang an dabei, und Kyudo gehört zu seinem Alltag.

Der auffallend große Bogen, zumeist aus Bambus, hat keine Zieleinrichtung und keine Pfeilauflage. Der Pfeil wird an der Bogenkante rechts außen auf den Daumen aufgelegt, also auf der vom Schützen abgewandten Seite des Bogens. Die Sehne wird mit Hilfe eines Schießhandschuhs mit einer Grube am Daumen gezogen. Der Schütze sieht nicht über den Pfeil, zielt mit dem ganzen Körper und trifft, indem er die richtige Bewegung aus der bestmöglichen Position findet. Erschwerend dabei ist, dass der Pfeil stets nach rechts driftet. Die richtige Technik zu entwickeln, um dem entgegen zu wirken, und dann noch zu treffen sind große Herausforderungen. Geschossen wird auch in der Gruppe, wo es aber nicht nur darauf ankommt, selbst gut zu schießen. Es wird auch eine Harmonie angestrebt, in der sich wichtige Elemente der japanischen Kultur ausdrücken. Schießen in der Gruppe, genannt Sharei, kann nur gelingen, wenn die Schützen nicht in erster Linie auf sich selbst, sondern auf die Gruppe als Ganzes konzentriert sind. In diesem Sinne zielt Kyudo auch auf die Entwicklung der Persönlichkeit des Schützen ab und ist nicht nur eine Bogenschießtechnik.

„Du kannst mehr lernen bei einer Niederlage als bei einem Sieg.“ Japanisches Sprichwort

Lernbereit: Auch eine erprobte Schützin wie Anja Bauer lässt sich vom Lehrmeister Jean-Pierre Vlasselaer gerne korrigieren.

Lernbereit: Auch eine erprobte Schützin wie Anja Bauer lässt sich vom Lehrmeister Jean-Pierre Vlasselaer gerne korrigieren.

Die Luxemburger Schützen nehmen regelmäßig an internationalen Wettkämpfen und Seminaren teil. Neben dem Treffen der Scheibe wird großer Wert auf die Ausführung gelegt. Jährlich werden Examen abgelegt, aber es werden keine Gürtel als Kennzeichnung der Graduierung verwendet. Michel Pilz, Ralph Schroeder und seine Lebenspartnerin Anja Bauer haben den 4. DAN und sind somit gut gestellt, um ihr Wissen weiterzugeben. Zwar kommen zu den Schnuppertagen immer einige Interessierte, doch nicht jeder entscheidet sich dann auch für die Sportart. Viele informieren sich vorab durch Literatur, haben manchmal ein falsches Bild im Kopf oder finden nicht, was sie erwarten. Wer schnelle Erfolge beim Sport braucht, ist beim Kyudo wahrscheinlich falsch. Denn hier sind vor allem Geduld und Ausdauer gefragt.

Als anerkanntes Mitglied des europäischen und des Weltverbandes haben die Kyudo-Verantwortlichen vor wenigen Wochen erste Beitrittsgespräche mit dem Zentralvorstand der FLAM (Fédération Luxembourgeoise des arts martiaux) geführt. Die gaben grünes Licht, über eine Aufnahme wird aber erst beim Kongress 2017 abgestimmt. Unter dem Deckmantel der FLAM erhofft sich Ralph Schroeder eine bessere Verhandlungsbasis mit den Instanzen sowie ein gesteigertes Interesse in der Öffentlichkeit.

Mehr Infos über Kyudo finden Sie unter www.kyudo.lu

Gruppe

Harmonie: Beim Schießen in der Gruppe treten personelle Ansprüche in den Hintergrund.

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?