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Der Ästhet

Es gibt den Politiker André Bauler, dem der Erhalt von Kulturlandschaften und der Schutz des architektonischen Erbes wichtig sind. Und es gibt den Fotografen André Bauler, der sein Herz an die Schönheit der Ardennen verloren hat.

Fotos: André Bauler, Leslie Schmit

Er kann sich noch genau daran erinnern, wo er sein erstes Foto geschossen hat. „Dat war an de fréien 1980er Joeren am Kiischpelt. Do gëtt et eng al Gierwerei, an ech hunn deemools nach méi Aquarellbiller gemoolt. Dacks no der Virlag vu Fotoen.“ Mittlerweile ist das Malen etwas in den Hintergrund geraten, und wenn André Bauler heute mit seiner Spiegelreflexkamera unterwegs ist, möchte er am liebsten besondere Stimmungen einfangen. Nebelwolken, die nach einem heftigen Sommerregen aufsteigen. Das Licht an einem klaren Wintertag. Bourscheid bei Sonnenuntergang. Das Schloss von Erpeldingen an der Sauer in einem Blütenmeer. „Meng Biller solle weisen, wéi schéin et am Eislek ass.“

„Ech si vu klengem u geléiert ginn, mat openen Aen duerch d’Liewen ze goen.“ André Bauler

Fotokurse hat der DP-Politiker nie besucht. Auch geht er nie mit einem schweren Stativ spazieren. Was für ihn wichtig ist: „Ech wëll op der Foto dat erëmfannen, wat ech gesinn hunn.“ Die Gabe des genauen Beobachtens hat er von seinem Vater vererbt bekommen, der die Kunst des Sehens seinerseits von seinem Vater gelernt hat. „Ech si vu klengem u geléiert ginn, mat openen Aen duerch d’Liewen ze goen“, so André Bauler. Die Ardennen bezeichnet er als sein Zuhause. Die sanften Hügel des Öslings sind sein liebstes Rückzugsgebiet. Am liebsten ist er morgens früh oder am späten Nachmittags draußen. Wegen dem sanfteren Licht. „Ech hunn och net ëmmer meng Kamera derbäi.“ Weil er die raue Schönheit der Landschaften mitunter „nur“ mit eigenen Augen genießen will.

Bourscheid

Trotzdem ist das Fotografieren für ihn eine Art Wellness. Der beste Ausgleich zum Politikeralltag, den er als einen ständigen Kampf beschreibt, der von Angriffs- und Verteidigungsstrategien bestimmt wird. In der freien Natur kann und darf er zum Glück abschalten. Die Farben und Gerüche, die Klänge und Atmosphäre auf sich wirken lassen. So pathetisch es vielleicht klingt, aber sobald André Bauler ein grün leuchtendes Tal, friedlich weidende Schafe oder wie von Raureif gezuckerte Äste sieht, entspannt er sich. Und er nimmt sich Zeit zum Kopf frei kriegen. „Et ass mat Meditatioun ze vergläichen“, erklärt der 52-jährige Wirtschaftswissenschaftler.

André Bauler

Jahrgang 1964, ist Abgeordneter, Gymnasiallehrer und Aquarellmaler. Seit 1982 fotografiert er die Landschaften und das architektonische Erbe Luxemburgs, nimmt an Ausstellungen teil und veröffentlicht seine Aufnahmen in Zeitschriften und Büchern. Die politische Karriere von André Bauler beginnt 2005 als Gemeinderatsmitglied in Erpeldingen an der Sauer. Von 2007 bis 2011 ist er erster Schöffe. 2011 übernimmt er schließlich das Amt des Bürgermeisters und übt dieses bis zu seiner Ernennung als Staatssekretär für Bildung, Hochschulwesen und Forschung im Oktober 2013 aus. Bereits 2009 wird der DP-Politiker des Bezirks Norden erstmals in die Abgeordnetenkammer gewählt. Im Parlament ist er u.a. Mitglied mehrerer Kommissionen: für Wirtschaft, Außenhandel und Solidarwirtschaft, für Arbeit und Beschäftigung sowie für Staatsfinanzen, Institutionen und Hochschule. Derzeit ist er Vorsitzender der parlamentarischen Kulturkommission. Seine Ämter als Staatssekretär musste er im März 2014 aus gesundheitlichen Gründen aufgeben.
www.gouvernement.lu

Eine bevorzugte Jahreszeit zum Fotografieren gibt es für ihn nicht. Im Winter gefällt ihm, dass Schneelandschaften strukturierter wirken, Akzente deutlicher zum Ausdruck kommen. Im Frühling fasziniert ihn das langsame Erwachen der Natur. „Et gëtt näischt méi Schéines wéi e Bongert an der Bléi.“ Im Sommer kann es schon mal vorkommen, dass er bei aufziehendem Gewitter an einen bestimmten Ort fährt, um dort ein spezielles Foto zu schießen. Der Herbst stimmt ihn melancholisch. André Bauler ist kein Großstadtmensch. „Ech sinn en Ästhet“, gibt er offen zu. Ein Mensch, der das Pittoreske schätzt, Dörfern eine Seele zuschreibt und stolz darauf ist, dass die Luxemburger Abgeordnetenkammer im vergangenen Jahr endlich die Konvention von Granada über den Schutz des architektonischen Erbes sowie die Konvention von Valetta ratifiziert hat, die das „Europäische Übereinkommen zum Schutz des archäologischen Erbes“ beinhaltet.

„Et gëtt näischt méi Schéines wéi e Bongert an der Bléi.“ André Bauler

Viele behaupten, dass die Königin der Kunst das Einfache sei. Demnach ist André Bauler ein wahrer Künstler, denn seine Bilder sprechen eine wohltuend unprätentiöse Sprache. Eine Sprache, die jeder versteht. Dennoch beteuert der ehemalige Staatssekretär immer wieder, dass er kein professioneller Fotograf sei und sich auf keinen Fall mit einem hauptberuflichen Bildkünstler vergleichen will. Trotzdem muss auch bei ihm die Komposition stimmig sein. Zudem sollen die Bilder eine Bewegung oder ihr Gegenteil zum Ausdruck bringen, von Rhythmus geprägt sein und eine Geschichte zu erzählen haben.

Bourscheid-Mühle

In dem Bildband „Romantescht an historescht Eislek“ sind die wirkungsvollsten Aufnahmen aus mehreren Jahren vereint. Ein Kapitel des Buches ist sakralen Bauten und magischen Wäldern gewidmet und zeigt die schönsten Altäre im Ösling – und eine weitere Leidenschaft des DP-Abgeordneten: seine Bewunderung handwerklicher Kunst. André Bauler liebt Fresken wie in der Willibrordus-Kapelle in Rindschleiden, Hochaltäre im Barock-Stil wie in der Trinitarierkirche in Vianden oder edles Mobiliar wie in der Franziskaner-Kirche in Troisvierges, die im 17. Jahrhundert gebaut wurde. Er spricht in diesem Zusammenhang von wahrnehmbarer Schönheit, von Harmonie und davon, dass auch die Betrachtung hässlicher und unangenehmer Dinge des Menschen Sinne bewegen könne.

Nahe Bourscheid

Wie es ihm gelingt, die Politik, den Vorsitz des „Cliärrwer Kanton“, die Fotografie und sogar noch das Schreiben – André Bauler hat bislang drei Theaterstücke, etliche Artikel und ein Buch über die Wirtschafts- und Sozialgeschichte Luxemburgs geschrieben – unter einen Hut zu bringen? „Ech kucke keng Télé, héchstens ‚Terra X‘-Dokumentatiounen oder Noriichten a Sendungen, déi sech mat geschichtlechen Themaen auserneesetzen.“ Stattdessen hört er gern den Deutschlandfunk und Musique3. Obwohl er gelegentlich an der Mosel und in Luxemburg-Stadt Fotos macht, ist und bleibt das Ösling seine Heimat. Der Ort, an dem er sich am richtigen Platz fühlt. Der Ort, der ihn geprägt hat und nie loslassen wird. Einen besseren Botschafter könnte der Norden des Landes nicht haben.

Erschienen bei De Cliärrwer Kanton, 196 Seiten, mit Texten von Germaine Goetzinger, Annick Goerens, Carine Weicherding und Frank Wilhelm, 49,50 Euro, im Fachhandel erhältlich, www.dck.lu

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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