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Der Bengel der Berge

Mit seiner Unbekümmertheit, seinem Talent und nicht zuletzt einigen überragenden Leistungen begeisterte er die Luxemburger. Und faszinierte die Radsportwelt. Jetzt hat Andy Schleck einen Schlussstrich gezogen.

Ich war nicht bloß ein Radsportler, ich gewann die Herzen der Menschen“, erzählt Andy Schleck mit berechtigtem Stolz. Kurz blitzt sein Lausbubenlächeln auf. Es ist einer der schöneren Augenblicke auf einer Pressekonferenz, in der er meist mit tränenerstickter Stimme hervorpresst, was ihn die letzten Wochen und Monate belastete. Aber auch, worauf er im Rückblick besonders stolz ist. Eigentlich ist es noch viel zu früh, ist er mit 29 Jahren noch viel zu jung, um die Geschichtsbücher zu versiegeln. Doch das Kapitel Andy Schleck als Profiradfahrer ist abgeschlossen, fertig, vorbei.

„ Ich will mich selber nicht mehr enttäuschen.“ Andy Schleck

LBL-490_0008_13779529_2604lbl12Es war ein trauriger Abschied auf Raten: „Wenn einem die Entscheidung zum Karriereende aus der Hand genommen wird, dann ist das sehr, sehr bitter“, erklärt er in Mondorf. Seit sich Andy Schleck Anfang Juni 2012 beim Critérium du Dauphiné das Kreuzbein brach, fuhr einer der prägenden Radsportler des 21. Jahrhunderts dem Fahrerfeld nur noch hinterher. Die Kritik wurde immer lauter, sogar sein Teamchef Luca Guercilena wurde zuletzt überaus deutlich: „Es kommt der Punkt, da reicht es nicht mehr zu sagen, ich bin fit und fühle mich gut. Irgendwann muss ein professioneller Fahrer auch mit Leistung überzeugen!“

Auch 2014 nahm er nicht in Bestform an der Tour de France teil. Aber er ahnte nicht, dass der 7. Juli 2014 fatal für ihn werden würde und seine große Leidenschaft für immer beenden würde. Mit einem zertrümmerten Knie fährt er nach seinem Sturz ins Hauptfeld zurück, verkündet humpelnd am Teambus die üblichen Durchhalteparolen. „Bis nachts um halb zwölf arbeiteten der Osteopath und die „Kinés“ an mir. Sie sagten, vielleicht ist morgen alles ok. Aber ich konnte in ihren Augen sehen, dass es nicht ok sein wird“, erzählt er von den schweren Stunden. Beim verzweifelten Einrollen am Morgen bringt er kaum noch Druck aufs Pedal. Er muss aufgeben und verzieht sich nach hinten in den Teambus. Zum Ausheulen.

„Ich will so nicht aufgeben. Ich bin aus der Tour gestürzt, aber das ist nicht, wie die Leute mich in Erinnerung halten sollen“, zeigt er sich wenige Tage später schon wie der kampflustig. In ihm sieht es nach der Knieoperation aber anders aus. Die Ärzte waren über den Anblick seines Knies ent- setzt und dunkle Wolken hängen über seiner sportlichen Zukunft. „Ich lüge die Menschen nicht gerne an“, erwähnt er in Mondorf am Rande. Er durchlebt während der Konferenz zwar eine seiner schwersten Stunden, doch ihm fällt auch eine zentnerschwere Last vom Herzen. Er muss sich nicht mehr verstellen, kann einen Schlussstrich ziehen. Endlich erzählen, dass das Knie kaputt, seine Karriere vorbei ist.

Andy-Schleck-Velo-un-de-NolEgal was alles vorher kritisiert wurde, in den Geschichtsbüchern tritt er als vierter luxemburgischer Toursieger die direkte Nachfolge von Charly Gaul an. Die Parallelen sind überaus deutlich: Auch dem Engel der Berge wurde zu seiner Glanzzeit vorgeworfen, ein schlampiges Genie zu sein. Er habe mehr erreichen können, mehr erreichen müssen. Ähnlich urteilt auch ein halbes Jahrhundert später die internationale Fachpresse nach Andys Rücktritt. Vorher hatte Andy Schleck mit dem Sieg bei der Doyenne 2009, dem Erfolg am Galibier 2011 in einer Art und Weise brilliert, wie man sie seit den heldenhaften Zeiten eines Charly Gaul kaum mehr gesehen hatte. Und im kontrollierten Peloton des 21. Jahrhunderts nicht mehr für möglich hielt.

„Ich bin sehr gespannt darauf, ein neues leben zu beginnen…, Andy Schleck

Die grandiose Etappe am Galibier war sein letzter Sieg, vielleicht sein größter. In den folgenden drei Jahren waren ein zehnter und dritter Platz bei der Landesmeisterschaft die „Höhepunkte“. „Wenn du hoch fliegst, kannst du auch tief fallen“, erklärt der Publikumsliebling auf seiner Pressekonferenz augenscheinlich abgebrüht. Als Fünfzigster der Tour de Luxembourg 2014 wurde der Champion bei seiner Heimrundfahrt allerdings ausgebuht. Ein Schicksal, das auch bereits vor rund 50 Jahren Charly Gaul tief getroffen hatte. „Ich will mich selber nicht mehr enttäuschen“, erklärt Andy Schleck, weshalb er mit seinem kaputten Knie den aussichtslosen Kampf zurück ins Peloton aufgibt. Dass er sich wie sein Vorgänger allerdings mehr als zwanzig Jahre lang völlig aus der Öffentlichkeit zurückzieht, ist beim kecken Andy Schleck nicht zu erwarten: „Ich bin sehr gespannt darauf, ein neues Leben zu beginnen und andere Träume, die ich habe, zu verwirklichen.“ Welche das sind, will er uns in Zukunft mit Taten und nicht mit Worten zeigen.

Fotos: revue Archiv, Georges Noesen

Die Top Ten des Andy Schleck

R10-28-TDF-791J96001. Gewinner Der Tour 2010
Auch wenn der Sieg am grünen Tisch erfolgte, ist Andy vierter luxemburgischer Toursieger. Zudem gewann er im Duell mit Alberto Contador in Avoriaz und am Tourmalet.

2. Zweiter Der Tour 2011
Der grandiose Sieg am Galibier begeistert jeden Sportfan. Die historische Leistung der Brüder auf dem Podium schmälert, dass sie vorher einzig der Gesamtsieg interessiere.

3. Sieger Der Doyenne 2009 Liège-Bastogne-Liège war ein Jugendtraum von Andy, den er sich mit einer tollkühnen Attacke an der Roche-aux-faucons erfüllt. Gut zwanzig Kilometer fährt er alleine zum Ziel.

4. Zweiter Des Giro 2007
Der 21-Jährige wird mit einem Paukenschlag zu einem Leader im Peloton. Abgebrüht erfährt er sich hinter Danilo di Luca den zweiten Platz bei seiner ersten großen Rundfahrt.

5. Zweiter Der Tour 2009
Andy Schleck attackiert früh auf der Königsetappe zum Grand-Bornand, kann allerdings Alberto Contador nicht abschütteln und überlässt Fränk als neuer Gesamtzweiter den Etappensieg.

6. Vierter Der Spiele 2008
Es ist die verpasste Medaille bei den Olympischen Spielen in Peking: Andy Schleck sprengt das Rennen am Berg, doch in der Abfahrt zum Ziel schließen die Verfolger auf.

7. Dritter Der Doyenne 2011
Andy Schleck sprengt die Favoritengruppe bereits in der Côte de la Redoute, doch er kann auch mit Fränks Hilfe den Sieger der drei Ardennenklassiker, Philippe Gilbert, nicht abhängen.

8. Sieger Der Flèche Du Sud 2004
Endlich ist der Schulabschluss geschafft und Andy hat Trainingsrückstand. Mit seinem überragenden Talent und viel Willen gewinnt der 18-Jährige dennoch die Flèche du Sud.

9. Zweiter Der Flèche 2009
Andy Schleck und David Rebellin übersprinten in den letzten einhundert Metern Cadel Evans. Rebellin wird eine Woche später des Epo-Dopings bei den Olympischen Spielen 2008 überführt.

10. Bergpreis Der Sachsentour 2006
In seinem zweiten Profijahr macht Andy mit zwei Etappensiegen bei der Sachsenrundfahrt auf sich aufmerksam. Den Bergpreis gewinnt er dort ebenso wie bei der Rundfahrt durch Großbritannien.

Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

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Author: Georges Noesen

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