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Der Clio mit den Gartenschuhen

Kollege Schonckert hat in der letzten 2019er Ausgabe der autorevue bereits kurz von der zweiten Generation des Renault Captur berichtet, bei dem ihm das frische Design innen und außen gefielen, sowie die präzise Lenkung und die ordentliche Geräuschisolierung, wohingegen vor allem das begrenzte Spurtvermögen des TCe 155 EDC zu wünschen übrig ließ. Wir wollten es wissen.

Fotos: Renault

Der Renault Captur sollte also noch einmal auf den Prüfstand, jetzt wo der Clio V, auf dem dieser Mini-SUV basiert und mit dem er zahlreiche Elemente teilt, auf der Liste der letzten sieben Kandidaten für den Titel des (europäischen) „Car of the Year“ 2020 steht, ein Preis der zu Anfang des Genfer Automobilsalons verliehen wird. Die Basis ist die gleiche, doch der Captur ist zehn Zentimeter länger als der Clio. Und sonst?

Das Äußere wurde verschärft, die Dachlinie nach hinten etwas abgeflacht, die Front neu gestaltet und die Silhouette rundum im Detail retuschiert. Der Blechanteil an der Flanke wurde erhöht, der Radstand um 2 cm vergrößert. Sobald man die Fond-Sitze nach vorne schiebt und dann auch noch umlegt, kann der Kofferraumvolumen von minimal 422 auf maximal 1.275 Liter vergrößert werden. Das Leergewicht eines 4,23 Meter langen Captur beträgt 1.341 bis 1.451 kg (je nach Ausstattung und Motorisierung), der Kraftstofftank fasst 48 Liter. Der Wendekreis zwischen Bürgersteigen beträgt 11,1 Meter, dazu kann der Lenker 2,63 Umdrehungen hinlegen. Das macht ihn einigermaßen wendig. Für ein 30.000-Euro-Auto etwas peinlich: Der Captur besitzt vorne die mittlerweile selbstverständlichen Scheibenbremsen, hinten aber lediglich Trommelbremsen. „Premium“ ist das keineswegs, die Lösung bringt es allerdings fertig, den Wagen bei Bedarf zum Stillstand zu bringen, und das ist ja die Hauptsache.

Mehr als 1,5 Millionen wurden vom Captur bereits verkauft (hauptsächlich die Generation1), gebaut wird er wie vorher im spanischen Valladolid. Der neue Captur sieht etwas schnittiger aus als sein zahmer Vorgänger, er besticht durch eine gute Sitzposition, ein angenehmes, ja richtig schickes Interieur, ein modernes Display im Armaturenbrett und ein freistehendes Tablett für ein reichhaltiges Infotainment, das mittig über acht etwas zu klein geratenen Klaviertasten positioniert bis fast in die Frontscheibe hineinragt. Über besagte Tasten können ein paar Funktionen wie die Sitzheizungen, die Rückfahrkamera, die Zentralverriegelung oder die Parkhilfe angesteuert werden, darunter sitzen die drei chrombeschlagenen Drehregler für die Klimaanlage und wieder darunter zwei USB- und ein AUX-Stecker für zusätzliche Unterhaltungselektronik. Andere Knöpfe, für die Lenkradheizung, die Lichtintensität der Instrumente und den Spurhalteassistenten, sind für den Fahrer fast unsichtbar links vom Lenkrad platziert und verlangen nach einer Halsverrenkung. Die Haptik ist gut, die Ergonomie dagegen weniger. Ein anderes, weniger durchdachtes Detail ist die riesige Klappe, die den Zugang zum großen Handschuhfach freigibt – oder auch nicht. Denn wenn man einen Beifahrer an Bord hat, der dummerweise über Beine verfügt, kann man es gar nicht mehr öffnen, weil gesagte Beine im Weg stehen. Auch sind Schaltwippen an der Lenksäule für diese Art von Fahrzeug eigentlich überflüssig, denn kaum ein Kunde eines solchen Geräts wird sie jemals benutzen, der Captur besitzt trotzdem welche. Das schöne Lenkrad selbst ist griffig, die Lenkung leichtgängig, aber nicht ohne Feedback.

Zu den Fahreigenschaften lässt sich notieren, dass der Franzose eher für entspanntes Dahinrollen gemacht ist. Der stärkste Captur kommt trotz seinen 155 PS aus dem Stand nur mit viel Geheul und selbst dann nicht wirklich schnell aus den Puschen. Mit 270 Newtonmeter Drehmoment müsste das eigentlich – zumindest auf dem Papier – viel besser gehen, tut es aber nicht. Unser Testwagen litt zudem trotz sehr geringer Laufleistung (er war brandneu) unter diversen Elektronikproblemen, die dazu führten, dass die innere Beleuchtung und das Infotainment mitsamt Armaturen regelmäßig den Dienst quittierten und nur nach einem Neustart des Motors wieder zum Leben erweckt werden konnten. Darüber hinaus wollte der Motor auch nicht bei jedem solchen Versuch erwachen, das war sehr ärgerlich. Wir hoffen, dass es sich hierbei um einen unglücklichen Einzelfall handelte. Wie dem auch sei, wenn aber einmal rollte, dann tat er das relativ komfortabel gefedert, bei gemütlicher Gangart, oder ruckelnd und zuckelnd aus dem Stand bei forscherem Antritt. Dann verhedderte sich das Getriebe und die Souveränität war dahin. Für die schnelle Kurvenhatz ist der Captur nicht geschaffen, so viel steht fest.

Aber das Interieur ist schön, das Infotainment passabel und die jetzt viel zahlreicheren Fahrassistenten funktionieren in der Regel recht ordentlich. Die Qualität der Verarbeitung wurde gegenüber dem Vorgänger deutlich verbessert. Die Bein- und die Kopffreiheit sind dem Segment entsprechend etwas limitiert, wegen den zur Wagenmitte hin abfallenden Flanken kann für größer gewachsene Personen im Kopfbereich ein Gefühl der Enge entstehen, aber insgesamt ist es im Captur doch gemütlich. Ein Bonus stellt die um 16 cm verschiebbare Rückbank dar, mit der man den Kofferraumvolumen deutlich erhöhen kann. Darüber hinaus ist der Kofferraumboden in der Höhe verstellbare, was ebenfalls nicht unpraktisch ist. Die meisten Funktionen werden über das zentrale Tablet angesteuert, das in der Basisausstattung 7 Zoll, in höheren Sphären optional 9,3 Zoll groß ist. Die Fahrmodi findet man im sogenannten „Multi-Sense“, wo man zwischen  Eco, Sport und Individual wählen kann. Im Sport-Modus werden Gasannahme, Lenkung und Getriebe marginal verschärft, ohne dass das Fahrwerk allerdings beeinflusst wird. Wirklich sportlich ist der Sportmodus nicht. Allradantrieb gibt es wie zu erwarten auch nicht. Die „allure de baroudeur“ dieser Pseudo-Offroader ist eben nur eine Fata Morgana. Wie gehabt!

Der Basispreis von 28.403 € grenzt nicht gerade an Tiefstapelei, aber die Zusätze für die Optionen sind meist erschwinglich. Die Konkurrenten im Segment und der Preisklasse dieses Mini-SUV sind derzeit Modelle wie der Ford EcoSport, Hyundai Kona, Jeep Renegade, Kia Niro, Mazda CX-3, Nissan Qashqai, Peugeot 2008, Seat Arona, SsangYong Tivoli und VW T-Roc.

+LED-Licht rundum als Serienausstattung
+Gemütliche Sitze, aufgeräumtes Cockpit
+Nachholbedarf bei Fahrassistenten aufgeholt
+In Fahrtrichtung verschiebbare Rückbank
+Angenehm im Stau und beim Cruisen

Neuer Testwagen mit Elektronikproblemen
Schaltfaule Automatik wenn beansprucht
Sehr laut im hohen Drehzahlbereich
Navi nicht im Armaturenbrett eingeblendet
Gepfefferter Basispreis macht auf „Premium“

Technische Daten:
Captur Initiale Paris TCe 155 EDC

28.403 €
5,3-5,5 l/100 km
122-124 g/km

1.333 cm3
113 kW/154 PS @ 5.500 U/min
270 Nm @ 1.800 U/min
8,6 s 0-100 km/h
202 km/h

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

Author: Eric Netgen

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