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Der gordische Knoten

Zu teuer, ineffizient und nicht auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet. Die Kritiken über das Luxemburger Schulwesen, mit denen die „Chambre de Commerce“ letzte Woche in die Öffentlichkeit preschte, sind in etwa so frisch wie ein angegammeltes Stück Ziegenkäse.

Laut Zahlen der Handelskammer kostete im Jahr 2010 jeder Schüler den Staat 14.118 Euro. Um zu belegen, dass dies zu viel ist, wird von der „Chambre de Commerce“ der OECD-Durchschnitt, der bei 6.700 Euro pro Schüler liegt, hervorgekramt und der Vergleich mit Frankreich und Belgien, mit Ausgaben von rund 9.000 Euro pro Schüler, bemüht. Leider beruht dieser Vergleich auf rein nackten Zahlen. Ohne Verbindung mit dem jeweiligen ökonomischen Kontext ist deren Aussagekraft dementsprechend überschaubar. In etwa so groß wie die der trivialen Feststellung, dass in Belgien oder Frankreich ein Haus billiger ist als in Luxemburg.

Die Ineffizienz des Luxemburger Schulsystems belegt die Handelskammer mit den ominösen PISA-Tests. Der OECD-Ländervergleich in Sachen Bildung, mit seiner Normierung von weltweiten Lehrstandards, steht allerdings wegen statistischer Mängel und anderer Verfehlungen bei zahlreichen Bildungsforschern und Pädagogen in der Kritik. Von der nicht unwesentlichen Tatsache abgesehen, dass die PISA-Studie an sich die Kriterien einer wissenschaftlichen Arbeit nicht erfüllt.

Alles in Butter demnach im Luxemburger Schulsystem? Sicherlich nicht! Dass ein gewisser Handlungsbedarf besteht, darüber sind sich (fast) alle einig. Die Forderung der „Chambre de Commerce“, eine bessere Inklusion von ausländischen Schülern zu gewährleisten, dürfte kaum einer im Schulwesen für falsch halten. Doch gerade hier wird es schwierig bis unmöglich, den Spagat zwischen guten schulischen Strukturen samt effizienten Rahmenbedingungen und parallelen Geldeinsparungen zu schaffen.

Claude Meisch könnte der Nächste sein, der eine heiße Suppe auslöffeln muss.

Schon jetzt sind zum Beispiel in vielen Sekundarschulen Klasseneffektive von um die 30 Schüler keine Seltenheit. Um zu begreifen, dass dabei mit großer Wahrscheinlichkeit die individuelle Förderung eine von acht definierten Prioritäten, mit denen Claude Meisch (DP) das Schulwesen bis 2018 neu ausrichten möchte auf der Strecke bleibt, muss man kein Schulexperte oder Fachpädagoge sein.

Die Prioritätenliste des Unterrichtsministers hat sicherlich gute Ansätze, nur um eine realistische Umsetzung zu gewährleisten, müssen die nötigen Mittel eben vorhanden sein. Claude Meisch könnte nach der Familienministerin Corinne Cahen, die wegen der Neuausrichtung der Familien- politik im öffentlichen Kreuzfeuer steht, der Nächste sein, der eine heiße Suppe auszulöffeln bekommt. Im Schulwesen brodelt es schließlich schon länger. Und ob es Meisch gelingt, hier den gordischen Knoten trotz angesagter Sparpolitik zu lösen, bleibt abzuwarten.

So oder so, bei allen Reformideen und/ oder Sparwillen sollte eins nicht vergessen werden: Schule muss weitaus mehr sein, als lediglich das Vorformatieren von Jugendlichen für den Arbeitsmarkt. Allgemeinwissen ist und wird auch immer Wissen bleiben… und für mündige Bürger der Zukunft kein unwesentliches.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Georges Noesen

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