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Der heilige Gral

Mitte Juni nahm Ultracyclist Ralph Diseviscourt die „Race Across America“ zum zweiten Mal in Angriff. Das jetzt erscheinende Buch „Dizzy on the road – Ralph Diseviscourt beim Race Across America“ erzählt die Erlebnisse des Luxemburgers beim härtesten Radsportrennen der Welt.

Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte. Keine Binsenweisheit, sondern ein geflügeltes Wort, das durchaus seine Berechtigung hat. Wer sich zum Beispiel mit einem einzigen Bild einen Eindruck verschaffen will, was die „Race Across America“ (RAAM) ist, der sollte die Seite 99 von „Dizzy on the road“ aufschlagen. Das Foto, welches man dort sieht, zeigt den Luxemburger Ultracyclisten Ralph „Dizzy“ Diseviscourt auf einer scheinbar unendlich langen Straße, wie er von einem schweren LKW überholt wird.

Ein Foto das die „RAAM“, wie gesagt fast perfekt zusammenfasst: Es ist kein Radrennen, wie jedes andere. Die Straßen sind gesperrt, es wird nicht im Peloton gefahren, sondern ist ein Solo-Ritt, der neben der körperlichen auch eine mentale Ausdauer braucht. „Genau dieses Foto spiegelt das spektakuläre und imposante dieses Rennen wieder“, sagt Rom Helbach. Der Fotograf, welcher das diesjährige Abenteuer bei der „RAAM“ fotografisch festgehalten hat und damit auch das Buch mit ermöglichte, ergänzt: „Dieses USA Highway-Feeling und der Kontrast zwischen dem ,kleinen‘ Mann auf seinem Fahrrad, der unendlichen Natur, dem alltäglichen Verkehr und den damit verbundenen Gefahren: Als Fotograf eine solche Situation auf den Punkt kreativ einfangen zu können, das hat schon was.“ Über sein persönliches Lieblingsfoto sagt Ralph Diseviscourt: „Es ist zwar ein Klassiker für dieses Rennen, aber das Foto, wo ich die Monument Valley hinter mir lasse und die roten Felsformationen im Hintergrund zu sehen sind. Das ist auch eine der Passagen, die im Rennen selbst schon ein besonderes Highlight sind.“

„Die größte Challenge war stets auf der Höhe von Dizzy zu sein, um keinen entscheidenden oder spektakulären Moment zu verpassen.“
Rom Helbach

Da es nicht die erste Teilnahme von Diseviscourt bei der RAAM war, drängt sich natürlich die Frage auf, wieso diesmal ein Buch den Abenteuerritt in den States dokumentieren soll. „2016 bei meiner ersten Teilnahme wurden zwar teilweise Fotos gemacht, aber so richtig vollständig fotografisch festgehalten wurde das Rennen damals nicht. RTL hat natürlich einen Film gemacht, aber ein professioneller Fotograf, der die (Renn-)Eindrücke festhält, das ist irgendwie ein ganz anderes Souvenir“, sagt Dizzy. Nicht zuletzt deshalb kam die Idee auf eine Art Bilderband mit nicht allzu viel Text zu veröffentlichen – was ganz nebenbei auch seinen Sponsoren eine gewisse Visibilität garantiert. „Ich glaube, das Resultat kann sich sehen lassen“, schlussfolgert der Ultracyclist.

Das Rennen selbst ist, wie es auf dem Rückcover des Buches heißt, „die Geschichte eines Kampfes, eines Kampfes gegen sich selbst, ein extremer Kampf, ein Kampf gegen die Extreme:  4.900 km in unendlichen Weiten, steilen Bergen und trockener Wüste bei brütende Hitze, klirrender Kälte und peitschendem Regen, gegen Wind und Wetter. (…) Es ist die Geschichte eines außergewöhnlichen Rennens, bei dem die Teilnehmer die Herausforderung auf sich nehmen die USA von Oceanside an der Pazifikküste nach Annapolis an der Atlantikküste möglichst schnell zu durchqueren, ohne Hoffnung auf eine Belohnung außer der Genugtuung anzukommen.“ Und wer durch die 176 Seiten von „Dizzy on the road – Ralph Diseviscourt beim Race Across America“ blättert, der bekommt einen guten Eindruck von dem etwas anderen Roadtrip quer durch die USA. Ralph Diseviscourt sagt über das Buch: „Die gewählte Erzählform – wie eine Art Tagebuch – ermöglicht es in meinen Augen das Erlebte am besten Revue passieren zu lassen und gab mir die Möglichkeit, meine Eindrücke mit einfließen zu lassen.“

„Dizzy on the road – Ralph Diseviscourt beim Race Across America“ ist eine gute Möglichkeit, den „heiligen Gral des Ultracycling“ noch einmal „hautnah“ mitzuerleben.

Um das Tagesgeschehen fotografisch festzuhalten, stand auch Rom Helbach vor einer gewissen Herausforderung. „Die größte Herausforderung war, stets auf der Höhe von Dizzy zu sein, um keinen entscheidenden oder spektakulären Moment zu verpassen. Logistisch war das nicht immer einfach, fast unmöglich – darum bin ich unterwegs aus dem gemeinsamen Team-Media-Campervan auf einen individuellen Mietwagen umgestiegen, um flexibler und näher dran zu sein“ erklärt Helbach. Und auch wenn der zweite Platz von Ralph Diseviscourt ohne Zweifel die größere Herausforderung darstellte, so war die RAAM auch für den Fotografen ein hartes Stück Arbeit: „Ich habe zwar ein paar Stunden mehr geschlafen als Dizzy, aber eine Woche ohne Ablösung Autofahren, schlaucht auch ganz schön … und der wiederkehrende Sekundenschlaf brachte mich zum Ende des Rennens hin an meine körperliche Grenzen.“

Wenn man Ralph Diseviscourt und Rom Helbach nach dem schönsten Moment bei der diesjährigen RAAM fragt, so sind sich beide einig. „Von diesen Momenten gibt es einige, aber der schönste Moment bleibt ganz klar der, wo du die Ziellinie überquerst und du weißt, dass du es geschafft hast und deine Ziele erreicht hast“, sagt Diseviscourt und Helbach fügt dem hinzu: „Der schönste Moment war nach der Ankunft auf dem Pier in Annapolis. Die Erleichterung, dass alles geklappt hatte: Dizzy gesund am Ziel, auf dem Podium. Dann ein ganz intimer Moment wo Ralph alleine, zurückgezogen bei gerade aufgehender Sonne mit seiner Familie telefonierte und ich diese Bilder aus der Ferne – über seine Schulter hinweg festhalten konnte. Emotionen pur!“

Auf eine etwaige erneute Teilnahme angesprochen, sagt Ralph Diseviscourt fünf Monate nach der RAAM: „Ich bin mit dem Erreichten nach wie vor mehr als zufrieden. Die Anzahl derer, die dieses Rennen unter zehn Tagen geschafft haben, ist nämlich nicht sehr groß. Meine Ziele habe ich alle erreicht. Was ich noch verbessern könnte? Die Analyse der Daten zeigt, dass ich insgesamt 165 Stunden auf dem Rennrad saß, der Sieger Christophe Strasser 180 Stunden. Er hat eben weniger Pausen eingelegt. Wenn es also etwas zu verbessern gäbe, wäre es eine Optimierung der Pausenzeiten. Bei der RAAM 2016 lief einiges schief, da war der absolute Wille da, noch einmal anzutreten und meine Leistung zu verbessern. Diesen Druck verspüre ich jetzt – wo ich dies geschafft habe – nicht mehr. Es bleibt natürlich der Reiz, das Rennen vielleicht einmal zu gewinnen, aber es gibt so viele andere spannende Ultrarennen.“

„Die gewählte Erzählform – wie eine Art Tagebuch – ermöglicht es in meinen Augen, das Erlebte am besten Revue passieren zu lassen.“
Ralph Diseviscourt

Ob Ralph Diseviscourt also noch einmal an den Start einer RAAM geht, ist also ungewiss und genau deshalb ist das jetzt erscheinende „Dizzy on the road – Ralph Diseviscourt beim Race Across America“ eine gute Möglichkeit den „heiligen Gral des Ultracycling“ noch einmal „hautnah“ mitzuerleben. Gutes tut man beim Kauf des Buches übrigens auch noch, denn der Erlös geht Integral an „Zak! – Zesummen aktiv“. Die Vereinigung, die vor kurzem ihr zehnjähriges Jubiläum feierte, setzt sich für gemeinsame sportliche Erlebnisse von behinderten und nicht behindertem Menschen ein.

Fotos: Rom Helbach

„Dizzy on the road –
Ralph Diseviscourt beim Race Across America“
von Rom Helbach und Gaston Zangerlé,
ISBN-13: 978-99959-45-44-2, 176 Seiten,
erschienen bei éditions revue, 49 Euro.
Erhältlich auf shop.revue.lu
und in jeder guten Buchhandlung.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Martine Decker

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